Leseprobe

Technisches Kulturgut Provenienzforschung zu Handel und Entzug 2 HERAUSGEGEBEN VON RON HELLFRITZSCH, SÖREN GROSS UND TIMO MAPPES

HERAUSGEGEBEN VON RON HELLFRITZSCH, SÖREN GROSS UND TIMO MAPPES STIFTUNG DEUTSCHES OPTISCHES MUSEUM SANDSTEIN

Technisches Kulturgut 2 Provenienzforschung zu Handel und Entzug

GILBERT LUPFER 8 Grußwort SEBASTIAN FINSTERWALDER 10 Grußwort RON HELLFRITZSCH, SÖREN GROSS UND TIMO MAPPES 12 Vorwort RON HELLFRITZSCH, SÖREN GROSS UND TIMO MAPPES 17 Einleitung Transfer und Abhängigkeitsverhältnisse in kolonialen Kontexten BERNHARD WÖRRLE 24 Technisches Kulturgut mit kolonialer Provenienz am Deutschen Museum Ein Überblick über Fallgruppen, Möglichkeiten und Grenzen der (klassischen) Provenienzforschung ANNA MATTERN 44 Zwischen Zirkulation und Wandel Das Netzwerk hinter dem Ostasiatischen Bestand der mechanisch-technologischen Sammlung des Dresdner Polytechnikums GODWIN KORNES 58 Bootsmodelle aus Ozeanien als Technisches Kulturgut? Überlegungen zu einer unterschätzten Objektkategorie (nicht nur) in ethnologischen Sammlungen

Händler, Sammler und Verfolgte im Nationalsozialismus LENA SCHNEIDER 90 Das Archiv der Kunsthandlung Julius Böhler am Zentralinstitut für Kunstgeschichte Herausforderungen und Chancen für die Provenienzforschung zu Technischem Kulturgut RON HELLFRITZSCH 99 Ein Markt im »Kindesalter«? Die Erwerbungen des Optischen Museums Jena im Kontext des Handels mit historischen wissenschaftlichen Instrumenten vor 1945 SÖREN GROSS 121 Handel aus dem Untergrund Der jüdische Kunsthändler Julius Carlebach als Schlüsselfigur zur Erforschung des verdeckten Handels mit historischen optischen Instrumenten im Nationalsozialismus GERHARD MILCHRAM, TABEA RUDE 166 »52 Taschenuhren zurückgeben müssen …« Das Uhrenmuseum Wien. »Arisierungen« 1938–1945 und Provenienzforschung seit 1998 KATHRIN KLEIBL 181 »Im behördlichen Auftrage …« Versteigerung der »Spezial-Sachen – Gestapo« in der Hamburger Gerichtsvollzieherei 1942 CINZIA CATTIN 193 Die Wege der Filme Erste Rechercheergebnisse zur Herkunft der Artefakte der Sammlung Gerhard Lamprecht in der Stiftung Deutsche Kinemathek in der Zeit zwischen 1933 und 1945

Entzug und Handel in der SBZ/DDR TINA OPPERMANN 210 Bodenreform-Objekte, Museumsprofilierung, Vermischungen von Sammlungen Forschungen zu Eingängen in die Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen in der Zeit von 1945 bis 1989 BARBARA BECHTER 225 Die Beziehungen der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden zu den Außenhandelsfirmen der DDR ELISABETH WEBER, PETER PRÖLSS 248 Herkunft Mühlenbeck Erwerbungen aus der DDR im Deutschen Technikmuseum Neue Ansätze und spezifische Forschungsfragen CHRISTIAN KLÖSCH 264 Raub und Plünderung von Alltagsgegenständen Der aktuelle Krieg in der Ukraine und die Perspektive der NS-Provenienzforschung MAI LIN TJOA-BONATZ 282 Nautische Geräte und Schiffsteile aus dem Meer: kuratieren und bewahren BERND SCHOLZE 289 Die Laterna magica – ein Kulturgut inkognito? Die wechselvolle Geschichte eines optischen Instruments ANKE NAPP 303 Schenkungen, »Hamsterkäufe« und Tauschgeschäfte Die Provenienz der Fotoobjekte in den historischen Bildarchiven des Kunstgeschichtlichen Seminars der Universität Hamburg Anhang 323 Autor*innen 328 Impressum

12  Vorwort Technisches Kulturgut – ein neuer Bereich der Provenienzforschung 25 Jahre nach der Washington Conference on Holocaust-Era Assets wird wieder angeregt darüber diskutiert, was die Provenienzforschung leisten kann, wie sie sich fortentwickelt hat und welche zukünftigen Weichenstellungen nötig sind.1 Die letzten Jahrzehnte der Entwicklungsgeschichte dieses noch relativ jungen Forschungsbereiches spiegeln dabei deutlich wider, dass sich die Provenienzforschung zunächst eher langsam entwickelte, durch den bekannten Kunstfund Gurlitt im Jahr 2013 signifikant an gesellschaftlicher Bedeutung gewann und sich in den letzten zehn Jahren als wichtiger Bestandteil der Museumsarbeit etablieren konnte. Lag das Augenmerk der Provenienzforschung zunächst auf Werken der bildenden Kunst im Bereich der Erforschung von nationalsozialistischen Entzugskontexten bzw. bei kolonialem Raubgut im Bereich der Ethnographika, so setzte sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass in kulturbewahrenden Einrichtungen alle in bzw. ab bestimmten Zeiträumen erworbenen Objekte auf ihre Herkunft hin überprüft werden müssen. Durch einen erweiterten Forschungsfokus, der koloniale Unrechtskontexte und den Kulturgutentzug in der SBZ und DDR mit einbezieht, begann sich die Provenienzforschung besonders in den letzten Jahren immer weiter auszudifferenzieren und zu spezialisieren. Die Provenienz von Sammlungsobjekten eingehend zu rekonstruieren und zu überprüfen wird dadurch immer mehr zum integralen Bestandteil seriöser Museumsarbeit. Zugleich leistet die Provenienzforschung damit einen wichtigen Beitrag, die mit Sammlungsobjekten verbundenen Objektgeschichten und Unrechtskontexte der Öffentlichkeit ins Bewusstsein zu rufen.2 Wesentlichen Anteil an diesem Prozess trägt das 2015 als Stiftung bürgerlichen Rechts gegründete Deutsche Zentrum Kulturgutverluste mit Sitz in Magdeburg, durch dessen finanzielle Unterstützung viele Provenienzforschungsprojekte erst möglich wurden.3 So ist es der Förderung durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste zu 1 Erklärung der Beratenden Kommission für NS-Raubgut, 4.9.2023 (Onlinezugang: www.beratende-kommission.de/de/kommission#s-memorandum, letzter Abruf: 29. 9. 2023); Bach, Christine: Ein politischer Auftrag, in: Kultur & Technik. Das Magazin des Deutschen Museums 4 (2023): Die Herkunft der Dinge. Provenienzforschung, S. 12–13. 2 Ebd.; Zuschlag, Christoph: Einführung in die Provenienzforschung. Wie die Herkunft von Kulturgut entschlüsselt wird, München 2022, S. 11–20, S. 165–168; Hartmann, Uwe: Stärkung der Provenienzforschung. Eine Bilanz nach zehn Jahren dezentraler Förderung, in: Deutsches Zentrum Kulturgutverluste (Hrsg.): Provenienzforschung in deutschen Sammlungen. Einblicke in zehn Jahre Projektförderung, Berlin 2019, S. XIX – XXV; Schwartz, Johannes: Was ist Provenienzforschung? Die Washingtoner Prinzipien, ihre Umsetzung in Deutschland und Forschungen in der Landeshauptstadt Hannover, in: Museum August Kestner/Schwartz, Johannes/Vogt, Simone (Hrsg.), Spuren der NS-Verfolgung. Provenienzforschung in den kulturhistorischen Sammlungen der Stadt Hannover, Wienand Verlag, Köln 2019, S. 16–25; Wörrle, Bernhard: Herkunft belastet, in: Kultur & Technik. Das Magazin des Deutschen Museums 4 (2023): Die Herkunft der Dinge. Provenienzforschung, S. 5–11. 3 Zuschlag: Einführung Provenienzforschung (wie Anm. 2), S. 15.

