Leseprobe

Das Residenzschloss zu Dresden und seine fürstlichen Bauherren

Forschungen und Schriften zur Denkmalpflege Band IV, 4 Das Residenzschloss zu Dresden und seine fürstlichen Bauherren André Fester, Norbert Oelsner, Rosemarie Pohlack Herausgegeben vom Landesamt für Denkmalpflege Sachsen SANDSTEIN

Herausgeber © 2024 Landesamt für Denkmalpflege Sachsen Schloßplatz 1, 01067 Dresden Telefon: (03 51) 48 43 04 00 Telefax: (03 51) 48 43 04 99 1. Auflage, 2024 Konzeption André Fester M.Sc., Dipl.-Hist. Norbert Oelsner, Prof. Dr. Rosemarie Pohlack Redaktion André Fester M.Sc., Dr. Konstantin Hermann, Ulrike Hübner-Grötzsch M.A., Dipl.-Hist. Norbert Oelsner, Prof. Dr. Rosemarie Pohlack Für den Inhalt der Beiträge zeichnen die Autoren verantwortlich. Alle Rechte vorbehalten. Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. Dieses Werk einschließlich seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Herstellung und Vertrieb Sandstein Verlag, Dresden ISBN 978-3-95498-791-7 Mit freundlicher Unterstützung

Inhalt Grußworte ..............................................................................................................................................................7 Vorwort ..................................................................................................................................................................9 Zum Geleit ...........................................................................................................................................................10 DAS DRESDNER RESIDENZSCHLOSS VON DEN ANFÄNGEN BIS ZUR ZEIT DER FRÜHRENAISSANCE Geschichtlicher Überblick (1170–1541) ...............................................................................................................14 Die frühen Bau- und Landesherren bis 1464 sowie Kurfürst Ernst (1464–1486) und die Herzöge Albrecht (1464–1500), Georg (1500–1539) und Heinrich (1539–1541)...............................................................22 DAS DRESDNER RESIDENZSCHLOSS IM ZEITALTER DER RENAISSANCE Geschichtlicher Überblick (1541–1656) ...............................................................................................................44 Herzog/Kurfürst Moritz (1541–1553) und Kurfürst August (1553–1586) ...........................................................49 Die Kurfürsten Christian I. (1586–1591), Christian II. (1591/1601–1611) und Johann Georg I. (1611–1656) ....79 DAS DRESDNER RESIDENZSCHLOSS IM ZEITALTER DES BAROCK UND DES KLASSIZISMUS Geschichtlicher Überblick (1656–1827)................................................................................................................94 Die Kurfürsten Johann Georg II. (1656–1680), Johann Georg III. (1680–1691) und Johann Georg IV. (1691–1694)......................................................................................................................99 Kurfürst Friedrich August I., genannt August der Starke (1694–1733), als August II. König von Polen ............113 Kurfürst Friedrich August II. (1733–1763), als August III. König von Polen .....................................................137 Kurfürst Friedrich August III. (1763–1806), als Friedrich August I. König von Sachsen (1806–1827) .............145

DAS DRESDNER RESIDENZSCHLOSS IM 19. UND FRÜHEN 20. JAHRHUNDERT Geschichtlicher Überblick (1827–1918)..............................................................................................................152 König Anton (1827–1836) .................................................................................................................................157 König Friedrich August II. (1836–1854) ............................................................................................................163 König Johann (1854–1873) ................................................................................................................................173 Die Könige Albert (1873–1902), Georg (1902–1904) und Friedrich August III. (1904–1918)...........................179 DAS DRESDNER RESIDENZSCHLOSS IM 20. UND 21. JAHRHUNDERT Einführung (1919–2023)....................................................................................................................................200 Die Nutzung des Residenzschlosses zwischen Erstem und Zweitem Weltkrieg....................................................201 Kunstgutsicherung und Kriegsbergung ..............................................................................................................203 Wiederaufbau des Residenzschlosses Dresden und denkmalpflegerische Rahmenzielstellung.............................207 ANHANG Leitende Baumeister am Dresdner Residenzschloss – Dienststellungen und Amtsbezeichnungen ......................215 Regententafel....................................................................................................................................................... 218 Quellen- und Literaturhinweise...........................................................................................................................220 Abbildungsnachweis ...........................................................................................................................................222 Autoren ..............................................................................................................................................................224

 7 Grußwort Sehr geehrte Leserinnen und Leser, gut Ding will Weile haben: Im kommenden Jahr schauen wir auf vier Jahrzehnte erfolgreichen Wiederaufbau des Residenzschlosses zu Dresden zurück. Wobei »gut Ding« mit Blick auf das Dresdner Residenzschloss eine maßlose Untertreibung ist. Hier erhielt ein echtes sächsisches Juwel seinen Glanz zurück: Einzigartige Fassaden, ein aufgearbeiteter Innenhof und prachtvolle Sammlungen zeugen von Dresdens Glanz und Sachsens Gloria. Zu einem guten Ende kommt damit auch das Schlossbuch-Projekt, das schon 1987 durch den früheren Landeskonservator Prof. Dr. Gerhard Glaser geplant wurde. Unter der Landeskonservatorin Prof. Dr. Rosemarie Pohlack wurden drei Bände realisiert. Der Bildband, den Sie nun in den Händen halten, reich ausgestattet mit historischen Karten und interessanten Abbildungen, komplettiert das Buchprojekt, indem hier die detaillierten Forschungsergebnisse der drei vorhergehenden Dokumentationsbände für eine breite Leserschaft aufbereitet und anschaulich zusammengefasst werden. Bereits Professor Cornelius Gurlitt (1850–1938), Architekt und einer der Begründer der sächsischen Denkmalpflege, widmete sich in seinen wissenschaftlichen Untersuchungen dem Dresdner Residenzschloss. Er veröffentlichte seine Ergebnisse 1878 im Aufsatz »Das Königliche Schloss zu Dresden und seine Erbauer« in Band 28 der »Mitteilungen des Königlich Sächsischen Alterthumsvereins«. Dr. Hubert Maximilian Ermisch (1850–1932), bedeutender Archivar, Historiker und Direktor der Sächsischen Landesbibliothek, hielt damit die Baugeschichte des Residenzschlosses für »in der Hauptsache abschließend dargestellt«. Ermisch hatte natürlich das intakte Gebäude vor Augen, an dem weitere Untersuchungen nur begrenzt vorgenommen werden konnten. Dass das Dresdner Schloss ein halbes Jahrhundert später nur noch eine Kriegsruine sein sollte – damals undenkbar. Aber mit den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg gab die Ruine unterschiedlichste Spuren ihrer jahrhundertelangen Entwicklung frei. Es bot sich eine große Forschungschance, die zunächst in kleinen Schritten und dann immer intensiver wahrgenommen werden konnte – stets mit dem Ziel eines wissenschaftlich fundierten Wiederaufbaus. Ich freue mich sehr, dass sich der Wiederaufbau des Residenzschlosses nun der Vollendung nähert. Seitdem kürzlich die letzten Baugerüste im Großen Schlosshof fielen, entfalten die Freskenmalereien der Loggia ihre Wirkung als gestalterischer Höhepunkt dieses zentralen Bereichs. Nun kann auch der Schlosshof gemeinsam mit den angrenzenden letzten Baustellen fertiggestellt werden: die Große Hofstube in der gotischen Halle im Erdgeschoss des Ostflügels mit der Ausstellung zur Baugeschichte des Schlosses, die RenaissanceSchlosskapelle im westlichen Nordflügel und die Paradesäle des 19. Jahrhunderts im zweiten Obergeschoss. Sachsen gewinnt mit diesem Monument sächsischer Geschichte eine wichtige historische Wurzel wieder. Die identitätsstiftende Wirkung des Denkmals zeigt sich im großen Rückhalt und der ungebrochenen Anteilnahme der Menschen. In diesem Sinne war die langjährige, kontinuierliche und intensive Förderung der Schlossbaustelle dem Sächsischen Landtag und der Staatsregierung ein wichtiges Anliegen. Die Sächsinnen und Sachsen einzubeziehen, war und ist auch allen sächsischen Landeskonservatoren ein Herzensanliegen. Ich wünsche Ihnen viel Freude bei der Lektüre und danke besonders den Förderern und Autoren dieses wertvollen Projektes. Thomas Schmidt Sächsischer Staatsminister für Regionalentwicklung

