Leseprobe

Die Eliten der im Osten Cisleithaniens gelegenen Region betonten und begrüßten die Zugehörigkeit zur Habsburger Monarchie. Wie im vorangegangenen Kapitel dargelegt, zeigte sich dieses Selbstbild in der Postkartenproduktion, indem die Verleger die Orte des imperialen Ausbaus betonten und wenige Ansichten des moldauischen, prä-habsburgischen Kulturerbes herstellten und verkauften. In der Postkartenproduktion wurde die politische Zugehörigkeit immer wieder festgeschrieben. Die kleinen Karten festigten folglich den Teil der Leiterzählung des Bukowinismus, der die österreichischdeutsche Kultur als wesentlich für die Entwicklung des Kronlandes darstellte.1 Wesentlicher anderer Bestandteil des identitätsstiftenden Narrativs des Bukowinismus war, den Beitrag der unterschiedlichen ethnischen, sprachlichen und religiösen Gruppen zur Geschichte und Gegenwart der Region zu betonen. Wenngleich die Beschreibung des Bukowinismus als »Gemeinsamkeitsideologie« ohne Wertung irreführend ist,2 so lässt er sich als grundsätzliche Bejahung des Zusammenlebens unterschiedlicher ethnisierter Gruppen lesen, als Affirmation der Multiethnizität. In diesem Kapitel werde ich in drei Schritten deshalb der Frage nachgehen, ob und wie Postkarten die Leiterzählung des Bukowinismus in Bezug auf die Multiethnizität mitgestalteten. In einem ersten Schritt werde ich nach der Sprachwahl der Postkartenverleger und der Aneignung durch die Postkartenschreiber*innen fragen, da sich in anderen Regionen des Habsburger Imperiums daran politische Auseinandersetzungen festmachten. Übergeordnet stehen im Teilkapitel nationalistische Gegenerzählungen im Fokus. Denn in ganz Europa wurde das hochmoderne und beliebte Massenkommunikationsmittel der Postkarte damals für politische Zwecke genutzt, von Gruppierungen, die sich entweder der Stärkung der Klasse oder der Nation verschrieben hatten.3 Ansichtskarten waren ein schichten- und raumübergreifendes Massenmedium der Zeit, das alle erreichte: Stadt- und Dorfbevölkerung, des Lesens und Schreibens Kundige und Illiterate – und die stellten im Zeitalter der Postkarten eine immer noch große Gruppe in der Region.4 In einem zweiten Schritt untersuche ich die Darstellung der Ethnien, die nach den topografischen Ansichtskarten das zweithäufigste Motiv darstellten. Welche Gruppen zeigten die Verleger, wie beschrifteten sie die Bilder und essentialisierten sie somit abgebildete Personengruppen? Und (wie) reagierten die Käufer*innen der Ansichtskarten? In einem dritten Schritt gehe ich gesondert auf die Darstellung der jüdischen Bevölkerung ein, aus der sich in der Bukowina auf der einen Seite die lokale Elite und ein Großteil der Postkartenverleger rekrutierte, deren Abwertung auf der anderen Seite auf Ansichtskarten aber vor Ort – ebenso wie in anderen Teilen Europas auch – zum Geschäft wurde. In einem vierten kürzeren Schritt untersuche ich die Darstellung und Aneignung der topografischen Ansichtskarten, die Orte der Religion und der Nation(en) zeigen. Wie verhalten sich die Miniaturen der entsprechend markierten Personen zu den Miniaturen der entsprechend markierten Orte? 4.1 Kein Medium des Nationalismus oder die Bukowina als Sonderfall Fehlanzeige I: Postkarten der ethnopolitischen Akteure In ganz Europa wurden Bildpostkarten damals für politische Zwecke vereinnahmt. Gerade im multiethnischen Imperium der Habsburger agitierten zahlreiche Gruppen, die sich allmählich als ethnisch zusammengehörig und von ihren Nachbarn als unterschiedlich zu begreifen begannen, gegen die Zugehörigkeit zur Habsburger Monarchie. In polemischer Zuspitzung bezeichneten sie das Imperium häufig als »Völkerkerker« und setzten auf die Gründung eines je eigenen Nationalstaates.5 Dazu setzten die »ethnopolitischen Unternehmer«, wie Rogers Brubaker federführende Akteure in Ethnisierungsprozessen unter Rückgriff auf Pierre Bourdieu benennt, eine Vielzahl von Maßnahmen und Medien ein, die in ständigem Rückkopplungsprozess mit den Adressat*inn en der Identitätspolitik standen.6 Zu diesem Set gehörten visuelle Codes, nationale Symbole und Allegorien. In der Wiederholung, nicht zuletzt durch das Massenmedium der Postkarten, verdichteten sie sich zu einer »illustrierten Nation«. In Böhmen und Mähren, wo die politische Auseinandersetzung besonders intensiv geführt wurde, avancierten Postkarten zu einem prononcierten Medium des politischen Kampfes. Deutsche und tschechische Mythen und Sagen wurden nationalpolitisch besetzt und ihre Visualisierungen auf Postkarten umgesetzt, Farben als Nationalfarben reichlich eingesetzt. »Mythen, Wappen, Farben und selbst Baumsymbole« sollten über Postkarten die nationale Sache vorantreiben.7 Auch im Kronland Steiermark fertigten die Verlage Bildpostkarten an, die nationale Allegorien oder Symbole zeigten und somit zur ethnonationalen Politisierung des öffentlichen Raums beitrugen.8 Im Kronland der Bukowina gründeten sich im Laufe des 19. Jahrhunderts mehrere Vereine, die die Kultur und oft genug den politischen Einfluss ihrer ethnischen Gruppe befördern wollten. Auf universitärer Ebene bildeten sich seit den 1870er Jahren Verbindungen entlang

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