13 Vorwort | Ron Hellfritzsch, Sören Groß und Timo Mappes danken, dass erstmals in Deutschland zwei technikhistorische Sammlungen systematisch auf in der Zeit des Nationalsozialismus unrechtmäßig entzogenes Kulturgut überprüft werden konnten. Zunächst entwickelte das ab Mai 2019 finanzierte Modellprojekt »Identifizierung von NS-Raubgut in technikhistorischen Sammlungen« am Deutschen Technikmuseum erste Methoden zur systematischen Bestandsüberprüfung in technikhistorischen Museen.4 Hieran schloss 2020 das Provenienzforschungsprojekt »Identifizierung von NS-Raubgut in den zwischen 1982 und 1989 inventarisierten Beständen des Deutschen Technikmuseums« an, das mit der systematischen Untersuchung der Sammlungen des Deutschen Technikmuseums begann.5 Im Zuge der grundsätzlichen Neugestaltung und Neuausrichtung des bisherigen Optischen Museums in Jena als Deutsches Optisches Museum (D.O.M.) in Form einer gemeinnützigen Stiftung wurde 2018 mit der Ausarbeitung und Planung eines Provenienzforschungsprojektes speziell in einer optikgeschichtlichen Sammlung begonnen. Seit 2020 erschließt und überprüft das Projekt »INSIGHT D.O.M. – Provenienzrecherchen zu Käufen, Schenkungen und Übernahmen am Deutschen Optischen Museum zwischen 1933 und 1945« systematisch alle Sammlungseingänge, die das Optische Museum in Jena in der Zeit des Nationalsozialismus zu verzeichnen hatte.6 Vorbild für die am Deutschen Technikmuseum und am Deutschen Optischen Museum laufenden Projekte war insbesondere die Arbeit der österreichischen Provenienzforscher*innen am Technischen Museum Wien. Dessen Sammlung wird bereits seit 1998 auf durch das NS-Regime entzogenes Kulturgut überprüft, was die Suche nach 4 Weber, Elisabeth/Prölß, Peter: Identifizierung von NS-Raubgut in technikhistorischen Sammlungen. Provenienzforschung im Deutschen Technikmuseum Berlin, in: Museumsblätter. Mitteilungen des Museumsverbandes Brandenburg, Heft 35 (Dezember 2019), S. 10–13 (Onlinezugang: www.museen-brandenburg.de/ fileadmin/Museumsblaetter/MB_35_web2.pdf, letzter Abruf 16. 10. 2023). 5 Dies.: Identifizierung von NS-Raubgut in technikhistorischen Sammlungen. Provenienzforschung im Deutschen Technikmuseum Berlin, in: Museumsblätter. Mitteilungen des Museumsverbandes Brandenburg, H. 35 (Dezember 2019), S. 10–13 (Onlinezugang: www.museen-brandenburg.de/fileadmin/Museumsblaetter/ MB_35_web2.pdf, letzter Abruf: 5. 10. 2023); dies.: Provenienzforschung im Deutschen Technikmuseum. Herausforderungen und Möglichkeiten, in: Hellfritzsch, Ron/Groß, Sören/Mappes, Timo (Hrsg.): Technisches Kulturgut. Bd. 1: Zirkulation, Ansammlungen und Dokumente des Entzugs zwischen 1933 und 1945, Dresden 2022, S. 25–31; Weber, Elisabeth/Prölß, Peter: Von der Nähnadel bis zum »Rosinenbomber« – Provenienzforschung im Deutschen Technikmuseum in Berlin, in: Retour. Freier Blog für Provenienzforschende, Beitrag vom 8. 4. 2020 (Onlinezugang: https://retour.hypotheses.org/685, letzter Abruf: 5. 10. 2023); dies.: Spuren des Unrechts. Provenienzforschung im Deutschen Technikmuseum, in: Deutsches Technikmuseum Berlin 4 (2019), S. 20–23. 6 Groß, Sören/Hellfritzsch, Ron: Verantwortung – Aufarbeitung – Erinnerung. Provenienzforschung am Deutschen Optischen Museum Jena, in: Hahn, Hans-Werner/Kreutzmann, Marko (Hrsg.): Jüdische Geschichte in Thüringen. Strukturen und Entwicklungen vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Thüringen. Kleine Reihe, Bd. 64), Wien/Köln 2022, S. 403–425; Groß, Sören: INSIGHT D.O.M. Provenienzforschung am Deutschen Optischen Museum zu Objekteingängen zwischen 1933 und 1945, in: Thüringer Museumshefte 1 (2022), S. 21–30.

14  den rechtmäßigen Eigentümerinnen bzw. Eigentümern und das Finden von »fairen und gerechten Lösungen« im Sinne der Washingtoner Prinzipien mit einschließt.7 Recht schnell wurde den beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern deutlich, dass Provenienzforschung in technikhistorischen Sammlungen die Entwicklung neuer methodischer Herangehensweisen zur Objektidentifizierung erfordert, setzen sich die zu untersuchenden Sammlungsbestände doch vornehmlich aus seriell hergestellten Objekten zusammen, wie zum Beispiel Automobilen, wissenschaftlichen Instrumenten, elektrischen Geräten oder Spielzeug. Seriennummern auf Produktionsteilen, direkte oder codierte Herstellerangaben, spezifische Dokumente aus Herstellerarchiven, Kunden- und Auslieferungsbücher verschiedener Firmen oder die Entschlüsselung von museumsinternen Inventarisierungssystemen liefern hier oft entscheidende Hinweise zur Objektidentifizierung.8 Bei handwerklich gefertigten Objekten aus der vorindustriellen Epoche existieren überdies zumeist individuelle Merkmale, die wichtige Ansätze für Objektidentifizierungen liefern können. Hierzu zählen bestimmte Formen der Verarbeitung, aber auch Altersspuren sowie nicht selten Annotationen bzw. bestimmte Ergänzungen durch die Vorbesitzer*innen. Forschungen zu Netzwerken von Händlern und Sammlern derartiger Objekte werden durch die dürftige Quellenlage sehr erschwert. Aus den angeführten Provenienzforschungsprojekten sind hierzu jedoch erste wichtige Studien hervorgegangen, die als modellhaft gelten können.9 Mit der Herausbildung eines neuen Forschungsfeldes, das sich mit der Herkunft von technikhistorischen Sammlungsobjekten aus verschiedenen Gebieten und Epochen der Industriegeschichte, der Naturwissenschaften, der Mediengeschichte usw. sowie verschiedenen kulturellen Kontexten befasst, wurde die Notwendigkeit einer geeigneten Begriffsfindung deutlich, die diesen jungen Bereich der Provenienzforschung angemessen abbildet. Termini wie »technische Instrumente« oder »technische Objekte« decken die vielen in technikhistorischen Sammlungen vorhandenen Objektgattungen nur unvollständig ab. In den Sammlungsbeständen des Deutschen Opti7 Siehe hierzu: Klösch, Christian: Inventarnummer 1938. Provenienzforschung am Technischen Museum Wien (Edition TMW, 4), Wien 2015; Klösch, Christian: Abseits der Kunst: Vom NS-Raub von Alltagsgegenständen und anderen »beweglichen Kulturgütern«. 20 Jahre Provenienzforschung am Technischen Museum Wien, in: Blimlinger, Eva/Schödl, Heinz (Hrsg.): … (k)ein Ende in Sicht(?) 20 Jahre Kunstrückgabegesetz in Österreich (= Schriftenreihe der Kommission für Provenienzforschung, Bd. 8), Wien/Köln/Weimar 2018, S. 141–148; Klösch, Christian: Der gestohlene Austro Daimler ADR – Auf der Spur eines ungeklärten Provenienzfalles, in: ebd., S. 337–354; Klösch, Christian/Kühschelm, Oliver: Technik, Massenware, Alltagsobjekte – Die Provenienzforschung am Technischen Museum Wien mit Österreichischer Mediathek, in: Anderls, Gabriele/ Bazil, Christoph/Blimlinger, Eva u. a. (Hrsg.): … wesentlich mehr Fälle als angenommen. 10 Jahre Kommission für Provenienzforschung (Schriftenreihe der Kommission für Provenienzforschung, Bd. 1), Wien/Köln/Weimar 2009, S. 214–229. 8 Weber, Elisabeth/Prölß, Peter: Identifizierung von NS-Raubgut in technikhistorischen Sammlungen, in: Mitteilungen des Museumsverbandes Brandenburg 35 (2019), S. 10–13; Klösch, Christian: Die Provenienzforschung zu arisierten Kraftfahrzeugen am Beispiel des Kraftfahrzeugbestands des Technischen Museums Wien, in: Anderls, Gabriele/Bazil, Christoph/Blimlinger, Eva u.a. (Hrsg.): … wesentlich mehr Fälle als angenommen. 10 Jahre Kommission für Provenienzforschung (= Schriftenreihe der Kommission für Provenienzforschung, Bd. 1), Wien/Köln/Weimar 2009, S. 442–452. 9 Klösch, Christian: NS-Raubgut und Verdachtsfälle auf Raubgut bei Erwerbungen aus dem (Kunst-)Handel im Technischen Museum Wien, in: Hellfritzsch, Ron/Groß, Sören/Mappes, Timo (Hrsg.): Technisches Kulturgut. Bd. 1: Zirkulation, Ansammlungen und Dokumente des Entzugs zwischen 1933 und 1945, Dresden 2022, S. 39–49; Hellfritzsch, Ron: »Der Mann ist für unsere Sammlung recht wichtig …«. Das Optische Museum in Jena und der Frankfurter Kunsthändler Walter Carl, in: ebd., S. 82–97; Klösch: Inventarnummer 1938 (wie Anm. 7), S. 38–115; Groß: INSIGHT D.O.M. (wie Anm. 2), S. 23–27.