14 Das Dresdner Residenzschloss von den Anfängen bis zur Zeit der Frührenaissance Curia, castrum, slos – d. h. Hof, Burg, Schloss, so lauten die überlieferten Bezeichnungen der mittelalterlichen Vorgängerbauten des Dresdner Residenzschlosses. Auch wenn diese Bezeichnungen mit ihren historischen Begriffsinhalten nicht immer der heutigen terminologischen Verwendung entsprechen, geben sie den Entwicklungsgang der vom 12. bis ins 16. Jahrhundert bestehenden Anlagen in seiner Abfolge sehr treffend wieder. Ihren Standort hatten sie in dem gesonderten herrschaftlichen Rechtsbezirk, der sich seit der Stadtgründung Dresdens im Nordwesten der Stadtanlage herausbildete und räumlich bereits weitgehend das heutige Schlossareal umfasste. Die baulichen Anfänge reichen bis in die Zeit um 1170 zurück, als sich die Stadt Dresden im Gau Nisan südlich von Meißen – neben einem seit der Jahrtausendwende bestehenden Pfarrort mit der Frauenkirche – herauszubilden begann. Als Teil des Nisanlandes gehörte auch das entstehende Dresden zur Reichsburggrafschaft Dohna. Die Burggrafen verwalteten als höchste regionale Amtsträger des Königtums das Reichsgut und übten die hohe Gerichtsbarkeit aus (Abb. 2). Den Wettinern, die 1089 als Markgrafen zu Militärbefehlshabern in der im Jahrhundert zuvor entstandenen Mark Meißen aufstiegen, standen nur kurzzeitig um 1143 Rechte in Nisan zu. Die Initiative zur Gründung der Stadt Dresden mit ihrer besonderen Lage an einem strategisch bedeutsamen Elbübergang ging wohl von Kaiser Friedrich Barbarossa (1152–1190) selbst aus. Den Höhepunkt erreichte die staufische Königsmacht im mitteldeutschen Raum als Heinrich VI. (1190–1197) den Wettinern die gesamte Markgrafschaft Meißen, als erledigtes Reichslehen entzog und dem Reichsterritorium Pleißenland 1 angliederte. Mit dem Tod des Kaisers änderten sich die Verhältnisse schlagartig. Die seit 1198 wieder mit der Markgrafschaft belehnten Wettiner erlangten jetzt auch die Herrschaft über die Burggrafschaft Dohna und damit über Dresden. Die Herrschaftsübertragung erfolgte in Form einer Reichspfandschaft, die um 1255 wohl nochmals erneuert wurde. Für die Dauer des Pfandschaftsverhältnisses waren die Rechte des Königs über die Burggrafschaft und die Stadt Dresden auf den Markgrafen übergegangen. Als erster WetGeschichtlicher Überblick (1170 –1541) 1 | Markgraf Dietrich der Bedrängte, Grabplatte im Kloster Altzelle, 13. Jahrhundert und Stich 17. Jahrhundert. tiner in Dresden nachweisbar ist Markgraf Dietrich der Bedrängte (1198–1221), der hier in den Jahren 1206, 1215 und 1216 urkundete (Abb. 1). Eine »Stadtburg« gab es in dieser frühen Zeit des Stadtausbaus noch nicht, wohl aber einen als »curia« bezeichneten stadtherrlich-burggräflichen Hof. Dieser befand sich nahe der 1228/1235 erstmals genannten Dresdner Elbbrücke, bei der es sich um das bedeutendste Brückenbauwerk des gesamten deutschen Mittelalters handelte (Abb. 3).

Geschichtlicher Überblick (1170 – 1541) 15 2 | Brakteat der Burggrafen von Dohna, um 1200, Zeichnung von Boleslaw Richter nach dem Original. 3 | Steinbrücken des 12./ 13. Jahrhunderts im Reichsgebiet, schematische Darstellungen im Größenvergleich (Moselbrücke bei Trier römischen Ursprungs). 4 | Markgraf Heinrich der Erlauchte auf der Falkenjagd in der Manessischen Handschrift, um 1310. Spätestens nach dem Tod des Markgrafen scheint Dresden mit der Burggrafschaft wieder an das staufische Königtum zurückgefallen zu sein. Dietrichs Sohn, Markgraf Heinrich der Erlauchte (1221/30–1288), hielt erstmals 1255 in Dresden Hof (Abb. 4). Im selben Jahr fand die Hochzeit seines Sohnes Albrecht mit Margarethe, der Tochter Kaiser Friedrichs II. (1211–1250), statt. Zu deren Mitgift gehörte ebenfalls in Form einer Reichspfandschaft das Reichsterritorium Pleißenland und offensichtlich kam dabei auch die Reichsburggrafschaft Dohna mit Dresden wieder an die Wettiner. Unter Heinrich dem Erlauchten, der zuvor schon die Landgrafschaft Thüringen erworben hatte und dessen Prachtentfaltung sogar Kaiser Friedrich II. in Erstaunen versetzte, erfuhr die wettinische Landesherrschaft ihre bis dahin größte Machtausdehnung. Die von der Elbe bis zur Werra reichenden Lande teilte Heinrich allerdings bereits 1263/65 mit seinen Söhnen. Erfolgte die fürstliche Herrschaftsausübung im Mittelalter üblicherweise in Form einer Reiseherrschaft, so wurde Dresden seit dieser Landesteilung zum bevorzugten Hauptaufenthaltsort Markgraf Heinrichs, sodass die moderne Bezeichnung »Residenz« gerechtfertigt erscheint. Seinen Fürstensitz mit einem Palas oder Saalbau ließ er

