Leseprobe

1 Einleitung Im östlichsten Kronland der Habsburger Monarchie, der Region Bukowina, verging im ausgehenden 19. Jahrhundert kaum ein Tag, an dem die Redakteure der lokalen Zeitungen sich nicht am imperialen Zentrum Wien abarbeiteten. Von der dortigen Gesellschaft und Politik fühlten sich die städtischen Eliten der Bukowina nicht ausreichend wahrgenommen.1 So polemisierte etwa die Bukowiner Rundschau am 24. Oktober 1900, die Redakteure der Neuen Freien Presse – der wichtigen Wiener Tageszeitung – wüssten mehr über Sibirien denn über die Bukowina.2 Die Bukowinaer Post, ein anderes Blatt, beklagte, die Region sei »wenig gekannt, wenig genannt«.3 Auch der Baedeker, der im 19. Jahrhundert zum wichtigsten Handbuch für Reisende avancierte, widmete dem Kronland Bukowina kaum Aufmerksamkeit. In der 530 Seiten umfassenden Ausgabe zu ÖsterreichUngarn aus dem Jahr 1898 behandelten gerade einmal 16 Seiten die Sehenswürdigkeiten der Bukowina und Galiziens zusammen, obwohl dort um die Jahrhundertwende immerhin knappe 31 Prozent der Bevölkerung des österreichischen Teils der Monarchie lebte. Kein anderer Teil der Doppelmonarchie bekam weniger Platz eingeräumt. Insbesondere das Urteil über Czernowitz, die Hauptstadt der Bukowina, fiel vernichtend aus: »wenig bedeutend« stand im Reiseführer.4 Im Wunsch, die Wahrnehmung der Region im Imperium und darüber hinaus zu verändern, gab es zahlreiche Anstrengungen auf unterschiedlichen Ebenen der Politik, der Kultur und des Tourismus. Die Zeitung Bukowinaer Post setzte ihre Hoffnungen unter anderem auf Bilder. Deren damaligem zentralen Verbreitungsmedium, der Ansichtskarte, schrieb sie gar didaktisches Potential zu: »Ursprünglich eine Spielerei, dann ein Sport, ist sie heute Belehrungsmittel geworden.« Entsprechend solle ein im Jahr 1899 neu herausgegebenes Album mit zweihundert Kärtchen der Bukowina an »Freunde und Bekannte in der Fremde, als schöne Aufmerksamkeit, aber auch zur Hebung der Kenntnis unseres Heimatlandes« übergeben werden.5 Bereits ein Jahr zuvor hoffte die Zeitung, dass über die schönen Ansichtskarten des Verlegers Leon König »unser leider so wenig gekanntes, schönes Buchenland wenigstens etwas bekannter werden dürfte«.6 Hohe Erwartungen knüpften sich also zeitgenössisch im Habsburger Kronland an die kleinen Kärtchen, die sich nach ihrer Einführung 1869 im Habsburgerreich in Windeseile als überaus beliebtes Kommunikationsmedium etablierten. Die Beförderungszahlen der Correspondenzkarte, wie der erste Begriff lautete, schnellten in die Höhe: In den ersten drei Monaten nach ihrer Einführung trugen die Briefträger diesseits der Leitha (des Flusses, der die österreichische von der ungarischen Reichshälfte trennte) bereits knappe drei Millionen Exemplare aus, innerhalb weniger Jahre stellte die österreichische Post dann bereits 300 Millionen Postkarten – so der Sammelbegriff für diese Briefsendungen ohne Umschlag – jährlich zu.7 Zu ähnlichen Zahlen addierten sich die Zustellungen in anderen Ländern: Über 330 Millionen Karten im deutschen Kaiserreich waren es allein im Jahr 1890.8 Das »Postkartenfieber« erfasste zeitgenössisch weite Teile der Welt.9 Es erfasste die Zentren der Nationalstaaten und multiethnischen Imperien ebenso wie deren Peripherien – darunter eben auch die ganz im Osten Cisleithaniens gelegene Bukowina. Zum Postkartenfieber gehörte erstens die intensive Schreibtätigkeit. So wurden in Lemberg/Lwów, Hauptstadt des Habsburger Kronlandes Galizien, der Bukowina benachbart, im Jahr 1908 monatlich zwei Millionen Postkarten in den Briefkasten geworfen – und das bei einer Einwohnerzahl von 200 000 damals und immer noch hohen Analphabetenquoten in der Region. Sprich, jeder Bewohner hätte zehn Postkarten im Monat versenden müssen.10 Auch in der deutlich kleineren Bukowina sendeten und erhielten die Menschen täglich mehr Karten.11 1905 bemerkte das Czernowitzer Tagblatt, dass in der Reisezeit kaum ein Tag vergehe, an dem nicht wenigstens eine Postkarte im Briefkasten lande – »falls wir nicht ein völlig abgeschlossenes Leben geführt haben und somit auch nicht den kleinsten Bekannten- oder Freundeskreis besitzen«.12 Das Postkartenfieber umfasste zweitens aber auch eine intensive Sammeltätigkeit, denn die kleinen Karten avancierten spätestens ab dem Zeitpunkt zu begehrten Objekten, als die Bildlichkeit zu ihrem zentralen Merkmal wurde.13 Zwischen 1898 und 1902 existierten allein elf deutschsprachige Zeitschriften für Postkartensammler*innen – ein beredtes Zeugnis, wie verbreitet diese Praktik damals war. Laut Schätzungen blieb um die Jahrhundertwende pro versandter Karte eine unbeschrieben und wanderte in Sammelkästen oder -alben, die weite Verbreitung fanden.14 In der Bukowina bildeten sich noch im 19. Jahrhundert in vielen Orten Vereine zum Zweck des Sammelns und Tauschens, wie die Czernowitzer Presse berichtete.15 Drittens umfasste das Postkartenfieber die Produktion von abertausenden Motiven, deren Vielfalt in der

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