Leseprobe

q 8  »goldenen Ära der Postkarten«, wie in der Forschung die Jahre 1890 bis 1918 genannt werden, atemberaubend war.16 Es gab illustrierte Karten aller Art, Portraitfotografien, Erotica und eben Aufnahmen von Landschaften, Städten und Straßenzügen, für die sich der Sammelbegriff der Ansichtskarte durchgesetzt hat, und die den Großteil der zeitgenössischen Produktion umfassten.17 So existierten für die Großstadt Paris im Jahr 1899 schon 3 000 verschiedene Motive.18 Auch für eine kleinere Stadt wie Czernowitz – im Gemeindelexikon der Bukowina von 1907 auch Czerniwci oder Cernăuţi genannt –, die zur Jahrhundertwende weniger als 70 000 Einwohner zählte, sind mehrere Hundert Motive überliefert. Mit der Herstellung und dem Vertrieb von Postkarten verdienten zeitgenössisch viele Fotografen, Papier- und Schreibwarenhändler sowie Druckereien ihr Geld. Die Produktionsstatistiken des Jahres 1899, wie Ado Kyrou sie angibt, sprechen Bände: Im Deutschen Kaiserreich seien nur in dem einen Jahr 88 Millionen Postkarten produziert worden – bei einer Einwohnerzahl von 50 Millionen. England produzierte 14 Millionen Karten, Belgien 12 Millionen Karten, Frankreich 8 Millionen.19 Auch in der Bukowina entstanden mit dem Beginn des »visuellen Zeitalters«20 um 1900 neue Geschäftsfelder und Verdienstmöglichkeiten: Kleine Fotoateliers, Buch- und Papierhändler, Verleger, aber auch größere Druckereien gehörten dazu. Als kommerzielle Akteure waren die Druckereien, Fotografen und Händler dem vermuteten Profit verschrieben, doch eben auch Akteure auf dem Feld der »Imagepolitik«.21 Denn die kleinen Karten prägten weltweit als Teil der Massenkultur – im Ensemble mit anderen Medien – Bilder von Städten, Regionen, Nationen und Personengruppen.22 Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert spielten Massenmedien insgesamt eine immer größere Rolle für die Wahrnehmung von Welt. Die Historiker Habbo Knoch und Daniel Morat prägten für die Jahre 1880– 1960 in Anlehnung an Reinhart Kosellecks Terminus den Begriff der »massenmedialen Sattelzeit«, um eine Epochenschwelle zu kennzeichnen, in der sich Medienevolution, -aneignung und -diskurs verdichteten.23 (Hoch-)Moderne und Medien halten sie für eng miteinander verknüpft. Knut Hickethier, Medienwissenschaftler, argumentiert dafür, Medien zum zentralen Paradigma einer Gesellschaftsgeschichte der Moderne zu machen.24 Einen Teil des Wandels bildete die immer wichtiger werdende Visualität. Neben die Schriftmacht trat die Bildermacht.25 Erkenntnis und Weltwissen wurden zunehmend bildlich konstruiert, wobei der Bildpostkarte aufgrund ihrer Massenhaftigkeit eine wichtige Rolle zukommt: So nennt Eva Tropper die Postkarte »Organ der Welterzeugung«.26 Als Teil der »Bildkultur für die Massen des Volkes«27 formten die kleinen Karten im ausgehenden 19. Jahrhundert Bilder nach außen, Fremdbilder, indem zum einen Sammler*innen, die nie den abgebildeten Ort betraten, die Postkarten kauften. Sinn und Zweck dessen war in vielen Fällen nicht weniger als die Teilhabe an und Aneignung der Welt, deren Bereisen sich nur wenige leisten konnten. In bürgerlichen Haushalten verfolgten die Sammlungen deshalb »nicht zuletzt einen didaktischen Zweck: Sie vermittelten geografische Kenntnisse und bebilderten erstmals massenwirksam die längst kanonisierten Besichtigungsempfehlungen der Reiseliteratur«, wie es Monika Burri fomuliert.28 Sie stehen dabei in medialen Nachbarschaften mit anderen, die dreidimensionalen Raum in zweidimensionale Medien übersetzten. Die Reiseliteratur verschriftlichte, Stadtpläne und Weltkarten visualisierten, ebenso Fotografien und Postkarten. Zum anderen multiplizierten die kleinformatigen Papierwaren Mobilitätserfahrungen weniger Reisender. Topografische Ansichtskarten waren das Schmiermittel der entstehenden Tourismusindustrie: In der touristischen Kommunikation dienten sie als Beweise (»Hier war ich«), regten die Imagination (»Dort ist es schön«) und Reiselust an (»Das muss ich sehen«), boten damit also Orientierung, bestätigten mitunter bestehende Vorannahmen über Orte (»Es ist wirklich schön«) und konnten als Werbung fungieren (»So sieht es bei uns aus«).29 Ähnliche Funktionen erfüllten die 9×14 Zentimeter großen Papierwaren nach innen. Erst die günstigen Karten, so Karin Walter, hätten breitenwirksam den Zugang zu der Bilderwelt ermöglicht, die mit der Fotografie entstanden war. Stadt- und Landschaftsansichten sowie aktuelle Ereignisse hielten Fotografen bereits seit der Mitte des 19. Jahrhunderts fest, doch dem Massenpublikum war es bis in die 1890er Jahre finanziell nicht möglich gewesen, Abzüge zu erwerben. Die Einführung der Ansichtskarten änderte dies: »Durch sie erfuhr die Reproduktion von Fotografien eine neue Dimension, denn durch die maschinelle Herstellung wurden sie erstmals zu einem billigen Konsumartikel, zu einer jedermann zugänglichen Ware, und verloren damit endgültig die Aura des Besonderen. Die nun mögliche indirekte Teilnahme an Ereignissen, zu denen man real nie Zugang

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