Leseprobe

 9 q gehabt hätte, löste eine unglaubliche Begeisterung und einen reißenden Absatz aus.«30 Postkarten boten also breiten Bevölkerungsgruppen die Möglichkeit zur visuellen Teilhabe. Somit wirkten sie seinerzeit auch ins Innere der Gesellschaft.31 Entsprechend ging der Journalist der Bukowinaer Post davon aus, dass das 1899 neu herausgebrachte Postkartenalbum nicht nur den Freunden und Bekannten verschenkt, sondern auch in der Bukowina selbst intensiv nachgefragt und folglich »bald in keinem Hause der Bukowina fehlen« werde.32 Eine visuelle Geschichte der Bukowina In diesem Buch werde ich der Frage nachgehen, welche Ansichten der Bukowina über das Massenmedium der Postkarten geprägt und wie diese angeeignet wurden. Dabei fokussiere ich die Jahrzehnte um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, als mehrere Entwicklungen zusammenliefen. So waren dies die Jahrzehnte, in denen Postkarten eines der zentralen Massenmedien der Zeit waren und ein regelrechtes Postkartenfieber, wie gezeigt, entbrannte. Es sind weiter die Jahrzehnte, die in der Sozialgeschichte und historischen Soziologie mit dem Etikett des »Durchbruchs zur Moderne« oder »Aufbruchs in die Moderne« belegt wurden.33 Dazu gehörten erstens die Wandlungsprozesse auf dem Gebiet der Infrastruktur oder Gesellschaftsstruktur, auf die ich zurückkommen werde.34 In Czernowitz und der Bukowina fielen der Ausbau zum Kronland, beschlossen im Jahr 1848, zusammen mit den europaweiten Veränderungen von (Infra-)Strukturen, Lebensweisen und Wahrnehmungsmustern.35 Zum wesentlichen Bestandteil der Moderne gehörte zweitens der Aufstieg des Nationalismus, und damit die verstärkte Agitation ethnisierter und nationalisierter Kollektive.36 Wie beide Dimensionen der Moderne in der Bukowina, ihre »dunkle Seite« des Nationalismus37 ebenso wie ihre zeitgenössisch als hell wahrgenommene Seite der infrastrukturellen Veränderung, über kleine Karten erzählt wurden, steht im Zentrum dieses Buchs. Beiden Seiten der Moderne nähere ich mich über die beiden Seiten der Postkarten. So interessieren mich die Bildseiten mit ihren visuellen Narrativen ebenso wie die Rückseiten, die Informationen zu den Herstellern sowie die schriftlichen Aneignungen durch die Absender enthielten.38 In meiner Untersuchung der bukowinischen Karten in die Moderne geht es mir also erstens um die rechtlichen Rahmenbedingungen und die wirtschaftlichen Akteure des Postkartenmachens in der Zeit, und damit um die Ausleuchtung der »Bedingungsrealität« visuellen Erzählens, die auch in der Visual History über lange Zeit zu kurz kam. Zweitens interessieren die visuellen Narrative und drittens die Aneignungen des Kronlandes. Auf die Erkenntnispotentiale aller drei Aspekte werde ich noch tiefer eingehen, doch festzuhalten ist, dass sich damit eine Geschichte der Konstituierung und Aneignung von Region und regionaler Identität im Habsburger Imperium erzählen lässt, die medial gebunden ist und – aufgrund des überregionalen Verkaufens und Versendens der Karten – translokal, transregional, gar transimperial funktioniert. Insgesamt gibt es zahlreiche Gründe, die Visualität – von der Produktion bis zur Rezeption – in diesem Kronland und zu dieser Zeit besonders ernst zu nehmen, wie es die Visual History grundsätzlich angeregt hat, und damit zu einer Geschichte (politischer) Öffentlichkeiten beizutragen.39 Dabei bieten sich Postkarten an, da sie die Funktionen mehrerer visueller Medien vereinten, etwa von Plakat und Illustrierter, zudem sich durch ihre Schnelligkeit auszeichneten, also die Funktionen erfüllten, die später Technologien wie das Telefon einnehmen sollten.40 Zentral ist, dass das Kronland im 19. Jahrhundert die höchste Analphabetenrate in Cisleithanien hatte – ein Aspekt der bukowinischen Geschichte, der in der breiteren Öffentlichkeit oftmals unbekannt bleibt, da die Bukowina seit den 1980er Jahren überwiegend durch ihre literarische Hochkultur im öffentlichen Diskurs präsent ist.41 1880 konnten nur 11,6 Prozent der Bevölkerung lesen und schreiben. Dank intensiver Bemühungen stieg die Quote zur Jahrhundertwende auf 33 Prozent, um bis 1910 − zum Zeitpunkt der letzten Zählung vor dem Untergang des Habsburger Imperiums − auf 45,2 Prozent anzuwachsen. Während 78,4 Prozent der Deutschsprachigen dann lesen und schreiben konnten, waren es unter den Polnischsprachigen 66,6 Prozent, während die Zahlen bei den primär Rumänisch- und Ruthenischsprachigen unter 50 Prozent blieben (39,1 und 28,5).42 Vom schriftlichen politischen Diskurs waren – je nach Zeitpunkt und je nachdem, auf welche soziale und ethnische Gruppe man blickt – folglich große Teile der Gesellschaft ausgeschlossen. Wo die Pressetitel in ihrer Reichweite beschränkt waren, wo sprachliche Hürden nicht zu überwinden waren oder wo die Barrieren des begrenzten Literarisierungsgrades in der Bukowina auch durch Vorlesende aus der Gemeinschaft nicht überwunden werden konnten,

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