Leseprobe

schrieben in Dresden berühmte und hochgeschätzte Kapellmeister, Sänger, Instrumentalisten, Kastraten und Schauspieler Musikgeschichte. Ob die auf der Vorderseite abgebildete Zeichnung eine Entwurfsvariante für die Bühne des Mingotti-Theaters ist, kann allerdings nicht eindeutig nachgewiesen werden. Im Dresdner Schloss und im Bereich von Zwinger und Theaterplatz hat sich seit mehr als einem halben Jahrtausend europäisch bedeutende Musikgeschichte ereignet. Die älteste Stätte der Hofmusik war gewiss die Kapelle im ersten Obergeschoss des Westflügels des um 1470 neu erbauten spätgotischen Schlosses. Lange bevor Gottfried Semper auf das Baugeschehen der Stadt Dresden seinen Einfluss ausübte, war bereits der Theaterplatz mit der Dresdner Musikgeschichte durch seine Bauten auf einzigartige Weise verbunden. Das Komödienhaus am Taschenberg, als erster fester autonomer Bau von Wolf Caspar von Klengel errichtet (1664 bis 1667), das kleine Komödienhaus an der Zwingerpromenade (1697 bis 1709), Pöppelmanns großes Opernhaus am Zwinger, das er 1719 gemeinsam mit dem italienischen Architekten Alessandro Mauro (tätig um 1694 bis 1736) erbaute und das in den Revolutionstagen im Mai 1849 abbrannte, und schließlich die beiden Theater der italienischen Operngesellschaften Mingotti (1746 bis 1748) und Moretti (1755 bis 1841), letzteres als Geburtsstätte der deutschen Oper und Wirkungsstätte Carl Maria von Webers bekannt, widerspiegeln den »Genius loci« in seiner funktionalen Bestimmtheit. Es scheint, als hätte dieser Bereich zwischen Zwinger und Elbe auf die Bauherren und ihre Architekten einen unwiderstehlichen Zwang ausgeübt, immer wieder am gleichen Platz die Stätten der Musik- und Theaterkunst zu errichten. Auch Gottfried Semper stand im Bann des historisch determinierten Ortes, als er 1835 die Pläne für sein erstes Hoftheater entwarf und nach 1869 den Standort für den Neubau des zweiten Hoftheaters bestimmte. Anita Niederlag Im Jahre 1746 erhielt eine Gesellschaft italienischer Opernsänger unter der Leitung des Venezianers Pietro Mingotti (um 1702–1759) die königliche Konzession, im Zwingerhof ein kleines hölzernes Logentheater zu errichten und zunächst während der Monate Juli und August darin zu spielen. Mingotti war der Intendant einer künstlerisch bedeutenden italienischen Operngesellschaft, die durch die deutschen Lande und die angrenzenden Länder zog, um in großen Städten gegen Eintrittsgeld einfachen Bürgern oder fürstlichen Hofgesellschaften Opern darzubieten. Bis dahin waren Opern als Hoffestlichkeiten betrachtet worden, zu denen das Publikum gewissermaßen als Gast eingeladen wurde. Das Theater befand sich ungefähr in der Mitte des heutigen Zwingerhofes. Es war etwa 39 m lang, 18 m breit und besaß drei Ränge. Zeichnungen dieses Gebäudes sind kaum überliefert, dafür aber viele Berichte über das Geschehen im Theater. Der Bau fasste nur 350 Personen und entsprach damit nach heutigem Begriff mehr einem Kammerspieltheater, in dem auserlesene Gesangskräfte und hervorragende Orchestermitglieder ihre Künste darboten. Seinen Ruf verdankt es auch dem Wirken der an vielen Höfen geschätzten, italienischen Sopranistin Caterina Regina Mingotti (1728–1807). Am 7. Juli 1746 erfolgte die Eröffnungsvorstellung in Anwesenheit des Königs mit der Oper »Argenide« unter der Leitung des Kapellmeisters und Komponisten Paolo Scalabrini – ein in der Theatergeschichte Dresdens denkwürdiges Ereignis. Lange bestand das kleine Theater nicht, es brannte nach einer Abendvorstellung am 29. Januar 1748 ab. Viele der in der Plansammlung befindlichen repräsentativen Zeichnungen dokumentieren unter anderem, dass der Theaterbau hervorragend dafür geeignet war, Architektur, Plastik und Malerei zu einem Gesamtkunstwerk verschmelzen zu lassen. Dieses prachtvolle Ensemble bildender Künste schuf wiederum eine Bühne für die Musik und die darstellenden Künste. Auf ihr Catharina Regina Mingotti, um 1750, Pastell von Anton Raphael Mengs (Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Gemäldegalerie Alte Meister) Dresden, Mingotti-Theater im Zwinger, Lageplan, um 1746, unbekannter Zeichner im kursächsischen Oberbauamt (Dresden, Landesamt für Denkmalpflege Sachsen, Plansammlung, Inv.-Nr. M 10. III. Bl. 6) Unbekannter Zeichner im kursächsischen Oberbauamt Dresden, Mingotti-Theater (?), Entwurf für ein Bühnenportal, Ansicht von Bühne und Proszenium mit zwei Künstlern, um 1740/50 Grafit, Feder, Pinsel, Tusche, laviert in Grau und Rot; 46 × 60 cm Dresden, Landesamt für Denkmalpflege Sachsen, Plansammlung, Inv.-Nr. M 58. I. Bl. 67 (Ausschnitt)

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