Leseprobe

3.1 Modernisierungserzählungen durch Ansichtskarten: Orte der Moderne in der Peripherie 63 q dem Theater und Nationalhäusern, in denen sich die ethnisch-national-religiösen Gruppen in der Bukowina, ebenso wie in anderen Teilen des östlichen Europa versammelten, bezeugten das erstarkende kulturelle Selbstbewusstsein.47 Der Habsburger »Universalstil« hielt in der Bukowina Einzug. Über die Kronländer breitete das Zentrum ähnliche Architektur aus, was Teil eines Zentralisierungs- und Modernisierungsanliegens war und oft als Teil der imperialen Herrschaftsstrategien gedeutet wird. Und so dokumentierten die lokalen Fotografen in Czernowitz den Stadtumbau. Postcarding the city war ein internationales Phänomen. Die Ansichtskarten zeigten und erklärten den Wandel, um das Argument von Karin Walter aufzunehmen.48 Allein in der Sammlung Kasparides gab es 75 unterschiedliche Ansichten aus Czernowitz, Aufnahmen von Straßen, Gassen und Plätzen, Fotografien von öffentlichen und privaten Gebäuden, profanen und sakralen Bauwerken. Viele von ihnen wurden aus unterschiedlichen Blickwinkeln fotografiert, in schwarzweißer, kolorierter oder gerahmter Ausführung angeboten. Bauern, die in Czernowitz auf den Markt fuhren, konnten mit den günstigen Postkarten den Familienmitgliedern Ansichten der Urbanisierung nach Hause tragen, die selten oder nie in die Landeshauptstadt kamen. Zudem hatten einige der Czernowitzer Postkartenhändler Filialen auf dem Land, sodass sich die lokale Bevölkerung auch dort mit Bildern versorgen konnte. Die Ansichten der modernen Stadt wurden häufig gekauft, wie die Durchsicht der Sammlungen in Hinblick auf gelaufene und nicht gelaufene Exemplare zeigte. Explizite Kommentare zur Stadtentwicklung finden sich nur manchmal, Kommentare zur Stadt vor allem von Reisenden, wie in den Folgekapiteln ausgeführt wird. Die Einheimischen erledigten auf den kleinen Ansichten der Stadt ihre Alltagskommunikation: So konnte ein »Blick vom Rathausturm« dazu dienen, die Frau Doctor über den Stand der Bemühungen zu informieren, für einen Zögling ein günstiges Kosthaus zu finden,49 eine Ansicht eines Platzes, Maria zu ermahnen, sich zu bessern,50 oder eine Postkarte der Kuczumarergasse, um Lina ob ihrer Traurigkeit zu befragen,51 eine Ansicht der Enzenberg Hauptstraße, um ein Gedicht auf Deutsch und Rumänisch zu übermitteln.52 Auf einer Karte des Elisabethplatzes sorgt sich Henriette um Charlotte, die zur Kur ist und so selten schreibe, und auf einer Doppelansicht von Hotel Weiss-Sparcassa und Hotel Weißer Adler erfahren die Eltern, dass man wieder beisammen und gesund sei.53 In den Auslagen der Papierwarenhändler gab es zudem auch Aufnahmen der unterschiedlichen städtischen Krankenhäuser.54 Michaela Seewald deutete deren Erbauung »als gemeinwohlorientiert und bürgerlich«55 − ebenso wie den Bau von Schulen, Kirchen, Museen, Justiz- und Verwaltungsgebäuden, Bahnhöfen und Postgebäuden in der Bukowina, womit sie das Bürgerliche irreführenderweise als eine Art übergeordnete Kategorie etabliert. Vielmehr sind die Aufnahmen als Teil des städtischen Narrativs zu sehen: Die Stadt stellt sich durch den Bau von Kranken- und Versorgungsanstalten selbst dar (Abb. 7) – wie an zahlreichen anderen Orten Europas.56 Die Verlage unterstreichen die Selbstdarstellung als (Groß-)Stadt, eine der wichtigsten Selbstverständigungsdebatten der Zeit. Orte des Aufstiegsstrebens: Selbstbilder einer bürgerlichen Gesellschaft Entsprachen zahlreiche »Ansichten der Moderne« internationalen Narrativen der Zeit, fällt auf, dass die Formations- und Kohäsionsorte der bürgerlichen Gesellschaft sehr häufig abgebildet wurden, ja, Schulen und Theater von den Bukowiner Verlagen für noch abbildungswürdiger und verkaufbarer als der Bahnhof gehalten wurden. Bildung spielte eine zentrale Rolle für die Verbesserung der Lebensbedingungen in der Habsburger Peripherie, die überdurchschnittlich hohe Analphabetenquoten hatte. Zwischen 1860 und 1913/14 entstanden in der Region zahlreiche neue Schulen.57 Direkte Effekte der Bildungsexpansion im Primarsektor ließen sich Jahre später ablesen, als die Alphabetisierungsquote deutlich gestiegen war.58 Neben den Primarbildungsanstalten konnten weiterführende Schulen eröffnet werden sowie Schulen, die für bestimmte Berufsfelder qualifizierten.59 Die Bedeutung, die den Institutionen zugeschrieben wurde, spiegelte sich in einer regen Ansichtskartenproduktion. Zahlreiche Kärtchen der unterschiedlichen Schulen, von der landwirtschaftlichen Landes-Mittelschule, der k.k. Staatsgewerbeschule, des k.u.k. II. Staatsgymnasiums und der Lehrer- und Lehrerinnenbildungsanstalt waren verfügbar (Abb. 8). Die 1875, zum hundertsten Jahrestag der Eingliederung der Bukowina ins Habsburger Imperium, gegründete Universität verhalf der zuvor doch eher verschlafenen Stadt in der Peripherie zu entscheidender Blüte.60 Entsprechend gab es zahlreiche Motive, die sich gut verkauft haben dürften. Die Bukowinaer Post prophezeite einer Ansicht der Universität, des Institutsgebäudes und der griechisch-orthodoxen theologischen Fakultät, die

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