Leseprobe

4.1 Kein Medium des Nationalismus oder die Bukowina als Sonderfall 107 q blieb, das ich finden konnte, soll keine überzogene These formuliert werden. Doch kann natürlich die Frage gestellt werden, ob derlei postkartalische deutschnationale Agitation überwiegend von außen, vom Kaiserreich aus, wo sich um die Jahrhundertwende eine völkischnationale Bewegung mit Macht formierte, ins Kronland an der Habsburger Peripherie getragen wurde. Die Nationalvereine selbst als klassische ethnopolitische Akteure nutzten in der Bukowina Bildlichkeit offenbar nur peripher. Nationalistische (und antisemitische) Agenden verbreiteten sie und andere entsprechende Akteure überwiegend in Printform. So gab der Verein der christlichen Deutschen in der Bukowina ab dem Jahr 1900 den Deutschen Kalender für die Bukowina heraus, in dem flammende Appelle für das Deutschtum vorgetragen wurden.18 Doch dominierte hier klar Schriftlichkeit. Zum Sprachrohr der Nationalitäten sei im ausgehenden 19. Jahrhundert die Presse geworden, so Francisca Solomon.19 Und tatsächlich agitierten einige Titel deutlich. Zu nennen ist etwa Der Volksfreund. Unabhängige Zeitung für das christliche Volk der Bukowina oder Die Wahrheit, das Blatt von Kanarski, der Mitglied im Verein der christlichen Deutschen war und offen antisemitisch gegen seinen wirtschaftlichen Konkurrenten König wetterte. Doch was schriftlich passierte, wurde durch das wichtigste visuelle Massenmedium der Zeit, die Postkarten, visuell nicht flankiert – ein wichtiges Ergebnis für eine immer noch stark illiterate Region. Offenbar fehlte es bei den patriotischen Trägerschichten an Personen, die das Visuelle ernst nahmen.20 Fehlanzeige II: Nationalistische Auseinandersetzungen über Postkarten Im Gegensatz zur Briefkommunikation sind Postkartenkorrespondenzen nicht geheim zu halten. Postbeschäftigte, Briefträger und andere Familienmitglieder konnten und können mitlesen, weshalb die Kommunikation über die kleinen Karten als halböffentlich bezeichnet werden kann.21 Verursachte dies bei der Einführung des neuen Korrespondenzformats schwere juristische Bedenken, konnte diese Form der Kommunikation später gezielt genutzt werden, um politische Botschaften en passant zu übermitteln oder gar gezielt unter dem Radar der Zensurbehörden zu bleiben.22 Für die Steiermark machte Heinrich Pfandl unterschiedliche subtile Formen der politischen Auseinandersetzung über Postkarten aus: »Schließlich sei noch darauf hingewiesen, dass die Ansichtskarten von national gesinnten Schreibern beider Lager dazu verwendet wurden, das jeweils andere anderssprachige Element negativ zu markieren, was zumeist durch Wegstreichen geschah; bei einsprachigen Karten wurden die ›eigenen‹ Formen oft hinzugefügt oder man überschrieb mit dieser die vorgedruckte Beschriftung in der ›anderen‹ Sprache. Provoziert wurde diese Auseinandersetzung durch das Vorhandensein zahlreicher patriotischer Karten, welche nicht selten zur Hintanstellung, Verachtung oder gar Vernichtung der jeweils anderen Kultur aufriefen.«23 Es stellt sich die Frage, ob und wenn ja inwiefern in der Bukowina Ansichtskarten ähnlich genutzt wurden. Eine Voraussetzung des Nationalitätenkampfes über Karten war, wie gezeigt, nicht gegeben: Es kursierten in der Region kaum Karten mit patriotischen Symbolen. Eine zweite Voraussetzung des Nationalitätenkampfes in der Steiermark war die Sprachverwendung, da sich dort – wie an zahlreichen anderen Orten auch – das erstarkende nationale Selbstbewusstsein mit der (Möglichkeit der) Verwendung der eigenen Sprache verknüpfte, wobei »Entdeckung« und Propagierung der jeweils eigenen Nationalsprache Hand in Hand mit den Nationalisierungsprozessen ging. Es ist also zu fragen, in welchen Sprachen die regionalen Verlage beschrifteten? Manche Verlage wie Kanarski beschrifteten die Rückseite auf Französisch oder, wie Simon Gross, gleich in den elf Sprachen des Weltpostvereins. Die international gültige Aufschrift »carte postale«, wie sie 1878 der Weltpostverein festlegte, musste in Österreich nicht abgedruckt sein.24 Dazu entschieden sich die Verlage, wenn überhaupt, freiwillig, vermutlich, um eine gewisse Weltläufigkeit zu demonstrieren. Doch üblicherweise waren sowohl die Bildseite als auch die Rückseite auf Deutsch gehalten. Erst danach kamen zweisprachige Versionen, dabei war selten die Bildseite zweisprachig gehalten, etwas häufiger griffen die Verlage auf der Rückseite auf Deutsch und Rumänisch zurück, dann Deutsch und Polnisch, was auf den gemeinsamen Markt mit Galizien verweist. Mitunter waren die Rückseiten dreisprachig, womit alle äußeren Amtssprachen der Bukowina vertreten waren. In der Habsburger Monarchie war Deutsch die innere und erste äußere Amtssprache der Bukowina; 1860 wurden Rumänisch und Ruthenisch zusätzlich äußere Amtssprachen in der Bukowina, sodass Behördenkorrespondenz und Reden im Landtag in diesen Sprachen geführt werden konnten. Zwar fand sich in der Bukowinaer Post im Jahr 1898, als das »Postkartenfieber« begann, ein Lob für den Verlag

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