15 Vorwort | Ron Hellfritzsch, Sören Groß und Timo Mappes schen Museums befindet sich beispielsweise ein über Jahrzehnte angelegter sehr umfangreicher Bestand an historischen Grafiken mit Darstellungen zur Geschichte der Optik beziehungsweise zur Entwicklung optischer Instrumente.10 Das Deutsche Technikmuseum in Berlin besitzt eine große Sammlung historischer Textilerzeugnisse,11 und im Technischen Museum Wien wurde unter anderem Farbenglas aus der Biedermeierzeit als Beispiel für handwerkliche und industrielle Produktion des 19. Jahrhunderts gesammelt.12 All diese Gegenstände haben einen unmittelbaren technikgeschichtlichen Bezug, auch wenn es sich bei ihnen für sich genommen nicht um technische Objekte im eigentlichen Sinne handelt. Einen wichtigen Schritt zu einer gemeinsamen Begriffsfindung für jenen neuen Bereich der Provenienzforschung bildete der im September 2021 am Deutschen Optischen Museum organisierte Workshop »Zirkulation, Ansammlungen und Dokumente des Entzugs zwischen 1933 und 1945«, der in technik- und wissenschaftshistorischen Museen und Sammlungen tätige Wissenschaftler*innen erstmals zu einem gemeinsamen Austausch zusammenbrachte. Um die Vielfalt der in den einzelnen Tagungsbeiträgen präsentierten Objekte zusammenzufassen, wurde der Begriff »Technisches Kulturgut« gewählt. Zuvor hatte diese Bezeichnung im Museumswesen13 und insbesondere unter Restauratorinnen und Restauratoren bereits mehrfach Verwendung gefunden, jedoch ohne feste Definition und auch nur zeitweise.14 Aus den Diskussionen unter den Provenienzforscherinnen und Provenienzforschern, die sich mit unrechtmäßig entzogenen Objekten in technikhistorischen Sammlungen befassen, ergab sich folgende Definition: Der Begriff »Technisches Kulturgut« bezeichnet Objekte, die mit einem technikhistorischen Interesse gesammelt wurden oder im Laufe der Zeit eine derartige Bedeutung erhielten. Dies umfasst beispielweise Automobile, Mess- und Beobachtungsinstrumente, Werkzeuge, Modelle, Waffen, Spielzeuge, Brillen und Sehhilfen, elektrische Geräte sowie Illustrationen, Grafiken, Fotografien, Beschreibungen, Bücher und andere Druckerzeugnisse, die in einem entsprechenden technikhistorischen Samm10 Steinmetz-Oppelland, Angela: Die Grafiksammlung des Optischen Museums in Jena, in: Ernst-Abbe-­ Stiftung (Hrsg.): Schatzkammer der Optik. Die Sammlungen des Optischen Museums Jena, Jena 2013, S. 243–256. 11 Weiß, Lilly-Britt: Die neuesten Fortschritte der Zuschneidekunst. Zur Formalisierung der Schnitttechnik im Schneidergewerbe im 19. Jahrhundert, Berlin 2020, S. 21–22. 12 Siehe hierzu die beiden Bände: Neuwirth, Waltraud: Farbenglas. Vom Biedermeier zum Art Déco. Technisches Museum Wien, Bd. 1–2, Wien 1993–1998. 13 Koesling, Volker: Haben Nähmaschinen Geschichte?, in: Breuninger, Joachim (Hrsg.): Der Bahnpostwagen von 1888 des Museums für Kommunikation Nürnberg, München 2005, S. 9–20; Huber, Joachim/Lerber, Karin von: Handhabung und Lagerung von mobilem Kulturgut. Ein Handbuch für Museen, kirchliche Institutionen, Sammler und Archive, Bielefeld 2003, S. 158, S. 164, S. 167, S. 170. 14 Die innerhalb des Verbandes der Restauratoren e.V. gebildete »Fachgruppe Technisches Kulturgut« hat sich vor ein paar Jahren in »Fachgruppe Industrielles Kulturgut/Kulturgut der Moderne« umbenannt: Onlinepräsenz der innerhalb des »Verbandes der Restauratoren e.V.« organisierten »Fachgruppe Industrielles Kulturgut/Kulturgut der Moderne« (Onlinezugang: www.restauratoren.de/der-vdr/fachgruppen/fachgruppetechnisches-kulturgut/, letzter Abruf: 5.10.2023); siehe auch: KOREGT e.V. – erforschen bewahren vermitteln, Förderverein des Studiengangs KRG an der HTW Berlin (Hrsg.): technisch gesehen … – Erhalt und Vermittlung von Industrie- und Alltagskultur im Wandel: Tagung und Festschrift anlässlich der Neubesetzung der Professur Moderne Materialien und Technisches/Industrielles Kulturgut im Studiengang Konservierung und Restaurierung/Grabungstechnik an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin, Berlin, 7. Oktober 2022, Berlin 2022 (Onlinezugang: https://krg.htw-berlin.de/files/Stg/KR/Foerderverein/Festschrift_technisch_ gesehen_final.pdf, letzter Abruf: 9. 10. 2023).