16 Das Dresdner Residenzschloss von den Anfängen bis zur Zeit der Frührenaissance Dohna als eigene kleine Herrschaft seinem jüngsten Sohn Friedrich Klemme (1288/89, 1291–1315; er ist auf dem Bildzyklus »Dresdner Fürstenzug« nicht dargestellt) übertragen. Dieser hatte sie als »Markgraf von Dresden« unter der Oberlehnsherrschaft der Bischöfe von Meißen bis 1315 inne. Den bis zur Lockwitz reichenden östlichen Teil der Reichsburggrafschaft bauten die Donins zu einer eigenen Herrschaft aus. 1315 wurde Dresden von den Markgrafen von Brandenburg militärisch besetzt. Erst 1317/19 konnte Friedrich Klemmes Neffe, Landgraf Friedrich der Freidige (1307–1323), die Herrschaft Dresden von den Bischöfen als Lehen erwerben. Unter diesem Enkel Kaiser Friedrichs II. und Heinrichs des Erlauchten hatte sich das Schwergewicht der wettinischen Landesherrschaft zwar nach Thüringen verlagert, jedoch zeigt der Erwerb Dresdens die hohe Wertschätzung für dieses fast drei Jahrzehnte abgesonderte Erbteil. am sogenannten Taschenberg, in einiger Entfernung zu dem Hof am Brückenkopf errichten, der um 1230 kastellartig ausgebaut worden war. Für Dresden nahm nun ein über zwei Jahrhunderte verlaufender, auch »Rückschläge« verkraftender Residenzbildungsprozess seine Anfänge, wie die Analyse der Herrscheritinerare 2 hinsichtlich der fürstlichen Hauptaufenthaltsorte eindrücklich erkennen lässt (Abb. 5). Die wettinische Landesherrschaft geriet mit dem Tod Heinrichs des Erlauchten im Jahre 1288 in eine tiefe Krise. In der Herrschaft über die Markgrafschaft Meißen wechselten verschiedene konkurrierende Linien des wettinischen Hauses einander ab. Der Tiefpunkt war erreicht, als das Königtum den Wettinern von 1296– 1307 die Markgrafschaft als erledigtes Reichslehen entzog. Allerdings betraf dies Dresden nicht. Heinrich der Erlauchte hatte die Stadt mit dem westlichen Teil der bisherigen Reichsburggrafschaft 5 | Aufenthaltsorte Markgraf Heinrichs des Erlauchten im meißnisch-thüringischen Herrschaftsgebiet und in angrenzenden Territorien, Stand 2023.

Geschichtlicher Überblick (1170 – 1541) 17 | Das Dresdner Gebiet ist seit 1319 | dauerhaft bei der Markgrafschaft Meißen | geblieben. Für die Herrschaftspraxis Friedrichs des Ernsthaften (1323–1349), des Sohnes Friedrichs des Freidigen, spielte Dresden als fürstlicher Aufenthaltsort wieder eine wichtige Rolle. 1348/49 fanden hier reichspolitisch bedeutsame Verhandlungen statt, als die führenden Vertreter der um den Königsthron streitenden wittelsbachischen und luxemburgischen Parteien – Markgraf Ludwig von Brandenburg und der als Gegenkönig gewählte Karl IV. – nach Dresden kamen. Die ihm dabei von den Wittelsbachern angetragene Königskrone lehnte Friedrich der Ernsthafte ab. Sein Sohn Friedrich der Strenge (1349–1381) regierte zunächst als Vormund, seit ca. 1365 gemeinsam bzw. seit 1371 bei wechselnder Vormundschaft mit seinen Brüdern Balthasar und Wilhelm I. über die thüringischen, osterländischen und markmeißnischen Territorien der Wettiner. Dresden wurde zum erstrangigen Herrschaftsmittelpunkt des markmeißnischen Gebiets. Im Ergebnis der Chemnitzer Teilung 1382 erhielt Markgraf Wilhelm I. (ca. 1365–1407) den wesentlichen Teil der Markgrafschaft Meißen (Abb. 6). Dieser energische Markgraf – auch er fehlt auf dem »Dresdner Fürstenzug« – betrieb die endgültige Durchsetzung der wettinischen Landesherrschaft im Markengebiet. Er schuf mit der Vertreibung der Donins 1402 nicht nur neue Verhältnisse im Dresdner Raum, sondern bewirkte auch eine grundlegende Änderung der Verhältnisse auf dem symbolträchtigen Burgberg in Meißen. Sowohl der Meißner Bischof als auch der Meißner Burggraf wichen vor ihm in ihre eigenen Herrschaftsgebiete aus. Die Reiseherrschaft Markgraf Wilhelms I. war durch eine gewisse Turnusmäßigkeit gekennzeichnet. In seinem Itinerar erweisen sich Dresden und nunmehr – erstmals seit dem 13. Jahrhundert – auch wieder Meißen gegenüber allen anderen wichtigen Aufenthaltsorten als bevorzugte Herrschaftsschwerpunkte (Abb. 7). Dies war verbunden mit dem Ausbau der Herrschaftssitze zum neuartigen Typus der Residenz- oder Fürstenburg. Hatten im Dresdner Burg- bzw. Schlossareal bis dahin noch die Bauten am Taschenberg der fürstlichen Hofhaltung gedient, so wurde nun die Anlage am Brückenkopf zu einer solchen Fürstenburg ausgebaut. Als besonderes Herrschaftszeichen erhielt sie mit dem Hausmannsturm den mächtigsten gotischen Burgturm der wettinischen Lande. Als Wilhelm 1407 starb, vererbte er seinen Neffen eine gefestigte Landesherrschaft, die vor allem Friedrich der Streitbare (1381–1428) zu nutzen verstand. Ihm gelang es 1423 das Herzogtum Sachsen (-Wittenberg) und die damit verbundene Kurwürde zu erwerben. | Mit dem Aufstieg in den exklusiven Kreis | der sieben Kurfürsten, denen allein das Recht | der Königswahl zustand, übertrug sich der | Name Sachsen allmählich auf das gesamte | wettinische Territorium. 6 | Markgraf Wilhelm I., Stich nach der heute stark zerstörten Grabplatte im Dom zu Meißen, 17. Jahrhundert. Das Dresdner Gebiet aus dem Wilhelmschen Erbe hatte allerdings Friedrich der Friedfertige (1406–1440) erhalten. Als Landgraf von Thüringen bestimmte er Weimar zum Hauptaufenthaltsort. An zweiter Stelle folgte Dresden, das Herrschaftsmittelpunkt seiner markmeißnischen Besitzungen wurde. Angesichts der Hussitengefahr ließ der Land- und Markgraf die Dresdner Stadtbefestigung

18 Das Dresdner Residenzschloss von den Anfängen bis zur Zeit der Frührenaissance 7 | Aufenthaltsorte Markgraf Wilhelms I. in seinem Herrschaftsgebiet und in angrenzenden Territorien, Stand 2013. erheblich verstärken. Sie hielt der hussitischen Belagerung von 1429 stand. Friedrich der Friedfertige kam den Dresdner Bürgern persönlich mit einer Streitmacht zu Hilfe. Wohl in Finanznöten verkaufte er 1433 Dresden mit seinen anderen markmeißnischen Besitzungen an Kurfürst Friedrich den Sanftmütigen (1428–1464), den Sohn Friedrichs des Streitbaren. Unter diesem Kurfürsten verstärkte sich die partielle Trennung von Herrscher und Hof als Einrichtung zu dessen Versorgung. Der Hof entwickelte sich immer mehr zum Kristallisationskern einer zentralen Landesverwaltung weiter und verweilte zunehmend an einem festen Standort, den der seine Reisegewohnheiten beibehaltende Fürst in Abständen für längere oder kürzere Zeit aufsuchte. Hauptaufenthaltsort von Fürst und Hof wurde nun Meißen. Dresden liegt im Itinerar mit Leipzig etwa gleichauf. Jedoch ist Dresdens eigentümliche Stellung dadurch gekennzeichnet, dass es zusammen mit Torgau als gesonderter standesgemäßer Besitz für Friedrichs jüngeren Sohn Albrecht bestimmt war. 8 | Belehnung von Kurfürst Ernst und Herzog Albrecht durch Kaiser Friedrich III., Wandbild von Alfred Diethe in der Albrechtsburg Meißen, 1878.

