Leseprobe

In der Goldschmiedekunst ist wie in der Architektur der zeichnerische Entwurf eine unentbehrliche Voraussetzung für die Realisierung eines Werks. Mit der Zeichnung lassen sich Gestaltungs- und Bildideen klären, gleichzeitig dient sie als Kommunikationsmedium zwischen Künstler und Auftraggeber. In der Frühen Neuzeit waren Zeichnungen und Modelle oftmals Bestandteile des Vertrags, auf dessen Grundlage die Herstellung eines Auftragswerks erfolgte. Zudem entstanden Musterblätter, die unter Händlern und potentiellen Interessenten kursierten. Ein unpubliziertes Konvolut von elf Blättern in der Plansammlung des Landesamtes für Denkmalpflege Sachsen bietet einen Einblick in den Entwurfsprozess sakraler Goldschmiedearbeiten des mittleren 18. Jahrhunderts und den internationalen Ideen- und Formenaustausch zwischen Rom, Lissabon und Dresden. Sieben Blätter mit Entwürfen für Kelche, Weihwasserkännchen, Weihrauchschiffchen und eine Handglocke sind bezeichnet als in Rom für den König von Portugal geschaffene Inventionen. Als Autor signierte Fra(ncis)co LaVega, ein spanischer Maler und Zeichner, der seit 1733 in Rom wirkte. Mit dem portugiesischen König ist Johann V. (1689–1750) gemeint, der aus Lissabon ein neues Rom schaffen wollte, von dort Kunstwerke bezog und Künstler in seine Dienste berief, darunter auch Goldschmiede. Dass die virtuosen »vasa sacra« auf den Dresdner Blättern jemals ausgeführt waren, kann nicht belegt werden. Jedenfalls sind die mit sicherer Hand gezeichneten Gefäße in den typisch kraftvollen und reichen Formen des römischen Spätbarock gehalten. Ein Weinkännchen weist ein Medaillon mit Darstellung von Josuah und Kaleb mit der Weintraube auf, der Deckel eines der Weihrauchschiffchen ist von einer Allegorie des Glaubens besetzt. Ein Kelch zeigt ein alttestamentliches, ein zweiter ein neutestamentliches Programm. Für beide sind zudem Grundrisszeichnungen mit genauen Maßangaben vorhanden. Sie repräsentieren mit ihren Sockelfiguren und Bildmedaillons für Rom im mittleren 18. Jahrhundert typische Formen. Es ist möglich, dass die Blätter über familiäre Verbindungen zwischen den Herrscherfamilien in Portugal und Sachsen nach Dresden gelangten – Johann V. war über seine Mutter ein Urenkel des sächsischen Kurfürsten Johann Georg I. (1585–1656) und seine Frau Maria Anna von Österreich (1683–1754) eine Tante der Kurfürstin-Königin Maria Josepha (1699–1757). Da deren Gatte August III. (1696–1763) mit dem Bau der katholischen Hofkirche ab 1738 ähnliche auf Rom bezogene Ambitionen verfolgte, wie dies zuvor für den portugiesischen König galt, erscheint eine entsprechende Bezugnahme plausibel. Zudem hatten auch Gaetano Chiaveri (1689–1770) und seine italienischen Zeitgenossen Verbindungen nach Portugal. Francisco LaVega (Écija 1712–1789 Rom) Entwürfe für ein Weihwasser- und ein Weinkännchen sowie ein Weihrauchschiffchen, nach 1733 Beschriftet: Fr co Lavega inv r e delinia Romae / Pe.r Sua Maesta portugallo / No. 1), Weyh Waßer Geräthe. Feder, Pinsel und Tusche, laviert in Grau, auf Leinwand gezogen; 47× 30,4 cm Dresden, Landesamt für Denkmalpflege Sachsen, Plansammlung, Inv.-Nr. M 59. II. Bl. 6 Man darf annehmen, dass die Zeichnungen in einem Zusammenhang mit dem Hofkirchenbau standen und als Vorlagen für vorgesehene liturgische Geräte beschafft wurden. In Dresden hat man sie mit weiteren Entwürfen für »vasa sacra« aus Rom vereint: einem Blatt mit einer skizzierten Strahlenkranzmonstranz sowie drei Zeichnungen von Kandelabern in streng klassischen Formen. Der eine davon weist am Sockel sowohl plastisch als auch in Schildform die heraldischen Symbole der Familie Albani auf. Zwar kann kein Werk im Schatz der katholischen Hofkirche und heutigen Kathedrale Ss. Trinitatis mit den vorhandenen Zeichnungen in direkte Verbindung gebracht werden. Sie lenken jedoch den Blick auf die in Augsburg ausgeführte Silbergarnitur für den Hochaltar: Wie formale und motivische Vergleiche verdeutlichen, lagen dem Hochaltarschatz von Georg Ignaz Baur (1727–1790) von 1752–1756 offensichtlich (nicht erhaltene) Entwürfe zugrunde, nach denen zuvor für den portugiesischen König ähnliche Silbergarnituren von römischen Goldschmieden für Lissabon geschaffen worden waren. Das heutige Dresdner Zeichnungskonvolut könnte somit den Rest eines einst umfangreicheren Vorlagenbestands darstellen. Marius Winzeler Dresden, Katholische Hofkirche, silberner Hochaltarschatz, 1752–1756, Georg Ignaz Baur, Augsburg, wohl nach Entwurfszeichnungen römischer Herkunft Entwurf für eine Monstranz, nach 1733, Francisco LaVega (Dresden, Landesamt für Denkmalpflege Sachsen, Plansammlung, Inv.-Nr. M 59. II. Bl. 44) Entwurf für einen Messkelch, verziert mit Moses sowie Personifikationen der Caritas und Fede, nach 1733, Francisco LaVega (Dresden, Landesamt für Denkmalpflege Sachsen, Plansammlung, Inv.-Nr. M 59. II. Bl. 12)

RkJQdWJsaXNoZXIy MTMyNjA1