Leseprobe

q 56 Modernisierung kartieren Kaufleute und Industriellen, die zahlreiche Beamtenschaft, Hoch-, Mittel-, Fach- und Volksschulen, die starke Garnison, der Clerus dreier christlicher Konfessionen mit allem Pomp, der an ihnen haftet, die vielen Behörden, Geldinstitute, Vereine, die eleganten Hotels, Kaffee- und Gasthäuser, Wasserleitung, Canalisation, elektrische Beleuchtung und Tramway etc., alles das gibt Czernowitz den Nimbus einer Stadt, die den Anlauf zur Großstadt macht.«4 Ähnlich, vielleicht einen Ton mitleidiger formulierte die Neue Freie Presse im Jahr 1904 über Czernowitz, es sei die »tapfer voranschreitende [...] Landeshauptstadt der Bukowina«.5 Einige Jahre zuvor, im Jahr 1900, verdächtigte die Bukowiner Rundschau die Redakteure der wichtigen Wiener Tageszeitung, sie wüssten mehr über Sibirien denn über die Bukowina. Als Peripherie des Reichs werde das Kronland beschrieben und in ihrer Wahrnehmung auch so behandelt.6 Im Zentrum (weiter-)bestehende Wahrnehmungsmuster oder gar Missachtung schmerzten die lokalen Eliten, die früh die Eigenständigkeit von Galizien und Lodomerien propagiert hatten, da sie einen Wert in einer eigenständigen Bukowina sahen.7 Die Auseinandersetzung mit der Provinzialisierung, zugespitzt gesagt mit binnenkolonialen Mustern, gehörte zu den zentralen Selbstverständigungsdebatten der bukowinischen städtischen Elite um die Jahrhundertwende. Um die Zugehörigkeit zur Monarchie und um Rückständigkeit/Modernität drehten sich die Autodiskurse. Journalisten formulierten pathetisch, dass die Region »Fleisch vom Fleisch [der Monarchie] und Blut von ihrem Blute«8 sei, nicht zuletzt, da sie sich als »Reichsstiefkind«9 behandelt fühlten. In diese Selbstverständigungsdebatten schrieben sich Postkartenverleger mit ihren Bildwelten ein. Sie konturierten – wie Journalisten, Geistliche und Politiker – Bilder des Kronlandes. Mit der von ihnen vertriebenen Massenware erzählten sie von der Bukowina, indem sie manches als sehenswürdig ausstellten, anderes ausließen. Sie schrieben so an Narrativen über die Landeshauptstadt und die Region mit. An der Prägekraft der Karten bestand zeitgenössisch kein Zweifel und so konnte eine schlechte, da unmoderne, Ansicht auf einer Postkarte gar als politisches Instrument verwendet werden. Im Oktober 1900 berichtete die Bukowinaer Rundschau aus dem Gemeinderat, dass einer der Abgeordneten, Tellmann, das Wort ergriffen habe, um eine bessere Beleuchtung der Roschergasse zu erbitten. Der Grund: »Dazu sei er durch eine an ihn adressierte Ansichtskarte veranlasst worden, welcher er dem Gemeinderathe vorlegte. Die Karte zeigt eine schwarze Fläche und als Aufschrift die Worte: ›Gruß aus Czernowitz, Beleuchtung der Roschergasse.‹«10 Mobilität in der Moderne: Eine globale Bilderzählung in der Habsburger Peripherie Erst im Jahr 1866 bekam die Bukowina – ebenso wie das ungleich größere Galizien – Anschluss an das wichtigste Massenverkehrsmittel der Zeit, die Eisenbahn. 1866 eröffnete die Strecke von Lemberg nach Czernowitz, 1869 folgte die Verbindung nach Jassy, im Königreich Rumänien gelegen, 1884 dann konnte im Grenzbahnhof Nowosielitza der Übergang zur russischen Eisenbahn erfolgen, womit Czernowitz endgültig auf den Handelsrouten zwischen dem östlichen und südöstlichen Europa ein wichtiger Knotenpunkt geworden war.«11 Ihre periphere Situation verbesserte dies enorm, wenngleich die Reisezeiten ins imperiale Zentrum die Randlage des Kronlands noch deutlich widerspiegelten. Im Jahr 1873 war Wien mit der Eisenbahn 27 Stunden entfernt, die Reisedauer nach Lemberg betrug kurz vor der Jahrhundertwende, im Jahr 1898, noch fünf bis acht Stunden.12 Zur Überwindung der weniger als 300 Kilometer langen Strecke nach Lemberg brauchte der Zug zu Beginn zwölf Stunden, die reguläre Reisezeit betrug spätestens ab 1873 gut sieben Stunden. Ins imperiale Zentrum dauerte es zuerst über einen Tag, dann verkürzte sich die Reisezeit nach und nach auf 17 Stunden.13 Üblicherweise führte der Weg nach Wien über Lemberg, die Fahrt über Budapest war theoretisch möglich, aber aufgrund schlechter Anschlüsse in der Realität seltener gewählt. Der ebenfalls 1866 eingeweihte neue Bahnhof symbolisierte nun, dass die Bukowina enger angebunden, mehr ins Zentrum gerückt war und die politische Führung auf Staats- und Landesebene inzwischen nicht nur die finanzielle Macht, sondern auch den Willen hatte, die Anbindung herbeizuführen.14 Die Landeszeitung erinnerte zur Eröffnung daran, dass das Kronland »den Mangel der Verbindung oft gefühlt«15 habe. Nun solle sich die Gesamtsituation bessern.16 Zeitgenossen stuften es gar als »epochemachendes Ereignis« ein, das die Bukowina aus ihrer Isolation befreie, die Wirtschaft ankurbeln und auch die »Werke der fortschreitenden Kultur zugänglich«17 machen werde. »[Z]um Aufschwunge unseres Landes und unserer Stadt wird die Eisenbahn allein maßgebend sein«, befand die Bukowiner Landeszeitung am 5. 9. 1866.18

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