Leseprobe

q 110 Bukowinismus im Kleinformat? dass die Ruthenen bis zum Untergang des Habsburger Imperiums die niedrigste Alphabetisierungsquote aufwiesen. Im Jahr 1910 waren gerade 28,5 Prozent der überwiegend bäuerlichen Gruppe des Lesens und Schreibens mächtig.30 Wenn sie Ansichtskarten kauften, dann entschieden sie sich wohl eher über das Bild. Gemeinsam mit den Rumän*innen stellten die Ruthen*innen – wie die Bezeichnung für Ukrainer*innen im Habsburger Imperium lautete – die zahlenmäßig größte Gruppe in der Bukowina dar, was sie aber nicht in gesellschaftlichen Einfluss umsetzen konnten. Das nation-building-Projekt der Ukrainer kam im 19. Jahrhundert nicht so gut voran wie das anderer Gruppen in anderen Regionen.31 Stets knapp bei Kasse blieb die dortige Nationalbewegung, sodass sie nur begrenzten gesellschaftlichen Einfluss entwickeln konnten.32 Zudem hatte die überwiegend bäuerliche Gruppe weder eine große Kaufkraft, noch rekrutierte sich aus ihr das Milieu der Ansichtskartensammler*innen, das klassischerweise doch ein bürgerliches war. Entsprechend gab es nur einen Verlag, den ukrainischen Verlag Seletyn, und nur wenige Karten, die auf Ruthenisch/Ukrainisch beschriftet waren. Erst in den 1910er Jahren scheinen dann vermehrt Postkarten mit nationalen Identifikationsfiguren produziert worden zu sein: Dem Nationaldichter Taras Ševčenko widmeten Verleger aus Galizien, aber auch der kleineren Bukowina, Bildpostkarten, entweder Portraits seiner Person oder Auszüge aus seinen Werken, etwa seinem ersten und bekannten Gedichtzyklus Kobsar.33 Zudem wurden Ansichtskarten gedruckt, um Geld für lokale Ševčenko-Nationalhäuser einzusammeln.34 Die Postkartenschreiber*innen reagierten auf die sprachliche Ausgestaltung der Ansichtskarten jedoch recht einhellig, nämlich gar nicht bis kaum. Diejenigen, die nur auf Deutsch schrieben, kauften und versendeten auf Polnisch und Deutsch beschriftete Ansichtskarten ebenso wie solche, die auf Rumänisch und Deutsch, oder in allen Sprachen des Weltpostvereins ausgewiesene. Die komplett auf Rumänisch gehaltene Karte des rumänischen Nationalhauses von Katz versendete ein Emed 1908 schnöde mit »vielen herzlichsten Grüßen« nach Wien.35 Insgesamt dominierte die Kommunikation auf Deutsch. Dies lässt sich zum einen mit den Literarisierungszahlen in der Bukowina erklären, wo die ruthenische und rumänische Bevölkerungsgruppe von der – im Vergleich zum Rest Cisleithaniens sowieso schon überdurchschnittlich hohen Analphabetenrate – nochmals überdurchschnittlich betroffen war.36 Zum anderen blieb Deutsch über lange Zeit die Lingua franca der Habsburger Monarchie, war es doch die Sprache des sozialen und Bildungsaufstiegs.37 Als Korrespondenzsprache dominierte sie weiterhin.38 Weitere Kommunikationssprachen in den Sammlungen sind Tschechisch, Rumänisch, Polnisch, Ruthenisch und Russisch, Hebräisch und Jiddisch, zudem finden sich einige französischsprachige Karten, vor allem in der Sammlerkorrespondenz, sowie englische Texte.39 Zudem fällt deutlich auf, dass die eingeschränkte Mehrsprachigkeit der Postkartenmacher nicht störte – im Gegensatz zu den Kronländern Steiermark, Böhmen und Mähren.40 Durchstreichen und Überschreiben waren zwar politische Praktiken, die sich für bukowinische Postkarten nachvollziehen lassen, aber ihr Ausmaß blieb begrenzt. In wenigen Fällen wurden andere Sprachversionen ergänzt, etwa Czernowitz in kyrillischen Buchstaben hinzugefügt.41 Oder der »Gruss aus Czernowitz« mit schwarzem Stift durchgestrichen, um das rumänische Äquivalent an die Stelle zu setzen bzw. nur die rumänischsprachige Version stehenzulassen – eine klare nationalistische Intervention in den halböffentlichen Raum der Postkarte (Abb. 9 und 10).42 Einmal wurde das rumänische Cernăuţi durch das polnische Czerniowce ersetzt, der rumänische Straßenname aber mit der deutschen Poststraße angegeben.43 Folgen wir dem Verständnis von Postkarten als halböffentlicher Sphäre, lässt sich festhalten, dass dieser halböffentliche Raum nur in geringem Ausmaß – vor allem in Abgrenzung zu den genannten und untersuchten Kronländern Böhmen und Mähren und der Steiermark – umkämpft war. Bei den offiziellen Drucksachen und Wertzeichen der Post gestaltete sich dies anders. Hier beschwerten sich so viele Personen bei den Ämtern, dass entsprechende Dokumente nicht in ihrer jeweiligen Sprache verfügbar seien, dass im Jahr 1898 der k.k. Postdirektor Czernowitz sich in einer Eingabe an die Landesregierung wandte: »Um den Wünschen der hierländischen Bevölkerung in sprachlicher Richtung seitens der Postanstalt entsprechen zu können, mussten seinerzeit Wertzeichen und Drucksorten entsprechend den drei Landessprachen, mit deutschem, deutsch-rumänischem und deutsch-ruthenischem Texte aufgelegt und die hierbezirkigen k.k.Postämter verpflichtet werden, von jeder Sorte von Werthzeichen und Drucksorten stets ein bestimmtes Quantum am Lager zu halten. Dieser Umstand hat jedoch häufig Anlass zu Beschwerden von seitens einzelner Partheien gegeben, in­

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