Leseprobe

Im Februar 1710 wurde Matthäus Daniel Pöppelmann (1662– 1736), zur führenden Riege der Dresdner Hofbaumeister Augusts des Starken (1670–1733) zählend, auf dessen allerhöchsten Befehl hin nach Rom gesandt, um die dort gepflegte »katholische« Bauart zu erlernen. August der Starke, der 1706 aus Polen vertrieben worden war, wo er seit 1697 als König regiert hatte, suchte nämlich um diese Zeit die Nähe zum Papst, um einen zugkräftigen Verbündeten bei der beabsichtigten Rückeroberung seines Königsthrones zu haben. Daher sollten seine Dresdner Repräsentationsbauten von nun an im römischen Barockstil errichtet werden und dadurch nicht nur jenes Bündnis, sondern auch die katholisch-sakral konnotierte polnische Königswürde zum Ausdruck bringen. Pöppelmann blieb mehrere Wochen in der Ewigen Stadt, wo ihm eine Audienz bei Clemens XI. Albani (1649–1721) gewährt wurde und wo er mit Carlo Fontana (1638–1714), dem päpstlichen Hauptarchitekten, zusammentraf. Das kurze, aber offensichtlich intensive Fortbildungsstudium in dessen Atelier sollte sich aufgrund der dabei erfahrenen Prägungen nachhaltig auf das weitere Schaffen des Dresdner Hofbaumeisters auswirken. Die beiden auf der Vorderseite präsentierten Entwürfe Pöppelmanns basieren auf seinen in Rom gemachten Erfahrungen. Zudem sind beide anlässlich der Planungen entstanden, welche die Dresdner Residenz Augusts des Starken für die im Jahr 1719 anstehende Hochzeit des Kurprinzen mit der Kaisertochter Maria Josepha ertüchtigen sollten. Der Entwurf für einen doppelstöckigen Torbau basiert auf dem klassischen römisch-antiken Triumphbogen mit drei Öffnungen und Prostasensäulen, wie einen solchen in Rom zum Beispiel der Septimius-Severus-Bogen am Forum Romanum verkörpert. Mit der Erhöhung um ein weiteres Geschoss steht Pöppelmanns Torbau in der Tradition der in der Barockzeit üblichen ephemeren Ehrenpforten, die bei feierlichen Einzügen gebräuchlich waren – dementsprechend die zeitgenössische Beschriftung »Ehrenpforte am Schwarzen Gang«. Die beigegebene Verortung meint den zum Schutz der Soldaten gedeckten Laufgang, der entlang der Wallkrone verlief. Links geschnitten ist der sogenannte Lange Gang des Stallhofs. Der Entwurf trägt den Approbationsvermerk Augusts des Starken, und das Tor wurde auch tatsächlich errichtet; es bestand zumindest ein Jahrzehnt lang. Funktional betrachtet, inszenierte der zwischen Georgenbau und einstigem Münzhof eingepasste Torbau die Zufahrt zum Schlossareal und führte in einen Vorhof, von dem aus sich der Große Schlosshof durch das sogenannte Grüne Tor erreichen ließ – schließlich waren zwei Höfe in Folge damals Standard bei Residenzschlössern. Da historische Ansichten fehlen, bleibt unklar, ob das Tor in Gestalt des ursprünglichen Entwurfs oder mit dem in Graphit einskizzierten niedrigeren Obergeschoss ausgeführt war. Der perspektivisch in Vogelschau präsentierte Entwurf betrifft die im Frühjahr 1718 durch August den Starken befohlene Vollendung des Zwingers durch stadtseitiges Spiegeln der Orangerie am Wall, ergänzt um ein Opern- und ein Redoutenhaus zuseiten des Stadtpavillons. Das Vorbild für die in zwei Exedren ausbauchende Hofform lieferte Carlo Fontanas Rekonstruktion des als »Equiria« bezeichneten Reiterstadions auf dem antiken Marsfeld, sollte der Zwingerhof doch nun als Fest- und Turnierplatz dienen. August der Starke, welcher die Umplanung des Zwingers konzipiert hatte, besaß bereits die 1694er Erstauflage des jene Rekonstruktion enthaltenden Traktats, und Pöppelmann hatte in Rom die 1708er Zweitauflage vom Autor als Geschenk erhalten. Die seinerzeit noch offene Nordseite hatte Pöppelmann in Graphit einskizziert, älteren Planungen folgend als eine Wiederholung der grabenseitigen Langgalerien samt Kronentor. Als Zeit- und Geldnöte diesen Plan zerplatzen ließen, kam man auf die pragmatische Idee, die Lücke mit einer Zuschauertribüne zu schließen. Ein aufgeklebtes Deckblatt zeigt diese Alternativlösung. Peter Heinrich Jahn Matthäus Daniel Pöppelmann (Herford 1622–1736 Dresden) Dresden, Entwurf für eine »Ehrenpforte am Schwarzen Gang« als ephemeres äußeres Hofportal des Residenzschlosses, um 1718/19 Beschriftet: Ehrenpforte am Schwarzen Gang, Grafit, Feder, Pinsel, Tusche, laviert in Grau; 41,4 × 59,8 cm Dresden, Landesamt für Denkmalpflege Sachsen, Plansammlung, Inv.-Nr. M VI. Bl. 10 Dresden, Zwinger, Perspektivischer Präsentationsentwurf zu dessen Vollendung als Festplatz mitsamt Redouten- und Opernhaus, 1718 Feder, Pinsel, Tusche, laviert in Grau, Rot und Grün; 40,5 × 66,5 cm Dresden, Landesamt für Denkmalpflege Sachsen, Plansammlung, Inv.-Nr. M 10. III. Bl. 1 Rom, Arco di Settimio Severo/Septimius-Severus-Bogen, 1759, Kupferstich/Radierung von Giovanni Battista Piranesi (Dresden, Landesamt für Denkmalpflege Sachsen, Bibliothek) Rom, Rekonstruktion des antiken Marsfeldes, 1694 und 1708, Kupferstich von Alessandro Specchi nach einer Vorzeichnung von Carlo Fontana (aus: ders., »Discorso sopra l’antico Monte Citatorio Situato nel Campo Marzio«, Roma 1694 und 1708) Dresden, Zwinger, Ausschnitt aus dem Perspektiventwurf mit skizzierten Langgalerien und zweitem Kronentor unter der Tektur, Matthäus Daniel Pöppelmann (Dresden, Landesamt für Denkmalpflege Sachsen, Plansammlung, Inv.-Nr. M 10. III. Bl. 1)

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