Geschichtlicher Überblick (1170 – 1541) 19 9 | Die wettinischen Lande nach der Leipziger Teilung 1485, schematische Darstellung. Herzog Albrecht (1464–1500) und sein älterer Bruder Kurfürst Ernst (1464–1486) regierten nach dem Tod Friedrichs des Sanftmütigen 1464 zwanzig Jahre gemeinsam (Abb. 8). Fast über diesen gesamten Zeitraum war Dresden der Hauptstandort des längere Zeit hier sogar seßhaften Hofes. 1468 begann der tiefgreifende Umbau der Dresdner Fürstenburg zur neuartigen Schlossanlage. 1471 setzten, befördert durch die reichen erzgebirgischen Silberfunde, die Arbeiten an der Meißner Albrechtsburg ein. Es scheint, dass mit den beiden benachbarten und fast zehn Jahre parallel laufenden Schlossbauprojekten eine »komplexe Residenzkonzeption« verfolgt wurde, bei der die Albrechtsburg die Funktion einer repräsentativen »Festtagsresidenz«3 übernehmen und das Dresdner Schloss gewissermaßen als bequeme »Alltagsresidenz« dienen sollte. Dabei sei hier angemerkt, dass die Bezeichnung »Residenz« nicht zum mittelalterlichen Sprachgebrauch gehörte. Man sprach vom »Hoflager« bzw. vom »gewöhnlichen oder wesentlichen Hof«. Im Jahre 1485 nahmen die Brüder Ernst und Albrecht, die seit dem Tod ihres Onkels Wilhelm des Tapferen 1482 die gesamten wettinischen Lande unter sich vereinigten, die sogenannte Leipziger Teilung vor. In deren Ergebnis entstanden ein ernestinisches Kurfürstentum und ein albertinisches Herzogtum Sachsen (Abb. 9). Die Albrechtsburg erhielt danach allerdings nie die ihr zugedachte Funktion. Dresden, das seit dem 13. Jahrhundert im landesherrlichen Residenzbildungsprozess von allen wettinischen Herrschaftsschwerpunkten die größte Beständigkeit aufzuweisen hatte, etablierte sich nun endgültig zur Hauptresidenz des albertinischen Sachsen. Meißen ist jedoch mit seiner für die Markgrafschaft namengebenden Reichsburg bis heute Ort höchster Symbolkraft. Obwohl Herzog Albrecht mit der Leipziger Teilung alleiniger Landesherr eines Territoriums geworden war, das große Teile der Markgrafschaft Meißen, des Osterlandes mit Leipzig und des nördlichen Thüringens umfasste, stand er weiterhin häufig im

48 Das Dresdner Residenzschloss im Zeitalter der Renaissance 1 | Dresden, schematische Grundrissrekonstruktion der Residenzstadt unter Herzog/Kurfürst Moritz und Kurfürst August. Residenzstadt Dresden unter Herzog/Kurfürst Moritz und Kurfürst August seit Beginn des Festungsbaus 1546–1586 Schematischer Grundriss der Stadtanlage innerhalb des Befestigungsringes sowie Siedlungskern von Altendresden mit Kennzeichnung wichtiger zum Hof gehöriger Bauten und Areale. Der westliche Teil des Friedhofs der Frauenkirche wurde zu Gunsten neuer Baustätten aufgegeben und nach Norden verlagert. Autoren: Norbert Oelsner, Frank Walther, Henning Prinz, Günter Kavacs Zeichnung: Christina Sobtzick, Helga Schmidt Bearbeitungsstand: 2018 Landesamt für Denkmalpflege Sachsen

Herzog/Kurfürst Moritz und Kurfürst August 49 Residenztopografie Bereits in den ersten Jahren nach Herzog Moritz’ Regierungsübernahme im albertinischen Sachsen traten die politischen Differenzen zum ernestinischen Kurfürstentum immer stärker hervor. Bald drohte auch der Konflikt zwischen Kaiser Karl V. und dem vom ernestinischen Kurfürsten Johann Friedrich geführten Schmalkaldischen Bund militärisch zu eskalieren. Angesichts der Gefahr eines baldigen Krieges ließ Moritz im Jahre 1545 mit dem Bau einer neuen Festungsanlage für Dresden beginnen. Die unter Herzog Georg angelegte Rempart-Befestigung reichte dem jungen tatkräftigen Fürsten nicht mehr zur Sicherung seiner Residenzstadt aus. Den schnell fortschreitenden internationalen Entwicklungen im Befestigungswesen Rechnung tragend, wurde nun in Dresden unter der Leitung des »Oberzeug- und obersten Baumeisters« Caspar Vogt von Wierandt sowie des »Obersteinmetzen« Melchior Trost eine der modernsten Festungsanlagen des Reiches errichtet, die sich in den kriegerischen Auseinandersetzungen hervorragend bewährt hat (Abb. 1, 2). Bereits 1547 kam es zu einem ersten erfolglosen Angriff auf die im Bau befindliche Anlage durch Herzog/Kurfürst Moritz und Kurfürst August 1 kurfürstliches Residenzschloss 2 Badestube des Kurfürsten um 1555 (2) 3 a Brau- und Malzhaus 1560 (2), Rauch- und Provianthaus samt Futterböden; b Probierstube / -haus 1580/92 (3) – spätere Bezeichnung Goldhaus 4 Stallgebäude 1549/1556 (2), Hofapotheke im Obergeschoss 1581 (3) 5 a Backhaus und Destillierhaus 1560 (2), bis etwa 1553 (2) Zeughaus, vor 1591 Haus des Hofalchimisten Sebald Schwertzer; b Badestube der Kurfürstin im Obergeschoss 1560 (2) 6 Schlosstor mit Schösserei (1) 7 Georgenbau 1533/34–1537 (4) 8 kurfürstliche Münze 1556 (1): a Schmelzhaus; b Münzhaus und Badehaus für die »Frauenzimmer« (Renovierung 1608) 9 Kanzleihaus 1565–1568 (1) 10 kurfürstlicher Stall (»Neue Ställe«) 1554 (2) mit Renn-/ Stechbahn, Neue Harnischkammer 1567/68 (2) 11 sog. Goldgang 12 a ehemaliges Franziskaner Kloster, Kirche unter Kurfürst August wohl bis 1563 als Zeughaus genutzt, des Weiteren: Stallgebäude, Malzhaus etwa 1560?; b Waschhaus 1563 (1) 13 Zeughausareal mit höfischen Versorgungsbauten, u. a.: a Hauptzeughaus 1559–1563 (1); b Wagenhaus 1568 (2); c Zeugmeisterhaus und d Zeugwarthaus, 1589 (2); e Windmühle 1565? (2) später Pulverturm; f Zimmerhof 1568 (2), Roßmühle geplant 1580; g kurzzeitiges Hafenbecken und Arsenalpforte 1578 (2); h Gießhaus 1568 in der Kleinen Bastei 1553 (1) 14 R esidenzhaus Kreuzgasse 1571 von Melchior Hauffe erkauft, ab 1582 (3) Wohnsitz des Kurprinzen mit Harnischkammer (1582–86) und zugehörigen Pferdeställen 14 a Haus Herzog/Kurfürst Augusts (Kreuzgasse) 1551– mind. 1556 15 Handwerksleutehaus 1554–1614 (2) 16 Hofkantorei 1568 (2) 29 Jägerhof 1569 errichtet 30 vermutlich Löschwasserhebewerk um 1566 (1) für das Residenzschloss mit dem Hof in Zusammenhang stehende Kirchen höfische Gebäude höfische Gebäude, Baubestand z. T. unklar bzw. häufig geändert höfisches Gebiet Burglehen Festungswerke Gärten Gärten z.T. unklar bzw. häufig geändert Stadtgraben (1) erbaut, (2) vorhanden, (3) Umbau eines vorher anders genutzten Gebäudes, (4) Umbau/Ausbau, eine eindeutige Differenzierung in Neu- oder Umbauten ist nicht immer möglich

50 Das Dresdner Residenzschloss im Zeitalter der Renaissance 3 | Dresden, Stadtansicht um 1570, Federzeichnung von Gabriele Tola (Ausschnitt). 2 | Dresden, Darstellung der Befestigungsanlagen unter Herzog/Kurfürst Moritz mit Kennzeichnung der Bauabschnitte 1546–1550, Caspar Vogt von Wierandt, 1550.