24 Technisches Kulturgut mit kolonialer Provenienz am Deutschen Museum Ein Überblick über Fallgruppen, Möglichkeiten und Grenzen der (klassischen) Provenienzforschung BERNHARD WÖRRLE | DEUTSCHES MUSEUM, MÜNCHEN Die Aufgabe, Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten in ihren Beständen zu identifizieren, auf problematische Provenienzen zu überprüfen und gegebenenfalls zu restituieren,1 betrifft mitnichten nur die ethnologischen Museen. Auch Technisches Kulturgut kann kolonial belastet sein. Anders als an den Völkerkundemuseen beschränkt sich die Problematik in technikhistorischen Sammlungen allerdings nicht auf ethnografische Objekte. Aufgrund der in ihr verbauten Kolonialrohstoffe ist vielfach auch bei westlicher Technik – zumindest partiell – eine koloniale Provenienz gegeben. Ausgehend von der Sammlung des Deutschen Museums, das sich im Zuge der Provenienzforschung2 seit 2020 auch verstärkt mit seinem kolonialen Erbe befasst, versucht der Artikel, der als Werkstattbericht aus einem laufenden Projekt zu verstehen ist, einen ersten Überblick über die Bandbreite von Technischem Kulturgut mit kolonialer Provenienz zu geben und für beide Fallgruppen mögliche Herangehensweisen und deren Grenzen zu skizzieren. 1 Für koloniales Sammlungsgut existiert bislang kein mit den Washington Principles für NS-verfolgungsbedingt entzogene Kulturgüter von 1998 vergleichbares internationales Abkommen. Die maßgebliche politische Grundlage in Deutschland ist bis dato das sogenannte Eckpunkte-Papier: Erste Eckpunkte zum Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten der Staatsministerin des Bundes für Kultur und Medien, der Staatsministerin im Auswärtigen Amt für internationale Kulturpolitik, der Kulturministerinnen und Kulturminister der Länder und der kommunalen Spitzenverbände vom 13. 3. 2019 (Onlinezugang: www. bundesregierung.de/resource/blob/974430/1589206/85c3d309797df4b2257b7294b018e989/2019-03-13bkm-anlage-sammlungsgut-data.pdf, letzter Abruf 26.9.2023). Vgl. auch Deutscher Museumsbund: Leitfaden. Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten. Berlin 2021 (Onlinezugang: www.museumsbund.de/publikationen/leitfaden-zum-umgang-mit-sammlungsgut-aus-kolonialen-kontexten. In Österreich soll auf der Grundlage eines im Juni 2023 vorgelegten Papiers einer Expertenkommission (Empfehlungen des Beratungsgremiums für einen Handlungsrahmen zu Beständen österreichischer Bundesmuseen aus kolonialen Kontexten) bis 2024 ein entsprechender Gesetzesentwurf erarbeitet werden (Onlinezugang: www.bmkoes.gv.at/Kunst-und-Kultur/Neuigkeiten/Museen-im-kolonialen-Kontext/pk-empfehlungen-zuobjekten-aus-kolonialen-kontexten0.html, letzter Abruf 26. 9. 2023). 2 Siehe www.deutsches-museum.de/museum/provenienzforschung, letzter Abruf 26. 9. 2023.

25 Technisches Kulturgut mit kolonialer Provenienz am Deutschen Museum | Bernhard Wörrle Technische Ethnografika Eine Abteilung für »Technik der Völker« oder Ähnliches hat es am Deutschen Museum nie gegeben. Dennoch finden sich in nahezu allen Fachgebieten kleinere oder größere Bestände von technischen Ethnografika, die großteils bereits in der Gründungsphase des Hauses zwischen 1903 und 19253 erworben wurden. Dazu gehört zum Beispiel eine auf die Fachgebiete Hüttenwesen und Metallbearbeitung verteilte Sammlung zur afrikanischen Eisentechnik: im Rennofenverfahren gewonnene Eisenluppen, Schmiedewerkzeuge, Herstellungsreihen wie die Bearbeitungsstadien beim Schmieden einer Speerspitze sowie exemplarische Endprodukte: schmiedeeiserne Hacken, Waffen, Tabakpfeifen, Schmuck usw. (Abb. 1).4 Bei vielen dieser Objekte weist bereits die Kombination aus Herkunftsregion und Erwerbungsdatum – Togo 1909 bis 1914, Kamerun 1912 bis 1914 – auf eine koloniale Herkunft hin: Beide Länder waren von 1884 bis zum Ersten Weltkrieg deutsche Kolonien. Weniger offensichtlich ist die koloniale Provenienz bei einem größeren Objektbestand zur Metallurgie und Schmiedetechnik der Mafa (Matakam) im Norden Kameruns, den der Schweizer Reiseschriftsteller und Filmemacher René Gardi (1909–2000) Ende der 1950er Jahre für das Deutsche Museum gesammelt hat. Zu diesem Zeitpunkt war Kamerun zwar nicht mehr deutsch, bis 1959 stand der von Gardi bereiste Landesteil 3 Vgl. Füßl, Wilhelm: Gründung und Aufbau 1903–1925, in: Füßl, Wilhelm/Trischler, Helmuth (Hrsg.): Geschichte des Deutschen Museums. Akteure, Artefakte, Ausstellungen München 2003, S. 59–101. 4 Weitere Fotos von vielen der im Text erwähnten Objekte sind auf der Seite www.deutsches-museum.de/ museum/provenienzforschung/koloniales-sammlungsgut bzw. in den dort verlinkten Blog-Beiträgen zu finden. 1 Schmiedegebläse aus Akpafu, Deutsch-Togo 1912 (Inv.Nr. 37168). Foto: Deutsches Museum, J. Detter.

