Leseprobe

3.1 Modernisierungserzählungen durch Ansichtskarten: Orte der Moderne in der Peripherie 61 q rapport bringt fast täglich in seinem kurzen, lakonischen Stile eine, manchmal auch mehrere Meldungen unter der Spitzmarke: »›Überfahren!‹ Man hat sich an diese Lektüre schon so gewöhnt, daß man darüber nicht weiter nachdenkt. Man liest die Notiz mit derselben Gleichgültigkeit, wie etwa eine Verlobungsanzeige, die ja auch schließlich nur den tiefer trifft, der in dieser Verlobung eine Rolle spielt. Oder man sagt sich, schon wieder einer verlobt, schon wieder einer überfahren.«39 Die zahlreichen Unfälle seien jedoch nicht auf die große Anzahl an Automobilen zurückzuführen, sondern auf die Unfähigkeit der Czernowitzer, so Kracherl in diesem zitierenswerten Beitrag weiter: »Die Leute können einfach nicht gehen und die Lenker der Fuhrwerke kennen keine Fahrordnung. Die Fuhrwerke irren in allen Ecken und Enden der Straßen herum. Sie fahren rechts, sie fahren links, sie fahren in der Mitte, sie bewegen sich nach allen Richtungen. Die Fußgänger wieder promenieren, torkeln, trotten, wie ohne Ziel. Man geht nicht irgendwohin, wohin man zu einer bestimmten Zeit anlangen will, sondern man geht von Ungefähr. Langsam, gemächlich. Man geht zu Zweien, zu Dreien, zu Vieren. Man hängt sich ein. Manchmal hat einer plötzlich das Bedürfnis, seinem Zärtlichkeitsgefühle, das er für seinen Nächsten empfindet, sichtbaren Ausdruck zu geben. Er schlingt um ihn seinen Arm, wobei er einen anderen anstößt, oder ihm den Hut vom Kopfe entfernt, oder er nötigt ihn, auszuweichen und auf die Fahrstraße zu gehen. Hier kommt aber schon ein Wagen, der schnurstracks auf ihn zufährt. Überfahren! Es gibt Leute, die beim Gehen mit ihrem Spazierstock balancieren, oder ihn quer tragen, wodurch sie regelmäßig anstoßen. Dazu kommt noch eins. Die Hauptverkehrsader, die Strecke von der Hauptstraße bis zum Ende der Herrengasse wird nicht allein als Gehweg betrachtet, sondern, wie es scheint, auch als Versammlungsplatz. Man hält da Besprechungen ab. Man politisiert, kokettiert und räsoniert. Damen besprechen im Gehen ihre Toiletten, junge Mädchen ihre Erlebnisse, Studenten ihre Abenteuer.«40 Die Karte von Horowitz war folglich anschlussfähig an zeitgenössische Diskurse, in der die Beschleunigung und Unordnung im Stadtraum mitunter als gefährlich empfunden wurde. Sie changierte – ebenso wie eine vergleichbare Karte von Dorna Watra, einem Städtchen, das damals gerade 5 159 Einwohner zählte und nicht einmal eine Tram hatte − zwischen einer Faszination für moderne Mobilitätstechniken, die sie in Szene setzten, und der Kritik an möglichen Folgen der Technologien. Sie bringen den einzelnen Menschen zu Fall, in beiden Fällen den Fußgänger, der mit der technischen Aufrüstung nicht mithalten kann. Zudem können sie als Kommentar – ohne dass dies von den Machern intendiert gewesen sein muss − an der entstehenden Massengesellschaft gelesen werden: Die Fußgänger, vulgo der einzelne Mensch, stürzten nicht nur über die Technik, sondern über die Tatsache, dass zu viel los war, also auch über Urbanisierung. Derlei futuristische Karten sind nicht im oder für das östlichste Kronland Cisleithaniens erfunden worden, sondern existierten von zahlreichen europäischen und außereuropäischen Dörfern und Städten in der Zeit.41 Sie bildeten ein Subgenre der topografischen Ansichtskarten. Naomi Schor beobachtete für Paris: »It is not unusually in these resolutely modernist cards to find the emblems of progress piled on top of each other: a flotilla of omnibuses parked near the metro entrance in front of a train station, a plane flying over the Eifel.«42 Ansichtskarten als visuelles Medium der Zeit begleiteten die positiven und negativen Seiten der Mobilität im urbanen Raum. Bis auf die diskutierten futuristischen Ansichtskarten, die einen Hauch von Spott in sich trugen, war die über Ansichtskarten getragene visuelle Erzählung der Mobilität in der Bukowina aber eine durchweg positive. Die Modernisierungsgeschwindigkeit der Bukowina schien den Postkartenmachern angemessen. Urbanität auf 9 × 14 Zentimetern Eines der häufigsten Postkartenmotive aus Czernowitz war der Ringplatz, der allein in der Sammlung Kasparides mit 18 unterschiedlichen Motiven vertreten war. Dazu kamen noch Motive des Ringplatzes in anderen Sammlungen, etwa der kleineren im Jüdischen Museum in Černivci, des Ethnologischen Museums Černivci, der Privatsammlungen von Serhij Osačuk und Gennadij Jankovskyj.43 Zwar ist man quantitativ von den »92-mal Praterallee« weit entfernt, die Eva Tropper für die Wiener Postkartenproduktion untersuchen konnte.44 Doch zeigt sich deutlich, dass der Ringplatz in der Selbstdarstellung und Selbstwahrnehmung der Stadt eine besondere Rolle spielte (Abb. 5 und 6).45 Der Ringplatz war Verkehrsknotenpunkt, an dem sieben Straßen zusammenkamen, und über den die Czernowitzer Trambahnen fuhren. Auf dem Platz selbst fand zweimal wöchentlich ein Markt statt, der Bauern und Händler aus dem Umland in die Stadt brachte. An den Markttagen verkörperte der Platz Urbanität in Rein-

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