Leseprobe

3.1 Modernisierungserzählungen durch Ansichtskarten: Orte der Moderne in der Peripherie 57 q Die Verlage Josef Gottlieb, Moritz Gottlieb, Sigmund Jäger und Leon König hatten alle Ansichten des Bahnhofes – sowohl des alten als auch des neuen Erweiterungsbaus − im Angebot, teils in ähnlichen Bildausschnitten, teils zusätzlich belebt oder mit anderen Inszenierungen, wie Wolken, bestückt. Teils kopierten die Verlage munter voneinander.19 Mal betonte der Bildausschnitt den Anschluss an andere moderne Verkehrsmittel in der Stadt, also seine Relaisfunktion. Mal wurde der Bahnhof als Tor inszeniert, das in den Stadtraum öffnet.20 Die zahlreichen Bahnhofsansichten lassen sich unterschiedlich erklären. Zum einen ist festzustellen, dass gerade der 1909 errichtete Erweiterungsbau des Bahnhofs in Czernowitz zu den bekanntesten Gebäuden der Zeit gehörte, das zahlreiche Elemente des Wiener Sezessionsstils aufwies. Insgesamt war es die oft spektakuläre Architektur, die dazu führte, dass Bahnhöfe zeitgenössisch zu den meistfotografierten Bauten zählten, die wiederum von verlegerischen Institutionen auf die 9 × 14 Zentimeter gebracht wurden (Abb. 1).21 Die Czernowitzer Bahnhofspostkarten waren also Teil einer globalen Bilderzählung der Moderne. In der Bukowina betonten die Verleger das, was in den meisten anderen Orten auch betont wurde – und schrieben sich so in eine Gemeinschaft der Moderne ein. Die Bukowina gehörte dazu. Zum anderen faszinierte der Bahnhof als Ort die Zeitgenossen weltweit, stand er paradigmatisch für die Veränderungen in der Moderne: Für die neuen Möglichkeiten der Mobilität, für Beschleunigung, für die Bewegung von Massen, ja für Massengesellschaft überhaupt, da beim Reisen Standesschranken nur in Teilen aufrechterhalten werden konnten. Zudem verhalf erst die Eisenbahn dem Tourismus zum Durchbruch. Das gilt auch für Czernowitz: Der Bahnhof brachte neue Personen ins Kronland und hatte erst die Grundlage für den Fremdenverkehr geschaffen. Insgesamt verzeichnete der Czernowitzer Bahnhof einen enormen Anstieg bei den Reisendenzahlen: Im Jahr nach Streckeneinweihung fuhren etwa 42 000 Reisende mit der Bahn in der Landeshauptstadt ein- oder aus; zur Jahrhundertwende frequentierte fast eine halbe Million Personen den Bahnhof.22 Die Euphorie umfasste nicht nur den imposanten Bahnhof der Landeshauptstadt, sondern die Postkartenindustrie der Bukowina hat ebenso Aufnahmen der Bahnhöfe in Burdujeni, Hadikfalva, Hatna, Hliboka, ItzAbb. 1 Der Bahnhof: Auch in der Bukowina das häufig abgebildete Signum der Moderne – Czernowitz. Neuer Hauptbahnhof, Sigmund Jäger: Czernowitz, o. J.

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