26 Transfer und Abhängigkeitsverhältnisse in kolonialen Kontexten aber unter französischer Kolonialherrschaft. Die Unabhängigkeit erlangte Kamerun, wie viele afrikanische Staaten, erst am Beginn der 1960er Jahre. Auch die Modelle zur afrikanischen Eisentechnik in der Sammlung des Deutschen Museums haben zum Teil eine koloniale Provenienz. So stammen bei den bis 1993 in der Ausstellung »Hüttenwesen« gezeigten Schmelzofenmodellen der Gbaya in der heutigen Zentralafrikanischen Republik zwar die Figuren und die Landschaft aus den Werkstätten des Deutschen Museums, die Ofen- und Hüttenmodelle selbst wurden jedoch von afrikanischen Begleitern des Forschungsreisenden Günther Tessmann (1884–1969) angefertigt, der 1913/14 im Auftrag des Reichskolonialamts das damalige »Neukamerun« erkundete.5 Zahlreiche Objekte aus kolonialen Kontexten findet man auch in der Abteilung Schifffahrt, darunter ein 1911 erworbenes Auslegerkanu aus West-Samoa (der westliche Teil der Samoainseln gehörte damals zu den deutschen Kolonien im Pazifik) (Abb. 2), ein 1907 bei der Hamburger Ethnografikahandlung J. F. G. Umlauff gekauftes Inuit-Kajak aus Grönland (bis 1953 dänische Kolonie) oder ein im gleichen Jahr beim gleichen Händler erworbenes, über zwei Meter langes Kanumodell aus Kamerun.6 Weiteren Fällen von kolonialem Sammlungsgut begegnet man im Fachgebiet Textiltechnik: Zum Beispiel ein 1913 erworbenes Konvolut gemusterter Stoffe aus Java, die verschiedene Stadien des Batik-Verfahrens zeigen,7 aus Rentiergeweih angefertigte Nähzeuge aus Lappland,8 ein »Webstuhl mit angefangener Arbeit« aus Deutsch-Kamerun (auch dieser aus dem Hamburger Geschäft J. F. G. Umlauff) oder eine 1911 als Schenkung eines deutschen Marineoffiziers ans Deutsche Museum gekommene sogenannte Feine Matte aus Samoa. Die Grenze zwischen technischem und kunst- bzw. kulturhistorischem Kulturgut ist hier in vielen Fällen fließend: So wird eine ganz ähnliche, wenn auch deutlich besser erhaltene Feine Matte in der aktuellen Ozeanien-Ausstellung des Berliner Humboldt Forums als kostbares Prestigeobjekt in Szene gesetzt. Am Deutschen Museum wurde die Feine Matte 1911 hingegen als »sehr willkommene Ergänzung unserer Gruppe Textilindustrie«9 in die Sammlung aufgenommen, weil man in ihr aufgrund der Größe und des besonders fein gearbeiteten Geflechts ein Meisterwerk einer bestimmten textilen Technik sah. Das Gleiche gilt für eine auf den ersten Blick eher nach afrikanischem Kunsthandwerk aussehende Sammlung von Objekten aus Natal (Südafrika) im Fachgebiet Agrar- und Lebensmitteltechnik: mehrere fein geflochtene Körbchen, diverse Löffel, 5 Dinslage, Sabine (Hrsg.): Günther Tessmann: Mein Leben – Tagebuch in 12 Bänden, Teil 3 (Lübecker Beiträge zur Ethnologie, Bd. 4). Lübeck 2015, S. 133–134, S. 153. Zur Geschichte der 1951 in ein Diorama umgebauten Modelle siehe auch Füßl, Wilhelm/Lucas, Andrea/Röschner, Matthias: Wirklichkeit und Illusion. Dioramen im Deutschen Museum. München 2017, S. 160–161. 6 Weitergehende Informationen zu diesen Objekten und ihrer Geschichte sind im Blog des Deutschen Museums zu finden: Wörrle, Bernhard: Südseekanus vom Oktoberfest (Koloniales Sammlungsgut im Deutschen Museum Teil 5, Onlinezugang: https://blog.deutsches-museum.de/2021/10/01/suedseekanus-vom-oktoberfest, 1. 10. 2021, letzter Abruf 26. 9. 2023); Böhmer, Julia/Priesterjahn, Maike: Auf Spurensuche. Das Kajak der Inuit im Deutschen Museum (Onlinezugang: https://blog.deutsches-museum.de/2023/03/03/auf-spurensuche, 23.2.2023, letzter Abruf 26.9.2023) sowie Wörrle, Bernhard: Ein Kanumodell aus Kamerun (Koloniales Sammlungsgut im Deutschen Museum Teil 3, Onlinezugang: https://blog.deutsches-museum.de/2020/ 12/18/ein-kanumodell-aus-kamerun, 18. 12. 2020, letzter Abruf 26. 9. 2023. 7 Java gehörte vom 17. Jahrhundert bis zum Zweiten Weltkrieg zu Niederländisch-Indien. 8 Der Spezialfall eines kolonisierten indigenen Territoriums innerhalb Europas. 9 Dankschreiben Oskar von Millers, 10. 11. 1911, in: Deutsches Museum Archiv (DMA) VA 2066/2.

27 Technisches Kulturgut mit kolonialer Provenienz am Deutschen Museum | Bernhard Wörrle zum Teil aus Holz mit Kerbschnittmustern an den Stielen, zum Teil aus Grashalmen geflochten, verschiedene Tongefäße, dazu ein größeres, strumpfartiges Gebilde aus Pflanzenfasern sowie ein schwerer Eisenkessel. Der technische Hintergrund ergibt sich in diesem Fall erst aus dem Zusammenspiel der einzelnen Objekte. Gemeinsam bilden die Gegenstände, zu denen ursprünglich auch ein großer Mörser aus Holz gehörte, nämlich eine komplette Hirsebier-Brauerei der Zulu, die 1913 in toto von einem Mariannhiller Missionar für das Deutsche Museum beschafft worden ist.10 Größere Bestände an technischem Kulturgut mit kolonialer Provenienz finden sich weiter in den Sammlungsbereichen Musikinstrumente (früher Abteilung »Technische Akustik«11), Schreib- und Drucktechnik, Keramik, vorgeschichtliche Technik und Landverkehr (Schlitten, Sättel, Schuhe usw.) sowie bei den Lampen, Feuerzeugen, Schlössern, Maßen und Gewichten. Nicht auszuschließen ist ein kolonialer Hintergrund auch bei historischen (technischen) Objekten aus China. In der Sammlung des Deutschen Museums betrifft dies z.B. Brillen, Waagen, Schreibgeräte, Schriftrollen, Stempel, Musikinstrumente, Porzellan usw. Je nach Alter und Erwerbungsdatum kann bei solchen Gegenständen neben einer Herkunft aus einem der europäischen Kolonial10 Pater Alexander Hanisch, in: DMA VA 1479/4. Zur Person sowie zur Sammlungstätigkeit der Mariannhiller Missionare vgl. Rippe, Christoph: Auxiliary Modes of Collecting: Circulation and Curation of Photographs from the Mariannhill Mission in KwaZulu-Natal, 1880s to 1914, in: Hamilton, Carolyn/Leibhammer, Nessa (Hrsg.): Tribing and Untribing the Archive, Pietermaritzburg 2016, S. 378–413. 11 Vgl. Fuchs, Franz: Der Aufbau der technischen Akustik im Deutschen Museum. Deutsches Museum, Abhandlungen und Berichte, 31. Jg., Heft 2. München 1963. 2 Als koloniales Sammlungsgut gekennzeichnetes Auslegerkanu aus Samoa in der Ausstellung Schifffahrt 2021 (Inv.Nr. 32372). Foto: Deutsches Museum, H. Czech.

