Leseprobe

Die Katholische Hofkirche, geweiht der Allerheiligsten Dreifaltigkeit (Sanctissimae Trinitatis) und 1980 zur Kathedrale des Bistums Dresden-Meißen erhoben, ist einer der beherrschenden Bauten der Dresdner Stadtsilhouette zur Elbe hin. Die Konversion Kurfürst Friedrich Augusts I. (Augusts des Starken, 1670–1733) zum Katholizismus als Voraussetzung für die polnische Königswahl im Jahre 1697 (dort als König August II.) stellte für Sachsen als protestantisches Kernland eine bedeutende Veränderung dar. Ein Neubau für katholische Gottesdienste war im Rahmen der Projekte für den Schlossneubau vorgesehen, kam aber nicht zur Umsetzung. Erst Friedrich August II. (1696– 1763), seit 1733 Kurfürst und seit 1734 als August III. König von Polen, gab den Auftrag für die Errichtung eines katholischen Kirchenbaus. Damit wurde 1738 jedoch keiner der Architekten des kurfürstlichen Oberbauamtes bedacht, sondern der aus Rom stammende Gaetano Chiaveri (1689–1770). Dieser war über den russischen Zarenhof an den polnischen Königshof in Warschau gelangt. Er fertigte bis 1738 die Pläne für den Kirchenneubau an, der unmittelbar neben dem Residenzschloss am Rande der AltDresden vom rechten Elbufer unterhalb der Augustusbrücke, 1749, Lichtdruck nach Bernardo Bellotto, gen. Canaletto (Dresden, Landesamt für Denkmalpflege Sachsen, Bibliothek) Lorenzo Zucchi (Venedig 1704–1779 Dresden) nach Gaetano Chiaveri (Rom 1689–1770 Foligno) Dresden, Katholische Hofkirche, Aufriss der Hauptfassade und Grundrisse des ersten bis vierten Turmgeschosses, 1739/40 Bezeichnet: Caietanus Claverÿ Archit: S. R. M.tis Inven: et delin: / L. Zucchi sc: et excudit Dresdæ cum Privil: S. R. M.tis Beschriftet: Facciata della detta Chiesa / Fenimento del Campanile / Ordine 3.° / Ordine 2.° / Ordine 4.° Kupferstich; 67,5 × 49,4 cm (Platte) Dresden, Landesamt für Denkmalpflege Sachsen, Plansammlung, Inv.-Nr. M 2. Va. Bl. 10 Dresden, Katholische Hofkirche, Längsschnitt, 1739/40, Kupferstich von Lorenzo Zucchi nach einer Zeichnung von Gaetano Chiaveri (Dresden, Landesamt für Denkmalpflege Sachsen, Plansammlung, Inv.-Nr. M 2. Va. Bl. 12) stadt und am Beginn der Augustusbrücke errichtet werden sollte. Diese Entscheidung bedeutete erhebliche Änderungen der überkommenen Stadtstruktur: Teile der elbseitigen Festungsanlage und die Münze wurden abgebrochen und weitere Bögen der Elbbrücke zugeschüttet. Am Brückenkopf entstand der Schlossplatz, umfasst von Georgentor, Brühlschem Palais und Hofkirche. Erste Entwürfe hatten den Kircheneingang zum Schloss hin ausgerichtet und den Bau mit der Rückansicht zur Elbe orientiert. In der Überarbeitung entstand schließlich die umgesetzte Variante: Der Kirchenbau wurde schräg zur Elbe mit seinem Haupteingang zur Brücke hin ausgerichtet. Die Hofkirche setzte damit ein deutlich sichtbares Zeichen des katholischen Herrscherhauses in der bisher durch die 1736 fertiggestellte Sandsteinkuppel der evangelischen Frauenkirche geprägten Stadtansicht. Eine Betonung erfolgt durch den markanten Turm, der dem eigentlichen Kirchenbau vorgelagert wirkt. Der Chor liegt im Südwesten, von der üblichen Ostung wurde aus städtebaulichen Gründen abgewichen. Das Innere der Kirche ist durch den basilikalen Querschnitt geprägt und setzt sich aus dem hohen, lichtdurchfluteten Mittelschiff und den umgebenden niedrigeren Seitenschiffen zusammen, die als Prozessionsumgang fungierten. Die Bauausführung begann mit den Vorarbeiten 1737. Die Ausführung wurde bis 1756 unter Leitung Johann Christoph Knöffels (1686– 1752) weitergeführt und durch Julius Heinrich Schwarze (1706– 1775) abgeschlossen, da Chiaveri 1748 aus Dresden abgereist war. Der Innenausbau wurde wegen des Siebenjährigen Krieges vereinfacht und ohne Deckengemälde ausgeführt. In der barocken Residenzstadt Dresden stellt die Hofkirche mit ihren Sandsteinfassaden einen baulichen Höhepunkt dar. Sie vermittelt durch die starke plastische Gliederung in Grund- und Aufriss trotz der Baumasse eine große Leichtigkeit. Dieser Eindruck wird unterstrichen durch die Teilung in zwei Geschosse und die prominent platzierten Heiligenfiguren auf den Balustraden der Dächer. Als Zeugnis italienischer Barockarchitektur dokumentiert die Hofkirche als Gegenpol zur Kuppel der Frauenkirche eindrücklich und deutlich erkennbar bis heute die Bedeutung Dresdens als barocke Residenz von europäischem Rang. Tobias Michael Wolf

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