Leseprobe

Hubertus Giebe Die Dresdner Neustadt in den 1970er Jahren SKIZZENBLÄTTER

Hubertus Giebe Die Dresdner Neustadt in den 1970er Jahren Sandstein Verlag · Dresden · 2022 SKIZZENBLÄTTER

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SKIZZENBUCHBLÄTTER In seinen Skizzenbüchern hat Hubertus Giebe ein Stück Leben in der Dresdner Neustadt Mitte der 1970er Jahre bewahrt. Sie haben damals dieses Viertel geprägt: die spielenden Kinder in den Hinterhöfen, die Frau und der Mann neben ihr, dessen große Arbeitshand auf den Tisch ruht, der wie fremd hier wirkende Schlipsträger mit eckiger Brille, die junge Frau, die vor sich hin sinnt, das Kinn auf die Hand gestützt, der Kohlenhucker hinterm Schnapsglas, rundes Gesicht, gewaltiger Bizeps, die Mütter und Großmütter vor der Molkerei an der Louisenstraße. »Die ganz naheliegenden Dinge können alle Sensationen tragen«, sagt der 1953 geborene Maler. Ihre Blicke, ihre Körperhaltung hat er festgehalten mit weichem Graphitstift auf dem rauen Büttenpapier eines quadratischen Blindbands. Dieses Skizzenbuch war sein Labor. Manches hat er mit Aquarell koloriert. Frau Fichte, seine alte Wirtin, hockt am Herd in der Küche. Weich fließen Linien und Schatten eines Aktmodells. Ein Bohemien Anfang 20 ist er gewesen, dem wahren Leben in Straßen und Kneipen auf der Spur, auf Suche nach seinem Stil. »Der entwickelt sich von den Gegenständen her.« Den zarten, den kräftigeren Strich probiert er, um die ganze Skala von Grautönen, Licht und Schatten zu zeigen, bisweilen experimentiert er mit den abstrakten Formen der klassischen Moderne. Ein Beobachter, süchtig nach den flüchtigen großen Momenten des Alltags. Tomas Gärtner In: Dresdner Neueste Nachrichten (DNN) Kultur, 18. Mai 2021, S. 10

TAGEBUCHNOTIZEN »Ich war siebenundzwanzig und hatte ein Jahrzehnt in der jungen, gärenden Szene und Bohème der alten verfallenden Dresdner Neustadt, anfänglich als Student (der sich an der Kunstakademie nach zwei Jahren exmatrikulieren ließ), später als freier Künstler verbracht, meinen Lebensunterhalt mit Hilfs- und Nebenarbeiten verdienend. In den Untermieter-Wohnhöhlen im Dachgeschoß wurden Benn, Brecht, Nietzsche und Camus gelesen und heftig diskutiert, man berauschte sich an den Bildern in alten Katalogen oder ›von drüben‹, von Picasso, Kokoschka, Dix, Giacometti, Baselitz und Bacon (manches konnte man auch im legendären Dresdner Kupferstich-Kabinett finden).« »Langer Spaziergang in der Neustadt, dachte an die verflossenen Zeiten, damals hatte alles den Glanz des Neuen und in mir herrschte Eroberungswille: Frühlingsstraße, Prießnitz, Garnisonskirche, Jägerstraße, Marienallee, Schönfelder Straße, Kamenzer Straße, mit den Wohnungen von Anderson, Kerbach, Schleime, etwas weiter unten Panndorf, von oben kommend links Wannhoff und Roland Enge, an der Prießnitz, in einem versteckten Häuschen Götze mit der Siebdruckwerkstatt, wo ich einmal Penck traf, […] die Wohnung von Heyder Görlitzer/Ecke Louisenstraße, Hotel Stadt Rendsburg, Rothenburger Hof, Nordpol, Quick, Zinnerts Kneipe [heute verfallen] […], der Alaunplatz mit den Bänken und Gartenanlagen. […], die Lutherkirche und der Kirchplatz, die Evangelisch-Lutherische Verlagsbuchhandlung und die Fleischerei, in deren Hinterhof Ulli Richter wohnte auf dem Bischofsweg, auf der Zittauer Straße die Galerie und Kunsthandlung Kühl, […] der verfallene alte Jüdische Friedhof hinter der mannhohen Mauer am Lutherkirchplatz, das Goldene Hufeisen, wo Peter Graf, Peter Herrmann und Göschel oft aßen. […] die kleine Buchhandlung Ende Kamenzer Straße/Ecke Bischofsweg, wo ich 1970 meinen ersten teuren Kunstband kaufte (die Dix-Monographie von Löffler für 50,– MDN), […] die Besuche von Fabian, Smy, Leiberg, Neidel, Helbig, der legendäre von Strittmatter in der Frühlingsstraße, Hempel, in dessen Zimmer die ersten Radierungen entstanden, auf einigen Straßen habe ich gemalt, kleine Bilder, […] das Malerfest und die Straßenausstellung auf der Schönfelderstraße...« In: Archiv-Blätter 23, Hubertus Giebe »Malen ist Denken in Bildern, am Rande der Sprache«, Akademie der Künste, Berlin, 2015, S. 38 und S. 58/59