28 Transfer und Abhängigkeitsverhältnisse in kolonialen Kontexten gebiete auf chinesischem Territorium wie Macau, Hongkong oder dem deutschen »Pachtgebiet« Kiautschou auch ein Zusammenhang mit den britischen Opiumkriegen (1839–1842 und 1856–1860) oder mit der Plünderung Pekings im Kontext des sogenannten Boxerkrieges 1900 bis 1901 gegeben sein.12 Technik fremder Völker als didaktischer Ersatz Dass das Deutsche Museum insbesondere in seiner Gründungsphase solche Objekte gezielt gesammelt hat, ist auf die evolutionistische Grundidee des von Oskar von Miller (1855–1934) konzipierten Museums zurückzuführen. So heißt es in der Gründungssatzung vom 28. Dezember 1903 zu Zweck und Aufgabe der Einrichtung: » Das Museum von Meisterwerken der Naturwissenschaft und Technik hat den Zweck, die historische Entwickelung der naturwissenschaftlichen Forschung, der Technik und der Industrie in ihrer Wechselwirkung darzustellen und ihre wichtigsten Stufen insbesondere durch hervorragende und typische Meisterwerke zu veranschaulichen. «13 Das leitende Gestaltungsprinzip der Ausstellungen war dementsprechend die Fortschrittsreihe, die jeweils mit den ersten Anfängen eines bestimmten technischen Gebiets (Schiffbau, Eisengewinnung, Kraftmaschinen, Beleuchtungswesen usw.) begann und mit den (damals) neuesten Entwicklungen endete.14 Bei der praktischen Umsetzung dieses Konzepts gab es jedoch ein Problem: Von den ersten Anfängen der technischen Entwicklung existierten vielfach kaum Objekte, die man hätte ausstellen können. Die Lösung bestand für von Miller darin, an diesen Stellen vermeintlich auf der gleichen Entwicklungsstufe stehende außereuropäische Artefakte einzusetzen. So schreibt er 1909 an den Direktor des Leipziger Museums für Völkerkunde: »Da die ursprünglichsten Formen von Werkzeugen, Geräten usw. häufig nicht genügend bekannt sind, ist es notwendig, auf die entsprechend primitiven Vorrichtungen und Techniken der Naturvölker zurückzugrei12 Vgl. Deutscher Museumsbund 2021, S. 36–37. Zur Plünderung Pekings durch eine Allianz westlicher und östlicher Kolonialmächte, darunter das Deutsche Reich, 1900–1901, siehe insbesondere Spurny, Till: Die Plünderungen von Kulturgütern in Peking 1900/1901, Berlin 2008. Zu den Spuren in deutschen Museen vgl. die Vorträge der Tagung »Mitgenommen! Provenienzforschung zu Museumsobjekten aus dem ›Boxerkrieg‹«, Humboldt Forum Berlin, 2./3. 3. 2023, nachhörbar auf der Seite www.smb.museum/museen-einrichtungen/ museum-fuer-asiatische-kunst/sammeln-forschen/forschung/spuren-des-boxerkrieges/, letzter Abruf 26. 9. 2023. 13 In etwas modernisierter Form prägt dieses Konzept das Selbstverständnis des Hauses bis heute, vgl. www.deutsches-museum.de/assets/Museum/Download/Satzung/Satzung_Deutsches_Museum.pdf (§2), letzter Abruf 26. 9. 2023. 14 Vgl. Deutsches Museum: Amtlicher Führer durch die Sammlungen. München 1925 (Onlinezugang: https:// nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bvb:210-18-005744257-8, letzter Abruf 26.9.2023) sowie Matschoss, Conrad (Hrsg.): Das Deutsche Museum. Geschichte, Aufgaben, Ziele. Berlin/München 1925 (mit zahlreichen Fotos der historischen Ausstellungen). Zum Konzept der Entwicklungsreihe im Denken Oskar von Millers siehe auch Füßl, Wilhelm: Oskar von Miller 1855–1934. Eine Biographie, München 2005, S. 262; sowie Miller, Oskar von: Technische Museen als Stätten der Volksbelehrung. Deutsches Museum, Abhandlungen und Berichte, 1. Jg., Heft 5. München 1929, S. 2. Auch der damalige Direktor des Technischen Museums Wien, Ludwig Erhard, vertrat die Auffassung, dass sich Verständnis für Technik Laien am besten mit Entwicklungsreihen vermitteln ließ: Erhard, L.: Der Weg des Geistes in der Technik. Deutsches Museum, Abhandlungen und Berichte, 1. Jg., Heft 4, München 1929.

29 Technisches Kulturgut mit kolonialer Provenienz am Deutschen Museum | Bernhard Wörrle fen.« Er beabsichtige deshalb, einen seiner Ingenieure zum Studium der »sehr interessanten Sammlungen« nach Leipzig zu entsenden. »Auf Grund des in Ihrem Museum gesammelten Materials werden wir eine Liste wünschenswerter Gegenstände der Naturvölker zusammenstellen.« Vielleicht könne der Direktor des Leipziger Museums Karl Weule (1864–1926) auch »bei der Beschaffung des einen oder anderen erwünschten Objekts behilflich« sein, dem Deutschen Museum »entbehrliche Doubletten« überlassen oder leihweise Originale zur Anfertigung von Nachbildungen zur Verfügung stellen.15 Anders als heute nahmen die Ethnografika in den ursprünglichen Ausstellungen, wie sie bis zur partiellen Zerstörung des Sammlungsbaus im Zweiten Weltkrieg und zum Teil darüber hinaus bestanden,16 dementsprechend durchaus prominente Plätze ein: Das Auslegerkanu aus Samoa und das Inuit-Kajak waren – jeweils mit lebensgroßen Gipsfiguren bemannt und in große Landschaftsdioramen eingebettet – am Eingang der Abteilung Schiffbau ausgestellt. Die Schmelzofenmodelle der Gbaya standen in einem großen freistehenden Gesamtmodell am Anfang der Abteilung Eisengewinnung aus Erzen. Die Ausstellung Musikinstrumente begann mit einem Raum voll rhythmischer Instrumente aus Afrika und Asien usw.17 Relikte der – aus heutiger Sicht fragwürdigen – Idee, technische Vergangenheit, wo authentische historische Exponate fehlten, mit (zeitgenössischen) Ethnografika zu zeigen, fand man bis 2022 in den Ausstellungen Keramik (zur Veranschaulichung vorgeschichtlicher Techniken wurden hier u. a. um 1900 herum entstandene Objekte aus Südafrika verwendet) und Metalle (hier wurde die keltische Eisenverhüttung im prähistorischen Siegerland mit einer 1914 in Deutsch-Togo produzierten Eisenluppe illustriert).18 Provenienzforschung zu technischen Ethnografika Die Voraussetzungen für Provenienzforschung am Deutschen Museum sind gut: Die Sammlung ist vollständig inventarisiert. Die Inventar- bzw. Eingangsbücher19 sind komplett erhalten. Die in ihnen verzeichneten Zugangsdaten der Objekte (Bezeichnung, Einlieferer, Erwerbungsdatum, Preis/Wert) wurden bereits Ende der 1980er Jahre als Grundstock für die damals angeschaffte erste Sammlungsdatenbank elektronisch erfasst20 und sind seither vollumfänglich digital recherchier- und auswertbar. Der 15 Oskar von Miller an Karl Weule 8. 11. 1909 und 4. 12. 1909, in: DMA VA 1137/1. 16 Das Deutsche Museum wurde 1944/45 durch Bombentreffer schwer beschädigt. Die meisten Ausstellungen konnten deshalb nach Kriegsende nicht mehr in der alten Form geöffnet werden (Mayr, Otto: Der Wiederaufbau 1945–1969, in: Füßl/Trischler 2003, S. 149–180; siehe auch www.deutsches-museum.de/museum/ geschichte, letzter Abruf 26. 9. 2023). 17 Vgl. Deutsches Museum: Amtlicher Führer (wie Anm. 14); Matschoss: Das Deutsche Museum (wie Anm. 14); Deutsches Museum: Rundgang durch die Sammlungen. Amtliche Ausgabe. München 1934. Entsprechende Fotos sind auch in den in Anm. 6 aufgeführten Blog-Beiträgen sowie auf der Seite www.deutsches-museum. de/museum/provenienzforschung/koloniales-sammlungsgut (letzter Abruf 26. 9. 2023) zu finden. Speziell zu den Dioramen und Modellen siehe auch Füßl/Lucas/Röschner: Dioramen (wie Anm. 5), S. 91–94 und S. 160–161. 18 Siehe Wörrle, Bernhard: Eisenluppe aus Akpafu und ein Hammer aus gutem deutschen Stahl (Koloniales Sammlungsgut im Deutschen Museum Teil 4, Onlinezugang: https://blog.deutsches-museum.de/2021/05/06/ eisenluppe-aus-akpafu-und-ein-hammer-aus-gutem-deutschen-stahl, 6. 5. 2021, letzter Abruf 26. 9. 2023). 19 In der Buchführung des Deutschen Museums wurde anfänglich nicht zwischen dauerhaften und nur temporären Zugängen (z.B. zurückgesandte Angebote, kurzzeitige Leihnahmen zur Anfertigung von Nachbildungen u. ä.) unterschieden, sodass es hier keine klare Trennung gibt. 20 Deutsches Museum, Jahresbericht 1991, in: DMA VA Dru 0203, S. 34–36.

