Leseprobe

q 62 Modernisierung kartieren form, war er doch sehr stark belebt. Auf diesen Ansichtskarten wirkte Czernowitz großstädtisch. Die Stadtwerdung, besser das Stadtsein, war wichtiges visuelles Narrativ auf diesen Karten, ebenso wie auf den Ansichten des Bahnhofs. Nach der Erneuerung des Platzes war die Czernowitzer Allgemeine Zeitung 1904 voll des Lobes, das sie sogleich wieder mit den Abwertungsdebatten verknüpfte: »Gleich mitten drin, im Zentrum von Czernowitz, am Ringplatz, welch ein verändertes erfreuliches Bild. Das holpert nicht mehr so grauslich wie vor einem Jahre. Das Pflaster macht einen fast großstädtischen Eindruck; wie angenehm geht es sich auf diesen Quadersteinen, wie leicht fährt sich’s auf den harmonischen Seitenwegen längst der Trottoire. Das Rathaus lacht ordentlich in seinem hellen Braun auf das anmutige Bild zu seinen Füßen herunter. Der Fremde schlägt nicht mehr entsetzt die Hände über dem Kopf zusammen und schimpft sich weidlich aus über dieses Klein-Wien. Und vorn und hinten, rechts und links, manch prächtiger imponierender Bau ragt kühn empor, wo noch vor Jahresfrist eine elende Ruine die Stadt verschandelte.«46 Der Stolz auf das städtebauliche Projekt klingt klar durch, wobei deutlich wird, dass es für Czernowitz schwer bis unmöglich ist, die städtische Selbstdarstellung von der Inszenierung als Landeshauptstadt des Kronlandes Bukowina zu trennen. Denn am Ringplatz lagen wichtige Geschäfte, Cafés und Hotels, und auch einige der Postkartenverleger hatten ihren Laden an dem belebten Platz. Doch lag am Kopfende des Ringplatzes das 1848 errichtete Rathaus und damit Sitz der Selbstverwaltung der Landeshauptstadt. Zudem waren weitere wichtige Gebäude der Landes- und Stadtverwaltung an dem Ort, etwa die Wohnung des Landespräsidenten und phasenweise der Sitz der Landesregierung. Sowohl für die Selbstwahrnehmung als auch die Außenrepräsentation der Bewohner*innen von Czernowitz spielte er eine besondere Rolle, stand er für Urbanität und Selbstständigkeit gleichermaßen. Die Ansichten der modernen Stadt insgesamt bildeten einen Großteil des damaligen Ansichtskartenrepertoirs. Sie machten Urbanisierung und Modernisierung für alle anschlussfähig, auch für den großen Teil der lokalen Bevölkerung, der am schriftlichen Diskurs nicht partizipieren konnte. Denn in dieser Phase veränderte sich das Antlitz der Stadt, nicht zuletzt da zahlreiche öffentliche Gebäude in repräsentativem Stil errichtet wurden. Der Bau neuer Schulen dokumentierte die Bildungsexpansion, die Errichtung von Kulturstätten wie Abb. 7 Präsentation der städtischen Funktionalität – Czernowitz. Landeskrankenanstalt. Simon Gross: Czernowitz, o. J.

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