Leseprobe

Entwurf für eine protestantische Kuppelkirche mit zwei Glockentürmen, perspektivische Ansicht der Eingangsseite, 1741, Julius Heinrich Schwarze (Dresden, Landesamt für Denkmalpflege Sachsen, Plansammlung, Inv.-Nr. M 51. I. Bl. 25) Die im 16. Jahrhundert gegründete römische »Accademia di San Luca« war als »Prototyp« aller späteren europäischen Kunstakademien nicht nur Ort der Ausbildung von Malern, Bildhauern und Architekten; sie war auch ein Zentrum des theoretischen Diskurses. Besondere Beachtung fanden insbesondere die in unregelmäßigen Abständen unter den Studenten ausgelobten Wettbewerbe, seit dem Pontifikat von Papst Clemens XI. Albani (1649–1721) als »Concorsi Clementini« bezeichnet. Hatten diese Wettbewerbe auf dem Gebiet der Architektur in früherer Zeit meist Idealplanungen zu städtebaulichen Fragen oder Memorialbauten zum Gegenstand, so dienten sie zu Beginn des 18. Jahrhunderts in steigendem Maße der Ideenfindung für bevorstehende päpstliche Bauvorhaben. Die Wettbewerbssieger konnten damit rechnen, Mitglied der Akademie zu werden. Ihre in diesem Fall angefertigten Aufnahmestücke (»doni accademici«) werden ebenso bis heute im Archiv der Institution aufbewahrt wie die eingereichten Beiträge der »Concorsi Clementini«. Es verwundert darum nicht, dass auch der Dresdner Oberbauamtskondukteur Julius Heinrich Schwarze (1706–1775) während seines von 1733 bis mindestens 1735 andauernden Romaufenthalts (siehe Kalenderblatt April) ausgiebige Studien im Archiv der »Accademia« unternahm. Von seiner Hand haben sich mehrere Kopien von Entwürfen zu Kuppelkirchen erhalten, einerseits Beiträge zu den »Concorsi Clementini«, andererseits die Aufnahmestücke zweier neuer Akademiemitglieder: ein »Tempio di Mosè« von Bernardo Antonio Vittone (um 1705–1770) von 1733 und das hier gezeigte Blatt, der berühmte Entwurf zu einer von zwei Türmen flankierten Kuppelkirche von Filippo Juvarra (1678–1736) aus dem Jahr 1707. Der Turiner Hofarchitekt galt um 1730 als einer der berühmtesten Baumeister Europas und hatte sich 1732 auch in Dresden um die Übernahme von Entwurfsaufträgen beworben. Von dem gezeigten Projekt existieren weitere Varianten und Kopien in Berlin, Stockholm und Kopenhagen. Die Übereinstimmungen mit dem »Urbild« sowie die rückwärtige Beschriftung »in Rohm gezeichnet« erweisen jedoch, dass Schwarze tatsächlich das römische Blatt vor Augen hatte. Er kopierte dieses allerdings nicht sklavisch, sondern widmete der Ansicht und dem vervollständigten Grundriss jeweils ein separates Blatt. Auch der Statuenschmuck erscheint gegenüber der Vorlage abgewandelt; zudem sind Juvarras Balustraden durch geschlossene Attiken ersetzt. Das Thema der Kuppelkirche mit begleitenden Türmen beschäftigte Schwarze auch nach seiner Rückkehr über lange Jahre hinweg intensiv. Mehrere Projekte von seiner Hand zeigen sein Bemühen um eine Verschmelzung der römischen und der späteren französischen Reiseeindrücke. Sie gipfeln in einem monumentalen, in sieben großformatigen Blättern ausgearbeiteten Projekt zu einer protestantischen Kuppelkirche mit zwei Türmen von 1741. Es entstand wohl in Reaktion auf Gaetano Chiaveris (1689–1770) im selben Jahr im Kupferstich (siehe Kalenderblatt Januar) publizierten, in der Nachfolge Francesco Borrominis (1599–1667) stehenden Entwurf zum Neubau der Dresdner Hofkirche, der in den Augen der französischen Architekturtheorie mit zahlreichen Fehlern behaftet, kurzum »geschmacklos« erschien. Mit dem Rückgriff auf den römischen Barockklassizismus Berninischer und Fontanascher Prägung demonstrierte Schwarze dagegen sein »korrektes« Verständnis der »wahren« römischen Baukunst. Tobias Knobelsdorf Ansicht und Grundriss einer Kuppelkirche mit zwei Flankentürmen (»dono accademico« zur Aufnahme in die Accademia di San Luca), 1707, Filippo Juvarra (Rom, Accademia Nazionale di San Luca, Archivio Storico, disegni, no. 2150) Julius Heinrich Schwarze (Dresden 1706–1775 Dresden) Ansicht einer Kuppelkirche mit zwei Flankentürmen (Kopie des »dono accademico« Filippo Juvarras von 1707), 1733/35 Beschriftet: in Rohm gezeichnet (rückseitig) Feder, Pinsel und Tusche, laviert in Grau; 70,9 × 72,7 cm Dresden, Landesamt für Denkmalpflege Sachsen, Plansammlung, Inv.-Nr. M 51. I. Bl. 16 Grundriss einer Kuppelkirche mit zwei Flankentürmen (Kopie des »dono accademico« Filippo Juvarras von 1707), 1733/35, Julius Heinrich Schwarze (Dresden, Landesamt für Denkmalpflege Sachsen, Plansammlung, Inv.-Nr. M 51. I. Bl. 2)

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