Herzog/Kurfürst Moritz und Kurfürst August 51 die Truppen Johann Friedrichs. Errichtet nach der sogenannten altitalienischen Manier, war sie 1555 fertiggestellt (Abb. 3). Für diese gigantische Bauaufgabe fielen allein im Jahr 1549 Aufwendungen von 57 950 Gulden an. Das bedeutete im Vergleich mehr als die Hälfte der Gesamtkosten für den von 1547–1555/56 erfolgten Dresdner Residenzschlossbau, den Moritz nach seiner Erhebung zum Kurfürsten errichten ließ. Mit der neuen Festungsanlage kam endlich auch die Einbeziehung der ehemaligen Frauenkirchensiedlung in die Residenzstadt zum Abschluss, indem die trennende alte Stadtmauer abgetragen und der Neumarkt als Holz- und Getreidemarkt angelegt wurde. Als Moritz 1553 starb, waren die Befestigungswerke bis zur »Pirnischen Pastei« ausgeführt. Das sogenannte Moritzmonument kennzeichnete als Sinnbild für die Weitergabe der Kurwürde die Stelle, an der das Festungsbauwerk unter dem neuen Kurfürsten August fortgesetzt wurde (Abb. 4). Hatte Moritz die politischen und territorialen Grundlagen für den albertinischen Kurstaat geschaffen, so führte sein Bruder August den inneren Ausbau des Landes intensiv fort. Dazu gehörte unter reger Anteilnahme seiner Gemahlin Anna von Dänemark die weitere Ausgestaltung Dresdens zu einer der erstrangigen Fürstenresidenzen im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Zunächst wurden die im Bau befindlichen Großprojekte – das kurfürstliche Residenzschloss und die dem Schutz von Residenz und Residenzstadt 1 gleichermaßen dienenden Festungswerke – zügig vollendet, wobei der Kurfürst die nur noch formal dem Dresdner Rat obliegende fortifikatorische Befehlsgewalt endgültig an sich zog. Residenzschloss und Festung stellten somit die prominentesten Herrschaftszeichen des albertinischen Hauses in seiner neuen 4 | Dresden, Moritzmonument am ursprünglichen Standort an der Festungsanlage, Aufnahme vor 1895.

52 Das Dresdner Residenzschloss im Zeitalter der Renaissance 5 | Dresden, Kurfürstliche Münze, errichtet 1556, einzige bekannte Gesamtansicht von Schmelzhaus (links) und eigentlichem Münzgebäude (rechts) nördlich vor dem Georgenbau. Ausschnitt aus der Stadtansicht von Andreas Vogel 1634. 7 | Dresden, Elbtor (rechts), Zugang zur Münze (Mitte), Georgenbau (Mitte hinten), Jagdtor des Stallhofs (links), Kupferstich (Ausschnitt) aus Tzschimmer 1680. 6 | Dresden, neues Elbtor (»Schönes Tor«), nach Hilscher 1729. reichspolitischen Stellung dar, die weit über die Grenzen Kursachsens hinaus ausstrahlten. Die neue Qualität der Dresdner Residenz fand nun auch in einer Vielzahl herrschaftlicher Bauvorhaben ihren Ausdruck, deren repräsentative Gestaltung und funktionale Differenzierung den gestiegenen Ansprüchen und wachsenden Aufgaben eines der führenden Fürstenhöfe des Reiches gerecht werden sollten. Sie bildeten bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges einen gut nutzbaren und entwicklungsfähigen Grundstock für den höfischen Gebäudebestand der Residenz. Die eigenständige Bautätigkeit Kurfürst Augusts in Dresden setzte mit der Errichtung einer neuen sächsischen Hauptmünzstätte ein. Im Jahre 1556 hatte der Kurfürst im Zusammenhang mit der Trennung des Münzwesens vom Berg- und Hüttenwesen die Verlegung der Hauptmünze von Freiberg nach Dresden verfügt. Der neu errichtete Münzhof mit dem kurfürstlichen Münzgebäude und dem zugehörigen Schmelzhaus befand sich nahe dem Residenzschloss unmittelbar nordwestlich des Georgenbaus, bis er 1738 dem Neubau der Katholischen Hofkirche weichen musste. An der Ostseite war der Münzhof durch eine Mauer und das Münztor zur neuen Brückenzufahrt hin gesichert (Abb. 5). Diese Zufahrt, aus der der heutige Schlossplatz hervorging, entstand, indem man beim Bau der Festung den Raum vor dem Georgenbau auffüllte und dadurch den Brückenkopf der Elbbrücke bis zum Pfeiler 6 zuschüttete. Mit der dabei vorgenommenen Errichtung eines neuen Elbtors (Abb. 6), das mit seinem vielgerühmten triumphbogenförmigen Portal (»Schönes Tor«) nun den Zugang von der Festung zur »verkürzten« Elbbrücke gewährte, erfolgte die Schließung der Tordurchfahrt unter dem Georgenbau. Damit wurde die alte städtische Hauptachse und direkte Verbindung von zentralem Marktplatz (Altmarkt) und Elbübergang für lange Zeit aufgegeben, allerdings gewann man dafür eine direkte Verbindung von der Elbbrücke zum Neumarkt (Abb. 7). Der Komplex von Nebenbauten am Taschenberg wurde seit etwa 1555 erheblich umgestaltet (Abb. 8, 9). So richtete man im nördlichen Teil des einstigen markgräflichen Palas oder Saalbaus aus dem 13. Jahrhundert an der heutigen Sophienstraße die bis 1580 erwähnte Badestube des Kurfürsten ein, zu der ein markanter Achteckbau mit Wasserbecken gehörte (Abb. 11). 1581 nahm das Gebäude das »Probierhaus« oder »Laboratorium-Haus« auf, für das spätestens seit 1598 die Bezeichnung »Goldhaus« üblich wurde. Es enthielt ein großes »Laboratorium-Gewölbe« und steht für die lange alchemistische Tradition am Dresdner Hof. Das 1560 genannte Hofbrauhaus mit dem Malzhaus schloss sich entlang der Taschenberggasse an. Es folgte das »Rauch-Haus«, das der Konservierung und Lagerung von Wildbret diente. Neben einem »Schlachtgewölbe« waren hier auch die »Ritterküche« und die »Bräuerstube« untergebracht. Mit dem Rauch-Haus verbunden waren auch die bereits 1518/19 erwähnten Korn-, Futter-, und Mehlböden sowie weitere Vorratsspeicher. Östlich der anschließenden Durchfahrt von der Taschenberggasse zum Garten der Kurfürstin und zu einem als Frauenhof