120 Händler, Sammler und Verfolgte im Nationalsozialismus was auf deren frühere Zugehörigkeit zu einer Sammlung hindeutet, welche möglicherweise neben antiquarischen Werken auch einige optische Instrumente umfasste. Woher diese Fernrohre stammten, konnte bislang noch nicht ermittelt werden. Ob es sich um Objekte aus einem Verfolgungskontext handelt, kann nicht ausgeschlossen werden, jedoch fehlt hierfür bislang jeder konkrete Nachweis. Fazit Während in Großbritannien der Handel mit historischen wissenschaftlichen Instrumenten in den 1920er und 1930er Jahren einen etablierten Bestandteil des Kunst- und Antiquitätenmarktes bildete, stellte er im deutschen Kunst- und Antiquitätenhandel der damaligen Zeit nur eine schwer bestimmbare Nische dar. Wie in Großbritannien so wurden derartige Objekte auch hier von Händlern oder Antiquaren, deren eigentliches Sortiment eine ganz andere inhaltliche Ausrichtung hatte, angeboten. Die Zahl und die Kaufkraft potenzieller Abnehmer für wissenschaftliche Instrumente, sowohl Museen als auch Privatsammler, war zu gering, um kontinuierlich lukrative Geschäfte zu versprechen. Ansätze für eine deutlichere Präsenz historischer wissenschaftlicher Instrumente auf dem deutschen Kunst- und Antiquitätenmarkt waren bereits erkennbar, jedoch blieb die Entwicklung hier hinter derjenigen in Großbritannien zurück. Auf Auktionen und im Sortiment einzelner Händler waren entsprechende Objekte nur gelegentlich und dann meist nicht als Konvolut, sondern nur als Einzelstücke verfügbar. Umso mehr ist Aufmerksamkeit geboten, wenn historische wissenschaftliche Instrumente nach 1933 durch einzelne Händler in kurzer zeitlicher Abfolge oder als größere Gruppen angeboten wurden. Hier gilt es, gezielt zu überprüfen, ob sich weitere Verdachtsmomente auf unrechtmäßig entzogenes Eigentum ermitteln lassen. Insgesamt bildete der Handel mit historischen wissenschaftlichen Instrumenten auf dem deutschen Kunst- und Antiquitätenmarkt auch in den Jahren des NS-Regimes eine Randerscheinung. Das Angebot an historischen wissenschaftlichen Instrumenten auf dem Kunst- und Antiquitätenmarkt dürfte nicht einmal die Nachfrage des kleinen Kreises entsprechender Privatsammler und Museen bedient haben. Umso mehr griffen diese auf informelle Netzwerke zu Forschern, Sammlern und sonstigen Einlieferern zurück, um entsprechende Erwerbungen zu tätigen. Jene Netzwerke weiter nachzuverfolgen, stellt darum eine besondere Herausforderung dar, der sich die Provenienzforschung zu Technischem Kulturgut zu stellen hat. Um bei der am Beginn dieses Beitrags benutzten Metapher zu bleiben: Der deutsche Handel mit historischen wissenschaftlichen Instrumenten war in den 1920er bis 1940er Jahren im Begriff, allmählich »dem Kindesalter« zu entsteigen, jedoch war er noch weiter vom »Erwachsenenalter« entfernt als sein britischer Gegenpart.

121 Handel aus dem Untergrund Der jüdische Kunsthändler Julius Carlebach als Schlüsselfigur zur Erforschung des verdeckten Handels mit historischen optischen Instrumenten im Nationalsozialismus SÖREN GROSS | DEUTSCHES OPTISCHES MUSEUM, JENA Einleitung Im Kontext der systematischen Ausgrenzung jüdischer Kunsthändler durch das NSRegime belegen einige Beispiele aus der aktuellen Forschung, dass deren Ausschluss aus der Reichskulturkammer nicht unmittelbar das Ende ihrer Tätigkeit im Kunsthandel bedeuten musste.1 Risikobereiten Händlern gelang es durch den verdeckten Abverkauf von Ladenbesitz, weiter getätigte Ankäufe von Museen und Sammlern sowie den Einsatz von Mittelsmännern, gewisse Möglichkeiten und Überlebensstrategien auszuloten, um in Zukunft aus dem Untergrund im Kunsthandel tätig zu sein. Julius Carlebach (1909–1964), ein jüdischer Kunsthändler aus Berlin, war so in der Lage, seine Abnehmer weiterhin mit neuen Angeboten zu beliefern, indem er seine Kunsthandlung offiziell als Trödelgeschäft deklarierte, ständig wechselnde Warenbestände anbot, für die Suche nach bestimmten Objekten »Agenten« anheuerte sowie durch Strohmänner bei Auktionen mitbot und Verkäufe abwickelte. Trotz großer Schwierigkeiten, Spitzeln der Reichskulturkammer und Überwachung seiner geschäftlichen Aktivitäten durch die Gestapo und Kriminalpolizei meldete sich Julius Carlebach kontinuierlich, teils mehrmals wöchentlich bei der Geschäftsleitung des Optischen Museums in Jena mit neuen Objektangeboten und Ansichtssendungen zu historischen Mikroskopen, Sonnenuhren, Fernrohren, Theater- und Operngläsern, Brillen und optischen Betrachtungsapparaten. In dieser Nische des Kunsthandels gelang es ihm bis zur Emigration im Jahr 1937, weiterhin Einkünfte zu erzielen und seine Geschäftskontakte im Handel mit optischen Instrumenten kontinuierlich auszubauen. Mit knapp über 1 500 Objektangeboten und 975 in die Sammlung eingegangenen Objekten stammen knapp zwei Drittel der Gesamterwerbungen des Optischen Museums in der Zeit des Nationalsozialismus, die im Provenienzforschungsprojekt 1 Tisa Francini, Esther: Jüdische Kunsthändler im Nationalsozialismus: Möglichkeiten und Grenzen, in: Bambi, Andrea/Drecoll, Axel (Hrsg.): Alfred Flechtheim. Raubkunst und Restitution (= Schriftenreihe der Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Bd. 110), Berlin u.a. 2015 (Onlinezugang: https://doi.org/10.1515/ 9783110404975-019, letzter Abruf 3. 1. 2024).