9 Hinterhof Schönfelder Straße 8 · 1977 · Graphit · 22,6 × 22,5 cm

10 Drei Spaziergänger (Frau mit Leuchte) · 1977 · Bleistift, Aquarell · 22,5 × 22,3 cm

11 Mädchen in der Kneipe · 1977 · Bleistift · 22,7 × 21 cm

24 MOLKEREI · 1977 · Bleistift, Aquarell · 22,7 × 22 cm

25 Molkerei (auf der Louisenstraße) · 1977 · Graphit · 22,5 × 22,2 cm

26 Zwei Männer in der Straßenbahn · 1977 · Graphit · 22,7 × 21,5 cm

27 Straßenbahn bei Nacht · 1977 · Graphit · 22,5 × 22,3 cm

34 Hockendes, sich aufstützendes Modell (»Janny«) · 1977 · Bleistift · 22,7 × 22,2 cm

35 Liegendes Modell, nach links · 1977 · Graphit · 22,7 × 22,2 cm

44 Bahnhof Dresden-Neustadt, Zugang zu den Gleisen · 1977 · Graphit · 22,5 × 22,3 cm

45 Weg zur St. Joseph-Kirche · 1977 · Bleistift, Aquarell · 20 × 22 cm

48 Marlies mit roter Mütze, nach rechts · 1978 · Bleistift, Feder, Tusche, Aquarell · 20,4 × 22 cm

49 Marlies mit aufgestütztem Kopf · 1977 · Bleistift, Fettkreide, Aquarell · 20,3 × 22 cm

56 Die alte Fischte · 1978 · Bleistift, Aquarell · 20,4 × 22 cm

57 Mann im Gegenlicht · 1977 · Bleistift, Fettkreide, Aquarell · 20,3 × 22 cm

HUBERTUS GIEBE 1953 i n Dohna bei Dresden geboren 1969 –1972 Abendstudium der Malerei und Grafik an der Hochschule für Bildende Künste Dresden 1972 Abitur in Dresden 1974 –1976 Studium der Malerei und Grafik, Hochschule für Bildende Künste Dresden, Exmatrikulation auf eigenen Wunsch 1978 E xternes Diplom Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Anschließend für ein Jahr Meisterschüler bei Bernhard Heisig. 1979/1986 A ssistent für Malerei und Grafik, Hochschule für Bildende Künste Dresden (Grundlagenstudium) 1980 E rste wichtige Einzelausstellung in der Galerie Comenius, Dresden, durch Diether Schmidt Beginn der grafischen Arbeiten zu Günter Grass’ »Die Blechtrommel« 1984/85 B eteiligung an der Ausstellung »Tradition and Renewal«, The Barbican Gallery, London; Museum of Modern Art, Oxford, Coventry, Sheffield; Henie-­ Onstad-Kunstcenter, Oslo 1987/1991 D ozent für Malerei und Grafik an der Hochschule für Bildende Künste Dresden, Leitung einer Fachklasse für Malerei/Grafik 1988 4 0 Radierungen für eine bibliophile Ausgabe von Günter Grass’ »Die Blechtrommel«, Verlag Volk und Welt, Berlin (ediert 1991 als Lizenzausgabe des Hermann Luchterhand Verlages, Darmstadt und Neuwied) Beteiligung an der Ausstellung »Zeitvergleich II« Berlin, Emden 1989 R ede auf der Demonstration der Dresdner Künstlerverbände für Meinungsfreiheit, Demokratie und politischen Wandel am 19. November in Dresden Teilnahme an der Ausstellung »Kunst der letzten 10 Jahre«, Museum Moderner Kunst, Wien Beteiligung an der Wanderausstellung »Zeitzeichen«, Tokio, Nagano, Kumamoto, Hakodate, Kamakura, Sendai, Japan 1990 E inzelausstellung »Geschichtsbilder« auf der »44. Biennale di Venezia«, Venedig Ausstellung in der