Herzog/Kurfürst Moritz und Kurfürst August 53 8 | Dresden, Residenzschloss, Erdgeschoss und Nebengebäude um 1586/88 unter Verwendung eines Planes von Paul Buchner, Bearbeiter: Henning Prinz, Norbert Oelsner; Zeichnung: Christina Sobtzick, Helga Schmidt; Forschungsstand 2018. Östlicher Nordflügel und Hausmannsturm 1 Kellerstube 2 Raum 3 Raum 4 Raum 5 Turmraum Westlicher Nordflügel C 1 Durchfahrt K Schlosskirche (Schlosskapelle) Westflügel Geheime Verwahrung (Grünes Gewölbe) 6 Östlicher Eingangsraum 7 Westlicher Eingangsraum 8 Saal 9 Erkerraum Mittlere Raumgruppe 10 Eingangsraum 11 Raum 12 Fensterloser Raum 13 Abschließender Raum 14 Eingangskorridor 15 Großes Zugangsgewölbe 16 Nördlicher Nebenraum 17 Südlicher Nebenraum Große Hofküche 18 K üchenraum mit Rauchfang und Herdstelle 19 Nebengelass Südflügel Große Hofküche (Räume bei der Silberwäsche) 20 Verbindungsraum 21 Raum an der Silberwäsche 22 Erster Nebenraum 23 Zweiter Nebenraum 24 Dritter Nebenraum 25 Durchgangsraum 26 Raum Mittlere Raumgruppe 27 Vorraum 28 Raum Östliche Raumgruppe 29 Eingangsraum 30 Raum Torhaus zwischen den Schlosshöfen A 1 Durchfahrt Östlicher Südflügel und Schössereiturm 31 Dreiecksraum 32 Rentkammer, Archivraum 33 Raum im Schössereiturm Ostflügel Silber- und Lichtkammer 34 Südlicher Zugangsraum 35 Mittlerer Raum 36 Nördlicher Raum Tapezerei- und Tuchgewölbe ? 37 Zugangsraum 38 Mittlerer Raum 39 »Wappengewölbe« 40 Brunnenraum Schneiderei 41 Nördliches Zugangsgewölbe 42 Raum (Schneiderstube?) Zu Schneiderei? 43 Trapezraum (Kellerzugangsgewölbe) 44 Gangförmiger Raum Georgenbau 45 Raum südlich der Durchfahrt D 46 Raum nördlich der Durchfahrt D Torhaus an der Schlossgasse B I Durchfahrt S Erdgeschoss Hauptzugänge möglicher Nebenzugang Münztor/Georgenbau ehemaliges Wassertor, 1533 zugesetzt Jahresangabe ohne Klammer: Erbauungsjahr Jahresangabe in Klammer: früheste z.Z. bekannte Erwähnung 0 50 m _ _ _ _ _ _

112 Das Dresdner Residenzschloss im Zeitalter des Barock und des Klassizismus 1 | Residenzstadt Dresden, Stadtplan mit Kennzeichnung wichtiger höfischer Bauten, um 1730, nach Plangrundlage Maximilian von Fürstenhoff (Ausschnitt).

Kurfürst Friedrich August I., genannt August der Starke, als August II. König von Polen 113 Residenztopografie Die Regierungszeit Augusts des Starken ist untrennbar mit dem prachtvollen und baukünstlerisch höchst anspruchsvollen Ausbau der Dresdner Residenz verbunden, die 1697 nach dem Erwerb der polnischen Krone die Residenz eines Königs geworden war. Dazu gehörte das räumliche Ausgreifen in das ländliche Umfeld, das bereits unter Johann Georg II. und Johann Georg III. mit dem Lusthaus im Italienischen Garten und dem Palais im Großen Garten (s. Abb. 12, 13 S. 105) begonnen hatte (Abb. 1). Unter August dem Starken formte sich schrittweise mit der Errichtung unterschiedlichster Lust- und Festbauten und ihren weiträumigen Gartenanlagen die Dresdner Residenzlandschaft, zu der nun Pillnitz und Übigau, aber auch Moritzburg und Großsedlitz gehörten. Als erstes Bauvorhaben ließ der Kurfürst-König ein neues Komödienhaus im Zwingergelände errichten (Abb. 2). Die Leitung lag in den Händen von Oberlandbaumeister Christoph Beyer. Das Neue oder auch Kleine Komödienhaus, das als Sprechtheater angelegt war, bestand bis um 1730. Es bereicherte die unter Klengel und Starcke entstandene Gruppe von Festbauten – Reithaus, Redoutenhaus und Schießhaus (Abb. 3). 1707 beauftragte August der Starke den Umbau des bisherigen Komödienhauses am Westflügel des Residenzschlosses zur katholischen Hofkapelle (Abb. 4, 5). Mit Anklängen an die Schlosskapelle von Versailles entstand erstmals seit der Reformation wieder ein separater katholischer Kirchenraum. Die evangelische Schlosskapelle wurde weitgehend belassen, jedoch erfolgten Renovierungen und kleinere Umgestaltungen. August der Starke förderte südlich des Residenzschlosses den Kauf von Adels- und Bürgerhäusern, um an deren Stelle für seine bekannteste Mätresse, die Gräfin Cosel, ein prachtvolles Palais zu errichten. Unter Beteiligung von Johann Friedrich Kurfürst Friedrich August I., genannt August der Starke, als August II. König von Polen 2 | Dresden, Kleines Komödienhaus, errichtet 1696/97, Ansichten des Zuschauerraumes.

114 Das Dresdner Residenzschloss im Zeitalter des Barock und des Klassizismus 3 | Dresden, Ansicht des hölzernen Amphitheaters westlich des Residenzschlosses, im Hintergrund die Gruppe von Festbauten mit dem Kleinen Komödienhauses (hinten rechts), Gemälde von Johann Samuel Mock »Das Ringstechen der Damen am 6. Juni 1709«, 1710. 4 | Dresden, Tedeum in der katholischen Hofkapelle am 3. September 1719, Zeichnung von Raymond Leplat, um 1728.