122 Händler, Sammler und Verfolgte im Nationalsozialismus »INSIGHT D.O.M.« rekonstruiert werden konnten,2 von Julius Carlebach.3 Gegenüber anderen Händlern, Sammlern und Privatpersonen stellte sich Julius Carlebach damit als einer der bedeutendsten Einlieferer des Optischen Museums heraus, der während dieser Zeit ein derartig breites Angebotsspektrum optischer Instrumente akquirieren konnte. Bis heute existiert in der Hausgeschichte des Deutschen Optischen Museums und seiner Vorgängerinstitution kein vergleichbares Beispiel eines Kunsthändlers, der historisch-optische Instrumente in solch großem Umfang aufspüren und mittels eines derartig breiten Angebotsspektrums zur Vervollständigung der optikgeschichtlichen Sammlung beitragen konnte (Abb. 1/2). Während sich nachweislich andere Museumsdirektoren und Geschäftspartner von ihm als jüdischem Kunsthändler distanzierten und Kontakte abbrachen, fand Julius Carlebach im damaligen Geschäftsführer des Optischen Museums – Moritz von Rohr (1868–1940) – einen interessierten und vertrauten Abnehmer. Durch die Intensivierung des brieflichen Austauschs mit von Rohr zu historischen optischen Instrumenten konnte sich Julius Carlebach zeitgleich ein gewisses Spezialwissen in dieser nahezu unbesetzten Nische des deutschen Kunsthandels aneignen und ein Geschäftsnetzwerk zu weiteren bedeutenden Sammlern optischer Instrumente aufbauen. Noch heute zeugen hunderte von Briefkorrespondenzen am Deutschen Optischen Museum von dieser intensiven Geschäftsbeziehung. Diese liefern umfangreiche Einblicke in den Handel mit optischen Instrumenten während der Zeit des Nationalsozialismus im Allgemeinen, insbesondere aber über die Möglichkeiten eines jüdischen Kunsthändlers, trotz Berufsverbot weiterhin aus dem Untergrund heraus wirtschaftlich aktiv zu sein. Diese für die heutige Forschung wichtigen Dokumente stellen die Grundlage dar, um Julius Carlebach als Schlüsselfigur im Handel mit optischen Instrumenten aus dem Untergrund zu untersuchen. Leitfragen sind hierbei: „ Wie konnte Julius Carlebach Zugang zu dieser Zahl an Antiquitäten erhalten? „ Wie funktionierte sein Geschäftsnetzwerk, und wer waren die Vorbesitzer? „ Welche Risiken war die Geschäftsleitung des Optischen Museums als Abnehmer eines illegalen Kunsthändlers einzugehen bereit? Im folgenden Beitrag werden aktuelle Forschungsergebnisse aus dem Provenienzforschungprojekt »INSIGHT D.O.M.« am Deutschen Optischen Museum aufgezeigt, die nicht nur Julius Carlebach als Schlüsselfigur im Handel mit optikgeschichtlichen Objekten untersuchen, sondern gleichzeitig neue Erkenntnisse aus der laufenden Erforschung seiner Händlerbiografie, seiner Geschäftsnetzwerke und nicht zuletzt seiner Händlerstrategien aufzeigen. Vorhergehende Erkenntnisse von Timo Saalmann4 und Sandra 2 Ausgenommen sind die Eingänge der Sammlung Thomas Henry Court und der Sammlung Albert von Pflugk. 3 Groß, Sören: INSIGHT D.O.M. Provenienzforschung am Deutschen Optischen Museum zu Objekteingängen zwischen 1933 und 1945, in: Museumsverband Thüringen e.V. (Hrsg.): Thüringer Museumshefte, 31. Jg. (2022), Heft 1: Provenienzforschung in Thüringen. Chancen und Perspektiven, S. 21–30; siehe ebenso Groß, Sören/ Hellfritzsch, Ron: Verantwortung – Aufarbeitung – Erinnerung. Provenienzforschung am Deutschen Optischen Museum Jena, in: Hans-Werner Hahn, Marko Kreutzmann (Hrsg.): Jüdische Geschichte in Thüringen. Strukturen und Entwicklungen vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Thüringen. Kleine Reihe, Bd. 64), Wien/Köln 2022, S. 404–425. 4 Saalmann, Timo: Erwerbungen aus Julius Carlebachs Berliner Kunsthandlung »Die Volkskunst«, in: Ebert, Anja/Saalmann, Timo: Gekauft – Getauscht – Geraubt? Erwerbungen des Germanischen Nationalmuseums zwischen 1933 und 1945. Weitere Ergebnisse der Provenienzforschung, Heidelberg 2019, S. 51–61 (Onlinezugang: https://doi.org/10.11588/arthistoricum.393.c7475, letzter Abruf 4. 1. 2024).

1 Eine Auswahl an Mikroskopen und Fernrohren, die das Optische Museum von Julius Carlebach erwarb und die sich heute noch in der Sammlung des Deutschen Optischen Museums befinden. Von hinten links nach vorn: Mikroskop aus der Produktion der Berliner Firma Bénèche um 1870 (DOM, Inv.Nr. 8736100000350), Mikroskop des Herstellers Moritz Meyerstein aus Göttingen um 1845 (DOM, Inv.Nr. 8736100000102), achromatisches Auszugsfernrohr mit 3 Auszügen des Londoner Herstellers Gilbert & Wright um 1800 (DOM, Inv.Nr. 8736100011449), achromatisches Fernrohr-Mikroskop aus der Londoner Werkstatt von Jesse Ramsden mit eingebautem Kompass und Mikroskoppräparaten im Objektivdeckel zwischen 1762 und 1780 (DOM, Inv.Nr. 8736100003024). Foto: Stiftung Deutsches Optisches Museum, Timo Mappes.

2 Eine weitere Auswahl optischer Instrumente aus der Sammlung des Deutschen Optischen Museums, die Julius Carlebach an das Optische Museum verkaufte (von oben links nach unten): teilvergoldete Lorgnette für Kinder aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts (DOM, Inv.Nr. 8736100001680), binokulares Opernglas des Herstellers Magnus Christiani aus Frankfurt am Main mit Porzellanmalerei und Griff um 1850 (DOM, Inv.Nr. 8736100003640), binokulares französisches Opernglas um 1860 (DOM, Inv.Nr. 8736100003640), Tischsonnenuhr des böhmischen Herstellers Anton Engelbrecht aus dem Jahr 1829 (Inv.Nr. 8736100008786). Foto: Stiftung Deutsches Optisches Museum, Timo Mappes.

125 Handel aus dem Untergrund | Sören Groß Mühlenberend5 zu dieser für die Forschung zum Kunsthandel im Nationalsozialismus bedeutenden Händlerbiografie können nun weiter ausdifferenziert und in einigen Bereichen korrigiert werden. Damit soll dieser Beitrag eine weitere Grundlage zur Beurteilung der Provenienzen von Erwerbungen jener Kunstgewerbe- und Spezialmuseen darstellen, in denen in den letzten Jahren bereits der Name des jüdischen Kunsthändlers Julius Carlebach unter den verfolgten Einlieferern auffiel – oder noch entdeckt wird. Zugleich soll dem Ruf der Forschungskolleg*innen aus den Vereinigten Staaten von Amerika Rechnung getragen werden,6 mehr über die frühe Biografie jenes Kunsthändlers zu erfahren, der nach der Emigration wiederum versuchte, neue Nischen im Kunsthandel zu erobern, und während der 1950er und 1960er Jahre zu einem der bedeutendsten New Yorker Galeristen aufstieg (Abb. 3).7 5 Mühlenberend, Sandra: Julius Carlebach (1909–1964). Optikhandel als Fluchthilfe, in: transfer – Zeitschrift für Provenienzforschung und Sammlungsgeschichte, Nr. 1, 2022 (Onlinezugang: https://doi.org/10.48640/ tf.2022.1.91526, 181-191, letzter Abruf 4. 1. 2024). 6 Beispiele wie das National Museum of African Art (Washington, D. C.), das National Museum of the American Indian (Washington, D.C.), das Metropolitan Museum of Modern Art (New York City), the Walters Art Museum (Maryland), the Los Angeles County Museum of Art, das Harvard Art Museum (Cambridge) oder die Sammlungen der Universitäten in Missouri und Pennsylvania sind nur eine Auswahl von Institutionen in den Vereinigten Staaten von Amerika mit Objekterwerbungen von Julius Carlebach. 7 Duchemin-Pelletier, Florence: Julius Carlebach (1909–1964) and the Trade in So-Called »Primitive Arts«, in: Julia Drost u.a.: Networking Surrealism in the USA. Agents, Artists and the Market, Heidelberg 2019 (Onlinezugang: https://doi.org/10.11588/arthistoricum.485, letzter Abruf 28. 7. 2023), S. 363–388; siehe ebenso Shoher, Itzak: Julius and Josefa Carlebach: A Personal Recollection, in: Sotheby’s New York (Hrsg.): African, 3 Julius Carlebach auf einer Ausstellung zur Entwicklung von Schachfigurensets aus der Zeit 2000 v. Chr. bis zur Gegenwart in der von ihm in New York eröffneten Carlebach Gallery. Präsentiert wird ein Set aus handgeschnitztem Elfenbein und Ebenholz des deutsch-amerikanischen Bildhauers Peter LippmannWulf (1905–1993), der ebenso aufgrund seiner jüdischen Herkunft Deutschland verlassen musste. Foto: New York Times, 24. 3. 1952, S. 27.

RkJQdWJsaXNoZXIy MTMyNjA1