Leseprobe

q 58 Modernisierung kartieren kany, und der Bahnbrücken in Nepolokoutz/Nepołokiwci/Nepolocăuţ hinterlassen.23 Mitunter sind die Aufnahmen des Bahnhofes die einzig überlieferten Ansichtskarten des Ortes – eine Konsequenz der Tatsache, dass die Eisenbahn Ende des 19. Jahrhunderts viele der kleineren Orte in der Bukowina erstmals mit der Außenwelt verband. So standen Bahnhöfe nicht nur für Beschleunigung, sondern waren wichtige Übergangsorte zwischen Stadt und Land.24 Ansichtskarten von Bahnhöfen waren aufgrund ihrer Symbolik beliebt, doch auch aufgrund der Tatsache, dass sie ein Hotspot des Ansichtskartenschreibens waren. Man schrieb, wenn man auf Reisen war, wie der Satiriker Karl Kraus kommentierte: »[...] Blicken wir aus dem Coupéfenster: Da sieht man in der kurzen Zeit, da der Zug hält, Leute in glühender Hitze nach Ansichtskarten laufen, mit schweren Schweißtropfen im Antlitz ein paar hastige Zeilen scribeln und athemlos den Perron nach einem Briefkasten durchsuchen. Mit Müh’ und Noth wird der Zug noch erreicht. Erschöpft setzt sich das Opfer der Ansichtskartenmanie nieder, – für einige Minuten nur; denn wieder hält der Zug, wieder muss dem Moloch geopfert werden.«25 Tatsächlich schrieben viele Reisende, um die Zuhausegebliebenen an ihren Erlebnissen teilhaben zu lassen. Mitunter wählten sie Ansichten von Bahnhöfen, Bahnbrücken und Bahnverwaltungsgebäuden, um die Strapazen des Reisens zu schildern. Hanna informierte einen Bekannten im Stuttgarter Raum, dass sie morgen nach Wien zurückkehre: »24 Stunden Fahrtzeit (Schnellzug). Kein Spaß!«26 Die Brücken waren insgesamt ein viel gewähltes Motiv, die für alle nur erdenklichen Mitteilungen ausgewählt wurden. Sie standen ikonografisch für die Durchdringung des Raumes (Abb. 2).27 Victoria wählte eine Ansicht der Czernowitzer Pruthbrücke aus, um detailliert ihre neueste modische Errungenschaft zu beschreiben: »Liebe Schwester. Ich habe bereits einen cremfarbenen, mit weißen Flügeln geschmückten Hut gekauft. So trägt man es jetzt hier. Morgen gehen wir nach Hause, weil wir schon alles aus Wien bekommen haben, es ist wunderbar.«28 Die Bilder der Moderne waren nun selbstverständlicher Hintergrund des neuen modernen Lebens, das auch neue Konsummöglichkeiten brachte. Außer der Eisenbahn garantierten Postämter die Verbindung mit der Außenwelt.29 Teile der Bukowina wurden erst Ende des 19. Jahrhunderts an das Postnetz angeschlossen, sodass Postämter ebenso für Mobilität und Anbindung an die regionalen und imperialen Zentren standen. Wie groß deren Bedeutung war, zeigt die postkartalische Verewigung der Eröffnung eines Postamtes im südbukowinischen Dorna Watra. Die Ansicht zeigt, dass sich bei diesem Anlass alle Honoratioren und wesentliche Statusgruppen der Stadt versammelten. Ganz in der Bildmitte sind mehrere Vertreter der Geistlichkeit zu erkennen (Abb. 3).30 Der Anschluss an die Moderne war ein wichtiges Ereignis, an dem man auch retrospektiv über den Erwerb der Karte teilhaben konnte.31 Ambivalenzen der modernen Mobilität oder Czernowitz in der Zukunft Den meisten Stadtdarstellungen zur Jahrhundertwende war ein »Kick der Modernisierung« eingeschrieben.32 In der Tat zeugen zahlreiche internationale Postkartenmotive von einer immensen Technikbegeisterung, indem Verkehrsmitteln ungeahnte Möglichkeiten zugeschrieben wurden, etwa Automobile fliegen konnten.33 Andere Karten jedoch thematisierten potentielle negative Folgen: »Das Automobil kommt!« ebenso wie »Die electrische Bahn kommt!« waren klassische Scherzpostkarten der Zeit, die bestehende Befürchtungen in Teilen der Bevölkerung aufgriffen und verstärkten.34 In der Bukowina entwarfen die Verleger kaum Dystopien. Lediglich in wenigen Karten stellt sich der Stadtverkehr als chaotisch, gar gefährlich, dar. Die Tram konkurrierte mit dem Automobil um den Platz auf der Straße, zum Leidwesen der Fußgänger. Sie stolperten über Gleise und übereinander, gerieten vor dem Kraftfahrzeug zu Fall. Selbst im Luftraum gab es Verkehr: Ein Heißluftballon schwebte über der Stadt. »Czernowitz in der Zukunft« lautete der Titel der üppig mit Staffagen versehenen Ansichtskarte aus dem Haus Josef Horowitz, die vermutlich 1904 auf den Markt kam (Abb. 4).35 Sie bildete alle Wahrzeichen des technischen Fortschrittes ab: Den 1783 eingeführten Heißluftballon, die 1832 erstmals ausprobierte Tram, damals allerdings noch als Pferdefuhrwerk, das 1817 erfundene Fahrrad ebenso wie das 1886 eingeführte Automobil sowie den mobilen fotografischen Apparat.36 Zum Zeitpunkt der Entstehung war in Czernowitz nicht alles Zukunftsprojektion. Die Stadt hatte zum Entstehungszeitpunkt der Ansichtskarte bereits eine Tram, die seit 1897 fuhr,37 und einige private Autobesitzer, sodass es vermehrt zu Unfällen kam. »Es vergeht jetzt fast kein Tag, ohne die Meldung, daß da oder dort eine Person überfahren wird«, schrieb die Bukowinaer Post am 12. 7. 1896.38 Ein knappes Jahrzehnt später persiflierte Josua Kracherl im Czernowitzer Tagblatt die Situation: »Der Polizei­

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