Kurfürst Friedrich August I., genannt August der Starke, als August II. König von Polen 115 5 | Dresden, katholische Hofkapelle, Grundriss und drei Schnitte, Kupferstich nach Raymond Leplat, um 1728. Karcher und Christoph Beyer entstand das Hauptgebäude zwischen 1705 und 1708 (Abb. 7). Den weiteren Ausbau 1712 leitete Matthäus Daniel Pöppelmann. Das 1715 in kurfürstlich-königlichen Besitz übergegangene Palais mit der einzigartigen Treppenanlage nannte man auf Grund seiner Innenausstattung zunächst »Türkisches Palais«. Seit 1718 wurde es seiner Funktion gemäß als »Prinzliches Palais« und schließlich nach seiner Lage als Taschenbergpalais bezeichnet. August der Starke hatte 1718 das Gebäude zum Wohnsitz des Kurprinzenpaars Friedrich August (II.) und Maria Josepha umgestalten lassen. Als Kurfürst-König bestimmte Friedrich August II. 1747 das Taschenbergpalais anlässlich der Hochzeit seines Sohnes Friedrich Christian mit der bayerischen Prinzessin Maria Antonia, zur alleinigen Residenz des Thronfolgerpaares. Die dafür erforderlichen Umbaumaßnahmen leitete Johann Christoph Knöffel. 1756–1771 wurden unter Julius Heinrich Schwarze und Christian Friedrich Exner die beiden prägenden Flügelgebäude mit ihren Ehrenhöfen errichtet (Abb. 6). August der Starke erwarb 1716/17 von seinem Minister Jacob Heinrich Graf von Flemming ein Palais in der Pirnaischen Gasse (Abb. 1). Prachtvoll um- und ausgestaltet, wurde es als »Königliches Palais« neben dem Residenzschloss für einige Jahre zu einem Mittelpunkt des höfischen Lebens in Dresden. Eine tiefgreifende Veränderung erfuhr das Zwingergelände (Abb. 8). Der mit der Festungserweiterung 1569–1575 neu geschaffene Bereich war zunächst als Baumgarten und Feuerwerksplatz genutzt worden. 1709 initiierte August der Starke den Bau einer Orangerie und lieferte selbst dafür den ersten Entwurf (Abb. 9). Angesichts der repräsentativen Neubauplanungen für das durch Brand von 1701 teilzerstörte Residenzschloss stellte man nun die nur wenige Jahrzehnte zuvor im Zwingergelände errichteten Festbauten Reithaus (Abbruch 1714/1718), Redoutenhaus und Schießhaus (beide Bauten 1739 abgebrochen) zur Disposition. Pöppelmann entwickelte den Orangeriegedanken weiter zur Idee des »Zwingergartens« mit Galerien, Pavillons und dem grandiosen Kronentor, die schrittweise verwirklicht wurde. Es entstand eines der berühmtesten und großartigsten Werke europäischer Barockbaukunst, ein Gesamtkunstwerk aus Architektur, Bildhauerei, Malerei und Gartengestaltung – der Dresdner Zwinger (Abb. 10). Durch den Bildhauer Balthasar Permoser wurde die Architektur in kongenialer Weise mit Skulpturen ausgestattet, das Innere durch Louis de Silvestre und Heinrich Christoph Fehling mit Malerei. Als besonderen Höhepunkt schuf Pöppelmann das Nymphenbad hinter dem heutigen Porzellanpavillon, ein einzigartiges »Wassertheater« (Abb. 11). Auch nach der für die Vermählungsfeierlichkeiten im Jahre 1719 vorgenommenen Umwandlung des Zwingerhofes von einem Barockgarten in einen Festplatz dauerte der Ausbau der Zwingeranlage noch bis 1728 an. Die offene Nordseite wurde zunächst mit einer hölzernen Tribüne geschlossen. Später verlor der Zwinger seine Bedeutung als Festplatz. Er entwickelte sich jedoch zu einem eindrucksvollen Standort der musealen Präsentation verschiedener königlicher Sammlungen, genannt »Palais Royal des Sciences«.

116 Das Dresdner Residenzschloss im Zeitalter des Barock und des Klassizismus 6 | Dresden, Residenzschloss mit Stallgebäude (links), Kanzleihaus (rechts daneben) und Taschenbergpalais (rechts oben), Dachaufsicht Zustand Ende 18. Jahrhundert. Für seine Dresdner Residenzstadt plante August der Starke ambitionierte städtebauliche Umgestaltungen. Beginnend am Neumarkt, ließ er 1715/16 ein repräsentatives Gebäude als Polizei- und Feuerwache errichten. Eine der berühmten späteren Vedouten Canalettos zeigt die Wache als eindrucksvollen Bau marktseitig vor der barocken Frauenkirche (Abb. 12). Für deren Neubau legten George Bähr und Johann Gottfried Fehre 1722 die ersten Kostenanschläge vor. In die Planungen flossen zahlreiche Anregungen des kursächsischen Oberbauamts und wohl auch des Kurfürst-Königs ein. Seit Fertigstellung der mit ihrer »steinernen Glocke« bekrönten Frauenkirche 1743 prägt sie das Bild nicht nur des Neumarktes, sondern der Residenzstadt mit (Abb. 13). Der Neumarkt selbst entwickelte sich zu einem beliebten Begegnungsort von Bürgerschaft und Hof. Als wohl bedeutendstes städtebauliches Vorhaben zur Residenzstadtentwicklung Augusts des Starken gilt die Umgestaltung Altendresdens zu seiner »Neuen Königsstadt«. Im Ergebnis entstand eine neugeordnete repräsentative Stadtanlage mit strahlenförmiger Erschließung und einer breiten barocken Prachtstraße, heute Hauptstraße, als zentrale Achse. Die Dreikönigskirche »störte« die Sichtachse zwischen Elbbrücke und dem Schwarzen Tor. August der Starke ließ sie deshalb 1731/1732 abbrechen. Nach Plänen Pöppelmanns wurde sie an ihrem heutigen Standort neben der Hauptstraße 1732–1739 neu errichtet (Abb. 1, 14). Zacharias Longuelune plante als monumentalen Auftakt und Zielpunkt der »Neuen Königstadt« zwei den Brückenkopf flankierende pyramidenartige Bauwerke. Verwirklicht wurde ein 1732 begonnenes und als Neustädter Wache 1755 vollendetes, kraftvoll markantes Gebäude, das sogenannte Blockhaus (Abb. 16). 7 | Dresden, Taschenbergpalais, Hauptgebäude, Ansicht der Nordfassade, Entwurf um 1706.

Kurfürst Friedrich August I., genannt August der Starke, als August II. König von Polen 117 8 | Dresden, Lageplan zum Festungsgelände westlich des Residenzschlosses von Constantin Erich, 1710. Zu sehen sind die höfischen Festbauten des 17. Jahrhunderts: Reithaus, Schießhaus und Redoutenhaus sowie die neu angelegten Terrassen des Zwingergartens. 9 | Dresden, Zwingergarten, Handskizze Augusts des Starken zu einer Orangerie, um 1709.

118 Das Dresdner Residenzschloss im Zeitalter des Barock und des Klassizismus 10 | Dresden, Zwinger, Gemälde von Johann Alexander Thiele: »Caroussel Comique«, um 1722. An der Südostseite wurde 1719 ein Opernhaus angebaut. Es brannte während der revolutionären Unruhen 1849 ab (s. Abb. 1). 11 | Dresden, Nymphenbad am Zwinger, Kupferstich nach Matthäus Daniel Pöppelmann, 1721.

Kurfürst Friedrich August I., genannt August der Starke, als August II. König von Polen 119 12 | Dresden, Neumarkt mit Gemäldegalerie, Frauenkirche und Wachgebäude, Gemälde von Bernardo Bellotto, genannt Canaletto, um 1748. 13 | Dresden, Stadtansicht vom Neustädter Ufer über die Elbe, Gemälde von Bernardo Bellotto, genannt Canaletto, um 1748.

