Leseprobe

4.1 Kein Medium des Nationalismus oder die Bukowina als Sonderfall 105 q ethnischer Trennlinien.9 Zudem gründeten sich für breitere Gesellschaftsschichten Gesellschaften und Vereine: Die Gesellschaft für Kultur und Literatur der Rumänen in der Bukowina wurde bereits genannt, zudem existierte mit Concordia eine rumänisch-nationalistische Vereinigung. In Suczawa gab es den rumänischen Schulverein Şcoala Română ab 1883 und den Clubul Român ab 1887; ab 1869 mit Russiska Bessida einen Verein der Ruthenen. 1897 hat sich der Verein der christlichen Deutschen in der Bukowina gebildet, dessen Mitgliederzahl zwischen dem Gründungsjahr 1897 und dem Vorabend des Ersten Weltkrieges 1912 auf 7 500 Mitglieder in 54 Ortsgruppen anwuchs, womit etwa zehn Prozent der Bukowina-Deutschen in ihm vertreten waren. Er legte die Grundlage für ein deutsch-völkisches regionales Bewusstsein, wobei betont werden muss, dass sich die Deutschen in der Bukowina bis zum Ende des Ersten Weltkrieges nicht als eigene und distinkte Gruppe verstanden. Erst in der Zwischenkriegszeit wurde, unter dem Druck der Rumänisierung und vor dem Hintergrund allgemeiner völkisch-nationaler Umtriebe, das Verbindende der deutschen Siedlergruppen stärker betont: In der Festschrift zum 25-jährigen Bestehen der wichtigsten dieser Organisationen, des 1897 gegründeten Vereins der christlichen Deutschen in der Bukowina, wurde die Trennung der deutschen Gruppen ebenso herausgestrichen wie die langsame Integration betont: Erst die »Sammlung aller soweit zerstreuten und durch verschiedene Schranken getrennten Deutschen in einem einzigen Vereine [konnte] dem Begriff des Bukowiner Deutschtums den rechten Sinn und Ausdruck verleihen«.10 Wenngleich die Integration der deutschsprachigen evangelischen und katholischen Zuwanderungsgruppen auf sich warten ließ, bedeutete das Agieren des Vereins Exklusion. Denn die Vereinsmitglieder betonten die christliche Konfession und damit den Unterschied zu den jüdischen Deutschsprachigen in der Region.11 Ab 1907 hielten, auch unter dem Eindruck der Entwicklungen in Wien, das mit Karl Lueger einen offen antisemitischen Bürgermeister hatte, zunehmend antisemitische Töne Einzug.12 So sehr der Verein insgesamt zur Spaltung der bukowinischen Gesellschaft beigetragen hat, so spärlich hat er dazu offenbar das erste globale Bildmedium der Postkarte benutzt. Ein 2006 publiziertes Überblickswerk über die Bildpostkartenproduktion der deutschen Schul- und Schutzvereine in Europa und Übersee fand für die Bukowina keine einzige Karte.13 In den von mir konsultierten Sammlungen sind wiederum eine wenige Karten des Vereins zu finden, doch wird deutlich, dass das Kommunikationsmittel weder allzu professionell noch allzu agitierend eingesetzt wurde. Auf einer der Postkarten war ein Haus abgebildet, im Vordergrund ein Bauer und Kühe. Die Beschriftung auf der Vorderseite kennzeichnete das Haus als »Deutsches Bauernhaus in Hliboka«, einem Ort südlich von Czernowitz, in den Mitte des 19. Jahrhunderts vor allem evangelische Deutschsprachige zugezogen waren (Abb. 1). Als Ansichtskarte mag sie das Leben dieser Volksgruppe gepriesen haben, gegen andere Gruppen agitierte der Verein damit nicht. 1912 wurde das Foto im Deutschen Kalender für die Bukowina in einem Bericht des Volkskundlers Raimund Friedrich Kaindl abgedruckt, der für die deutschvölkische Agitation in der Bukowina eine wichtige Rolle spielte.14 Kaindl setzte mit diesem Beitrag seine Reihe über die deutsche Ansiedlung fort. Zu dem Bild erläuterte er, es zeige das »Anwesen eines wohlhabenden deutschen Grundwirtes« in Hliboka, die Bildunterschrift nannte eine konkrete Person: Das Haus des Philipp Armbrüster in Hliboka sei abgebildet.15 War Armbrüster im Artikel noch persönlich genannt, wurde er auf der Postkarte zu einem »deutschen Bauern« – ein klassisches Beispiel für die Entkonkretisierung und damit Essentialisierung von ethnischen Gruppen durch das Postkartenschaffen. Die Karte war auf der Rückseite simpel gestempelt, doch wurde sie etwas hochtrabend mit »Verlag des Vereins der christl. Deutschen in der Bukowina. Czernowitz, Deutsches Haus« als Herausgeber beschriftet (Abb. 2). Die aufgebrachte Nummer 16 deutet darauf hin, dass noch mehr Postkarten des Vereins existierten. In der Sammlung Salahor findet sich lediglich noch eine ganz klassische Karte des Vereins mit dem Wappen auf der Vorderseite (Abb. 3). Eine ähnliche ist ebenso vom Rumänischen Kulturverein überliefert (Abb. 4). Rumänischsprachige Personen bildeten schon in den 1840er Jahren Vereine und arbeiteten mit der 1865 gegründeten Gesellschaft für Rumänische Kultur in der Bukowina (Societatea pentru Cultura şi Literatura Română în Bucovina) an Literarisierung und nationalem Bewusstsein. Zudem gab es Erinnerungspostkarten an die Feierlichkeiten zu Ehren des polnischen Nationaldichters Mickiewicz.16 Postkartalische deutschnationale Agitationen gab es in der Bukowina dennoch. So verlegte das in Berlin und Dresden ansässige Verlagshaus Stengel & Co eine Karte des frühen deutschen Hauses, die unter der gedruckten Inschrift »Treudeutscher Gruß« auch versendet wurde (Abb. 5).17 Da dies das einzig derartige Beispiel

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