Leseprobe

13 Zwischen Chaplin, Keaton, Hillmann und Godard tut sich das breite Aktionsfeld des Filmplakats auf: Das Plakat agiert vor dem Film und nach dem Film, im öffentlichen Raum wie im häuslichen Umfeld. Es ist zugleich Werbung und Emotionsträger, Kommunikationsmedium und Sammelobjekt, Versprechen und Erinnerung. Es komprimiert die Erzählung des Films und stellt eine ästhetische Einheit in sich selbst dar. Jedes Filmplakat jongliert mit drei Bällen: kommerziellem Auftrag, narrativer Funktion und gestalterischem Anspruch. Der Einsatz von Gefühlskitzel oder Dramatik gehört dabei zum artistischen Akt, der – wie ein Kritiker bereits 1929 erkannte – stets vor vielen Zuschauer:innen stattfindet: »Was könnte uns das Filmplakat sein? Ein lustiges Aufblitzen in der Straßentrübsal, ein kleines Gelächter, ein kurzes Aufmerken, vielleicht sogar ein wenig Nachdenklichkeit. Jedenfalls eine Chance für den bildenden Künstler, sich an ein so großes Publikum zu wenden, wie es nicht einmal Journalisten haben. [...] Von Van Gogh heißt es, er habe sich gewünscht, seine Bilder als grellfarbige Drucke in Matrosenkneipen hängen zu sehen. Lebte er, er würde Filmplakate machen.«1 Die Ausstellung Großes Kino. Filmplakate aller Zeiten, die im Winter 2023/24 von der Kunstbibliothek am Berliner Kulturforum präsentiert wird, zeigt rund dreihundert Exponate aus zwölf Jahrzehnten. Der Rundgang ist eine Reise durch die Geschichte des Mediums – von den ersten Werbeaushängen nach der Erfindung des Kinematografen im Jahr 1895 und expressionistischen Entwürfen in der Zeit des Stummfilmkinos über die moderne Grafik für Neue Filmkunst und Atlas Film in den 1960er-Jahren bis zu zeitgenössischem Design zwischen Papier und Pixel. Das älteste Plakat stammt aus dem Jahr 1905, die aktuellsten sind von 2023. Die Ausstellung macht sichtbar, dass die drei »Jonglierbälle« Kommerz, Narrativ, Kunst die Gestaltung des Filmplakats seit jeher begleiten. In jeder Dekade führt die Schere zwischen kommerziellen und künstlerischen Ansprüchen zu hitzigen Diskussionen um Qualität und Schund, in jeder Epoche verändern technische Entwicklungen und neue Sehgewohnheiten die visuellen Erzählformen des Plakats. Faszinierend ist die Vielfalt an kreativen Lösungen, mit der Künstler:innen und Grafikdesigner:innen seit 120 Jahren der komplexen Aufgabe des Filmplakats begegnen – allen gestalterischen Zwängen und Formeln zum Trotz. Gute Gestaltung diesseits und jenseits des Kanons zu sammeln ist seit jeher Auftrag der Kunstbibliothek. So bietet die Sammlung Grafikdesign einen großen Fundus an Filmplakaten (vgl. S. 76–81), aus dem heraus die Ausstellung Großes Kino kuratiert wurde. Ergänzt wird die Sammlungsschau durch ein Werk aus dem Ibero-Amerikanischen Institut, sechs Plakate aus der Sammlung Galerie filmposter.net, Berlin, sowie einigen von der Yorck Kinogruppe bereitgestellten Leinwänden des Plakatmalers Götz Valien. Für diese Leihgaben bedanken wir uns herzlich. Der Auslöser zur Ausstellungsidee war die große Begeisterung für eines der größten Objekte überhaupt in den Sammlungen der Kunstbibliothek: das METROPOLIS-Plakat von Boris Bilinsky, ein Erstaufführungsplakat für den französischen Vertriebsmarkt In Winter 2023/24, the Kunstbibliothek presents the exhibition The Big Screen: Film Posters of All Time at the Kulturforum in Berlin, showcasing roughly three hundred objects from twelve decades. A visit to the exhibition is a journey through the history of the medium, spanning the first advertisements made after the cinematograph’s invention in 1895, the Expressionist designs of the silent film era, the modern New German Cinema graphics made for Neue Filmkunst and Atlas Film in the 1960s, and contemporary designs poised between paper and pixel. The oldest poster dates from 1905 and the newest from 2023. The exhibition shows that the three juggling balls of commerce, narrative, and art have been with the film poster since its genesis. In each decade, the divide between commercial and artistic demands sparks debates over quality versus trash. In every epoch, technological advances and new ways of seeing change the poster’s visual narrative approach. The diversity of creative solutions found by artists and graphic designers when tackling the film poster’s complex demands across the 120 years is fascinating— despite all the design constraints and formulas. Collecting good design within and outside the purview of the canon has always been the Kunstbibliothek’s mission. Accordingly, the Graphic Design department’s expansive holdings of film posters (c.f. p. 76–81 are the source for the vast majority of works on display at The Big Screen. Works from the permanent collection are supplemented by one poster from the Ibero-American Institute; six posters from Galerie filmposter.net, Berlin; and a number of canvases made by poster painter Götz Valien, kindly supplied by the Yorck Kinogruppe. We offer our deep thanks for these loans. This exhibition was sparked by great enthusiasm surrounding one of the largest objects in the Kunstbibliothek collection: the first-release poster for the major German film METROPOLIS, designed for French distributors in 1927 by Boris Bilinsky (pp. 8–9, 184–189). Measuring over two by three metres, the size of the lithograph print—the sole extant copy of this version—demonstrates the megalomania behind Lang’s production. Yet Bilinsky’s nested architectural mountain also succeeds in translating the atmosphere of the utopian city into a visually stunning, minimalistic design. In a manner of speaking, METROPOLIS was our springboard into the pool of movie posters.

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