Leseprobe

Julius Heinrich Schwarze (1706–1775) war neben Johann Christoph Knöffel (1686–1752) zweifellos der künstlerisch bedeutendste Dresdner Architekt in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Anfang 1729 wurde er als Oberbauamtskondukteur angenommen und zog bald die Aufmerksamkeit Augusts des Starken auf sich. Dieser gewährte ihm eine achtmonatige Bildungsreise, die Schwarze im April 1733, wenige Wochen nach dem Tod des Königs, antrat. Seine Rückkehr erfolgte erst über vier Jahre später im Herbst 1737. Seine Reise führte Schwarze zunächst nach Rom, nach seinen eigenen Worten die »wahrhaffte hohe Schule derer Baumeister«, wo er sich mindestens zwei Jahre aufhielt. Mit dem Pontifikat Clemens’ XII. Corsinis (1652–1740) hatte eine neue Blüte des päpstlichen Bauwesens begonnen, die europaweit mit Interesse verfolgt wurde. Schwarze beschäftigte sich nicht nur mit den Gebäuden und aktuellen Bauvorhaben in der Ewigen Stadt; er studierte auch intensiv die an der päpstlichen Kunstakademie Accademia di San Luca angefertigten Architekturentwürfe (siehe Kalenderblatt August). Das vorliegende unsignierte, aufgrund seiner Zeichenweise jedoch zweifellos von Schwarze stammende Blatt zeigt den heute nur in stark vereinfachter Gestalt erhaltenen Hochaltar der Paulanerkirche Ss. Trinità dei Monti am oberen Abschluss der Spanischen Treppe. Er war 1675 nach dem Entwurf des Franzosen Jean Champaigne, der auch als Mitarbeiter Gian Lorenzo Berninis (1598–1680) tätig war, errichtet worden und muss zu den originellsten römischen Altaraufbauten des Spätbarock gerechnet werden; auch der kaiserliche Hofarchitekt Johann Bernhard Fischer von Erlach (1656–1723) nahm in mehreren seiner eigenen Entwürfe auf ihn Bezug. Ansicht und Grundriss wurden 1721 im dritten Teil von Domenico de Rossis Kupferstichwerk »Studio d’architettura civile« veröffentlicht. Schwarzes Darstellung beschränkt sich auf die Wiedergabe der nördlichen Hälfte des symmetrischen Aufbaus. Den Skulpturenschmuck der Südseite sowie eine Detailaufnahme einer Flammenvase hielt Schwarze links neben der Hauptdarstellung fest. Die Aufmerksamkeit des Architekten galt offenbar dem reizvollen Wechsel konkaver und konvexer Flächen und Volumina einerseits, dem opulenten Skulpturenschmuck mit der zentralen Darstellung der Dreifaltigkeit und der bekrönenden Gruppe um das von Engeln und Putti getragene und verehrte Kreuz andererseits. Niedrige Trennwände mit Durchgängen zum dahinterliegenden Mönchschor vermitteln zu den seitlich abschließenden hohen Postamenten mit den Statuen des heiligen Ludwig von Frankreich (1214–1270), in der Hand die von ihm im Heiligen Land erworbene Dornenkrone Christi, und des Ordensgründers Franz von Paola (1416–1507) gegenüber. Bei der wohl vor Ort entstandenen virtuosen Skizze handelt es sich um ein beeindruckendes Zeugnis der hohen zeichnerischen Fähigkeiten Schwarzes. Knapp 20 Jahre später wurde das private Studienblatt wohl für die Planung des Hochaltars der neuen Dresdner Hofkirche herangezogen: Ein nicht verwirklichter Entwurf sieht die Ausbildung des Tabernakels als gut fünf Meter hohes, wohl als Silber- oder Goldschmiedearbeit vorzustellendes Ziborium vor, unverkennbar eine um einen Baldachin ergänzte verkleinerte Fassung des römischen Altars. Tobias Knobelsdorf Julius Heinrich Schwarze (Dresden 1706–1775 Dresden) Rom, Ss. Trinità dei Monti, Perspektivische Teilansicht des Hochaltars, um 1733/35 Feder, Pinsel und Tusche, laviert in Grau; 42,7× 54,8 cm Dresden, Landesamt für Denkmalpflege Sachsen, Plansammlung, Inv.-Nr. M 51. I. Bl. 3 (Ausschnitt) Dresden, Katholische Hofkirche, Entwurf für die Hochaltarachse, um 1751, unbekannter Zeichner (Dresden, Landesamt für Denkmalpflege Sachsen, Plansammlung, Inv.-Nr. M 2. IIIa. Bl. 6, Ausschnitt) Rom, Ss. Trinità dei Monti, Hochaltar, Ansicht und Grundriss, Kupferstich von Domenico de Rossi, 1721 Rom, Ss. Trinità dei Monti, perspektivische Teilansicht des Hochaltars, um 1733/35, Julius Heinrich Schwarze (Gesamtansicht)

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