Leseprobe

Armand Massonet NAPOLÉON BE 1909/10 Lithogr. FILM NAPOLÉON FR 1909 Prod. Gaumont Film Michael de Maizière ADIEU BONAPARTE DDR 1988 Offset FILM ADIEU BONAPARTE FR 1985 Regie | dir. Youssef Chahine 79 Die Inventur im Jahr 2021 brachte die herausragenden Stärken der Filmplakatsammlung in der Kunstbibliothek ans Licht, zeigte aber auch vereinzelt Fehlstellen auf. Zum einen bedeutet die Konzentration auf »gute Grafik«, dass das Filmplakat der alltäglichen Masse an (oft gemalter, später häufig digital generierter) Kinowerbung, wenig vertreten ist – es sei denn, es handelt sich um bekannte Namen aus der Kinomalerei oder Werbegrafik. Dieser Schwerpunkt bringt weiterhin eine begrenzte Internationalität mit sich, was vor allem bei Ländern mit historisch wichtigen Filmzentren auffällt: Italien, England oder Ungarn sowie Hollywood und die USA. Die globale Filmproduktion, mit China, Indien, Japan, Mexiko, Argentinien, Ägypten, dem Iran und vielen weiteren Schauplätzen, scheint höchstens mit Einzelblättern auf. Festzustellen ist auch eine Unterrepräsentanz von Frauen – in der Plakatgestaltung ebenso wie in Produktion und Regie. Sie mag vereinzelt kuratorische Ursachen haben, spiegelt aber vor allem die enorme männliche Dominanz in der Film- und Designbranche, die trotz einzelner Ausbrüche das ganze 20. Jahrhundert durchzieht und bis heute wirkt. Zum anderen wurde bei der Inventur deutlich, dass der Bestand ab den 1980er-Jahren ausdünnte: Aus den letzten drei Dekaden waren kaum noch Filmplakate vertreten. Obwohl das Interesse an diesem Sammlungsbereich nie erlosch, mangelte es schlicht an zeitgenössischen Designs, die erwerbungswürdig erschienen. Die Gründe liegen in der Entwicklung der Filmwerbung: In den 1990er-Jahren traf eine verstärkt internationale Kommerzialisierung der Filmbranche auf den Einzug computergestützten Designs. Das Filmplakat wurde mehr denn je dem vermeintlichen Massengeschmack unterworfen, stiefmütterlich behandelt und gewann hinsichtlich seiner Gestaltung einen schlechten Ruf, der ihm bis heute anhaftet. Auf dem Gebiet des Spielfilms waren kaum noch individuelle künstlerische und grafische Entwürfe zu finden, das »Generische« nahm überhand.

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