Raab Gallery at Millbank, London 1991 K ündigung des Lehrverhältnisses durch den Künstler. Wiederbeginn der freiberuflichen Tätigkeit, Mitglied im BBK und Sächsischen Künstlerbund 1992 B eteiligung an der Ausstellung »Turning Points: East German Art in Revolution«, Sunderland, Carlisle, Aberystwyth, Glasgow, Sheffield, Großbritannien 1993 B eteiligung an der Ausstellung »Goya & Compagnie: Los Desastres de la Guerra oder Die Schrecken des Krieges«, Galerie Brusberg, Berlin 1996 B eteiligung an der Ausstellung »Oskar Kokoschka und Dresden« Gemäldegalerie Neue Meister, Dresden, Galerie Oberes Belvedere, Wien 1999 A usstellung »Geschichtsbilder. Memorial«, Gedenkstätte Osthofen, Rheinland-Pfalz 2002 G emälde »Der Widerstand – für Peter Weiss« (1986) in der ständigen Ausstellung »XX. Jahrhundert«, Neue Nationalgalerie, Berlin 2003 R etrospektive, Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg

Jörg Makarinus, Werkmonographie Hubertus Giebe, Verlag der Kunst, Dresden 2004 V ertretungsprofessur für Malerei an der Universität Dortmund, erneute Lehrtätigkeit 2007 Wilhelm-Morgner-Preis für Malerei, Soest 2009 A usstellung »Geschichtsbilder« zur Erinnerung an die Zerstörung Dresdens, Palais im Großen Garten, Dresden 2010 H ubertus Giebe »Der geschliffene Elfenbeinturm«, Essays, Leipziger Literaturverlag 2012/13 R etrospektive »Farben der Frühe« Neue Sächsische Galerie Chemnitz; Raab Galerie, Berlin; Museum Wilhelm Morgner, Soest; Städtische Sammlungen Freital; Galerie Könitz, Dresden 2013 A usstellung »Jordaens und die Moderne«, Museum Fridericianum Kassel (mit Johannes Grützke und R. G. Mordmüller) 2015 H ubertus Giebe »Malen ist Denken in Bildern, am Rande der Sprache«, Akademie der Künste Berlin, Archiv-Band 23 2016 A usstellungen »Die Sprache der Malerei«, Neue Galerie, Kassel und »Schein & Chock« (Retrospektive) Städtische Galerie Dresden 2018 A usstellung »Gezeiten. Die Dichte der Welt«, Museum Wilhelm Morgner, Soest (mit Gerard van Smirren) 2019 A usstellung »Abendland«, Europäisches Kulturzentrum. Galerie Rosemarie Bassi, Remagen (Rhein) 2021 Ausstellung »Winterreise«, Galerie Himmel, Dresden Arbeiten in zahlreichen Museen und Sammlungen u.a. Staatliche Museen zu Berlin, Neue Nationalgalerie, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Albertinum; Museum der bildenden Künste Leipzig; Museumslandschaft Hessen Kassel, Schloss Wilhelmshöhe und Neue Galerie Kassel; Lehmbruck Museum, Duisburg; The British Museum, Department of Prints and Drawings, London; Ball State University, David Owsley Museum of Art, Munice/Indiana, USA; Ludwig-Museum in der Staatlichen Eremitage, St. Petersburg; Staatliches Puschkin-Museum der bildenden Künste, Moskau; Slowakische Nationalgalerie, Bratislava Lebt und arbeitet in Dresden

9 783954 986941

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