152 Das Dresdner Residenzschloss im 19. und frühen 20. Jahrhundert Geschichtlicher Überblick (1827–1918) Das in den Napoleonischen Kriegen ausgeplünderte und 1815 drastisch in seiner Fläche reduzierte Sachsen musste sich in seine »neue Lage« erst finden. 1827 trat König Anton (1827–1836), der Bruder des verstorbenen Königs Friedrich August I., die Thronfolge an (Abb. 2). Der schon betagte, streng katholische und konservative König Anton handhabte zunächst die Amtsgeschäfte im bisherigen Sinne. So führten 1830 staatliche Rückständigkeit mit einhergehender Verschlechterung der Lebensbedingungen zu revolutionären Volkserhebungen. In dieser angespannten Lage und mit besorgtem Blick auf die Julirevolution in Frankreich berief der König noch im gleichen Jahr seinen in der Bevölkerung beliebten Neffen Kronprinz Friedrich August zum Mitregenten und Oberbefehlshaber der sächsischen Armee. Den liberalen Bernhard August von Lindenau bestellte er zum Kabinettsminister.1 Schon 1831 konnte die maßgeblich von Lindenau mit ausgearbeitete erste sächsische Verfassung verabschiedet und die konstitutionelle Monarchie eingeführt werden (Abb. 1). Der feierliche Staatsakt fand am 4. September im Propositionssaal des Residenzschlosses statt. Anschließend zeigten sich der König und sein Mitregent vom Balkon des Georgenbaus aus der auf dem Schlossplatz versammelten Bürgerschaft. Die Bildung eines Parlamentes mit zwei Kammern und die Berufung von Lindenaus zum leitenden Minister in einem Gesamtministerium bedeutete einen wichtigen Schritt zur Erneuerung des sächsischen Staatswesens. Allerdings wies die Volksvertretung noch viele »ständische« Züge auf. Sachsen trat dem 1834 gegründeten deutschen Zoll- und Handelsverein bei und unter den neuen förderlichen Bedingungen entfalteten sich Wirtschaft, Handel, Wissenschaft, Kultur und Kunst. Die bereits seit ca. 1800 voranschreitende industrielle Revolution kam nun zur Entfaltung und das innovative Sachsen zählte bald zu den wirtschaftlich führenden deutschen Staaten. Nach dem Tod König Antons 1836 folgte sein Mitregent auf dem Thron (Abb. 3). Als König Friedrich August II. (1836–1854) konnte er seine Vorstellungen zum Ausbau der Dresdner Residenz 1 | Die Verfassungsurkunde des Königreichs Sachsen vom 4. September 1831, Titelblatt des Drucks.

Geschichtlicher Überblick (1827 – 1918) 153 2 | König Anton von Sachsen, Gemälde von Carl Christian Vogel von Vogelstein, 1836/39. 3 | König Friedrich August II. von Sachsen, Gemälde von Carl Christian Vogel von Vogelstein, 1839. voranbringen. Umgehend nahm er die Neugestaltung seiner Repräsentationsräume im Residenzschloss in Angriff. Zudem förderte der König die Volksbildung und die Künste, sodass es endlich wieder zum Ankauf von Kunstwerken kam. Zunehmend erstarkten auch in Sachsen konservative, teils sehr reaktionäre Kräfte, was Bernhard August von Lindenau 1843 zum Rücktritt bewog. Die Spannungen nahmen zu und letztendlich waren in ganz Deutschland die Missernten 1846/47 und die folgenden Hungersnöte nur noch Auslöser der Deutschen Revolution 1848/49. Von seinem »Volkskönigtum« überzeugt, kündigte Friedrich August II. Reformen an, die jedoch den Forderungen nach bürgerlichen Freiheiten und sozialen Veränderungen nicht entsprachen. Schließlich verweigerte der König wie andere Fürsten die Anerkennung der 1849 von der Frankfurter Nationalversammlung verab-

154 Das Dresdner Residenzschloss im 19. und frühen 20. Jahrhundert 4 | König Johann von Sachsen, Lithografie von Hanns Hanfstaengl, 1855. 5 | König Albert von Sachsen, Gemälde von Leon Pohle, um 1882. schiedeten »Verfassung des Deutschen Reiches«. Der daraufhin ausgebrochene Dresdner Maiaufstand wurde schließlich mit Hilfe herbeigerufener preußischer Truppen blutig niedergeschlagen. Tiefe Enttäuschung und Verbitterung hielten sich lange. Nachfolger des 1854 tödlich verunglückten, kinderlosen Friedrich August II. wurde sein jüngerer Bruder Johann (1854–1873). Er legte als König (Abb. 4) besonderes Augenmerk auf die administrative Entwicklung des Landes, u. a. durch eine grundlegende Justizreform 1855, die Gewährung der Gewerbefreiheit 1861, die Einführung eines neuen Bürgerlichen Gesetzbuches und die weitere Förderung des Schul- und Hochschulwesens. Allerdings regierte er konservativer als sein Bruder und blieb gegenüber den Revolutionären unversöhnlich. König Johann, selbst im Generalsrang, legte großen Wert auf die Wehrkraft des Landes. Kronprinz Albert nahm 1848 an der Schleswig-Holsteinischen Erhebung und 1866 am Preußisch-Österreichischen Krieg teil. Hier führte er die sächsischen Truppen an der Seite Österreichs gegen Preußen. Im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 kämpften er und sein Bruder Georg als Oberbefehlshaber der Maas-Armee bzw. des sächsischen Armeekorps – diesmal stand Sachsen als Mitglied des Norddeutschen Bundes an preußischer Seite. Besonders Kronprinz Albert als Oberbefehlshaber der Maas-Armee hatte erheblichen Anteil am Sieg der deutschen Truppen. Nach dem Tode Johanns 1873 bestieg Kronprinz Albert (1873– 1902) den Thron (Abb. 5). Im Ergebnis der Reichseinigung 1871 kam es in ganz Deutschland in den »Gründerjahren« zu einem sprunghaften Wachstum. Schon 1873 folgte allerdings mit einer Depressionsphase der »Gründerkrach«. Dennoch entstanden vielerorts neue große Stadtviertel und Sachsen entwickelte sich zu einem der am höchsten industrialisierten Gebiete im Kaiserreich. Dresden stärkte seine Bedeutung als Hauptstadt, Residenzstadt und Verwaltungszentrum. Mit dem Bau eines gewaltigen Militärbezirks, der Albertstadt, zählte es zu den namhaftesten Garnisonstädten im Reich. Dresden erwuchs bald zu einer Großstadt, die trotz beein-

Geschichtlicher Überblick (1827 – 1918) 155 6 | König Georg von Sachsen, Aufnahme von Nicola Perscheid, um 1900. 7 | König Friedrich August III. von Sachsen, Gemälde von Georg Meckes, um 1913. druckender Industriestandorte und Arbeiterquartieren ihren Charakter als berühmte Kultur- und vornehme Wohnstadt behielt. 1889 konnte König Albert mit erheblicher Unterstützung der Stände endlich das Dresdner Residenzschloss angemessen repräsentativ umgestalten lassen. Anlass war das mit großem Aufwand gefeierte achthundertjährige Herrschaftsjubiläum der Wettiner. König Albert starb 1902 kinderlos. Auf dem Thron folgte sein Bruder Georg (1902–1904), der in seiner kurzen Regierungszeit kaum Eigenes gestalten konnte (Abb. 6). Sein Sohn, Friedrich August III. (1904–1918), wie sein Vater für die Offizierslaufbahn und als Jurist ausgebildet, übernahm jedoch im Ersten Weltkrieg den Oberbefehl über die sächsische Armee bewusst nicht. Die Novemberrevolution 1918 bedeutete auch in Sachsen das Ende der Monarchie. Der beliebte und volksnahe König (Abb. 7) lehnte den Einsatz der königstreuen Truppen gegen die Revolutionäre ausdrücklich ab. Am 10. November 1918 wurde auf dem Residenzschloss die rote Fahne gehisst. König Friedrich August III. gab am 13. November 1918 seinen Verzicht auf den Thron bekannt und zog sich auf seinen schlesischen Privatbesitz Sibyllenort zurück. ANMERKUNG 1 Bernhard August von Lindenau (1779–1854) hatte 1830/31 maßgeblich an der Erarbeitung des »Altenburger Grundgesetzes« für das Herzogtum Sachsen-Altenburg mitgewirkt, das am 29. 4. 1831 in Kraft trat. Die sächsische Verfassung folgte diesem Vorbild.

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