Leseprobe

In weiten Teilen von Europa und Übersee visualisierten Ansichtskarten die technischen, baulichen und gesellschaftlichen Veränderungen um die Jahrhundertwende und reflektierten somit den rapiden Wandel, der in dieser Zeit beschleunigter historischer Entwicklung stattfand.1 Postkarten der Bukowina standen deshalb in globalem Kontext, doch fand die Produktion der Selbstbilder in der Habsburger Peripherie vor dem Hintergrund eines ausgeprägten zeitgenössischen Diskurses über Modernität und Rückständigkeit des Kronlandes statt. Es wird deshalb in einem ersten Teilkapitel der Frage nachgegangen, welche »Orte der Moderne«2 in der Peripherie die Verleger aus der Region bevorzugt zeigten und wo sich für die Region Bukowina – ein in Hinblick auf mehrere Kennziffern rückständiges Kronland – spezifische Narrative entziffern ließen. Da in der Bukowina die Modernisierung mit dem Landesausbau nach der Loslösung von Galizien und Lodomerien zusammenfiel, scheinen Modernisierungserzählungen zudem in besonderer Weise an die Zugehörigkeit zum Habsburger Imperium gebunden. Deshalb fragt das zweite Teilkapitel nach der gesamtimperialen Dimension der visuellen Erzählung, indem unter anderem Leerstellen in den bukowinischen Bilderzählungen untersucht und Positionierungen der Verleger gegenüber dem Wiener Herrscherhaus herausgearbeitet werden. Teilkapitel drei nimmt dann die postkartalische Inszenierung der Bukowina als (modernes) Reiseziel in den Blick, wobei Reiseführer als textbasierte Medien und die Ansichtskarten als Bildmedien in einem Wechselverhältnis miteinander standen, indem sie, aufeinander reagierend, das Sehenswerte normierten. In einem vierten Teilkapitel werden die Grenzen der visuellen Modernisierungserzählung ausgelotet, um zudem zu analysieren, ob zeitgenössische Postkartenschreiber überhaupt das Deutungsangebot der Moderne annahmen und weitertrugen. 3.1 Modernisierungserzählungen durch Ansichtskarten: Orte der Moderne in der Peripherie Welche (Selbst-)Bilder lassen sich also an den Ansichtskarten ablesen? Ein erstes deutliches Ergebnis ist, dass die 9 × 14 Zentimeter kleinen Kärtchen bevorzugt Orte und Mittel der Mobilität zeigten, womit sie eine zeitgenössisch übliche Geschichte der Moderne erzählten. Sie machten Modernisierung und damit Modernität nun breitenwirksam greifbar und vermittelbar – nach außen und nach innen. Die Karten konnten, nach Wien versendet, Modernität signalisieren, eröffneten aber vor allem der regionalen Bevölkerung Partizipationsmöglichkeiten an den Veränderungen ihrer Umwelt, denn diese waren durchaus spektakulär. Bewohner*innen der ländlichen Gebiete konnten ebenfalls profitieren, da die kleinformatigen Selbstbilder auch jenseits von Czernowitz käuflich erwerblich waren. Auf den zweiten Blick jedoch zeigt sich ein bukowinisches Narrativ der Moderne. Denn die Verlage bevorzugten Orte, die für Aufstiegsmöglichkeiten und -realisierungen des Bürgertums, auch für seine Kultur im weiteren Sinne standen. Die Formationsorte der bürgerlichen Gesellschaft waren eines der visuellen Hauptnarrative der Zeit: Schulen und Theater hielten die Verlage für noch abbildungswürdiger und verkaufbarer als den Bahnhof. Nach einer ersten Einführung in die zeitgenössischen Rückständigkeitsdiskurse werde ich die Orte der Mobilität und der Urbanität vorstellen, bevor ich auf das bukowinische Narrativ des Bürgertums eingehe, um mit den wenigen Orten der Rationalisierung zu schließen. Moderne in der imperialen Peripherie: (Auto-)Diskurse und (Selbst-)Bilder Das Image der Bukowina im Habsburger Imperium war lange das einer rückständigen Region in der Peripherie, sodass unter den Beamten aus Wien das böse Wort der »Strafkolonie« zirkulierte. Zahlreiche Beispiele aus Presse und Literatur belegen, wie stark und lange das Zentrum mit diesem spät erworbenen Landstrich fremdelte. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, nach der Loslösung von Galizien und Lodomerien und verstärkt nach der Gründung der Czernowitzer Universität 1875, konnte sich die Region am östlichen Rand der Habsburger Monarchie auch positiv in die mental maps der tonangebenden Schichten des Habsburger Zentrums einschreiben. Dies machte die Wahrnehmung ambivalenter, doch sahen manche Wiener Journalisten die Bukowina von Mitte des 19. bis ins 20. Jahrhundert hinein als Grenzraum zu einer anderen Zivilisation, und prominente Schriftsteller wie Karl Emil Franzos ließen – wenn überhaupt – nur die Hauptstadt Czernowitz gelten.3 Modernisierungsbemühungen vor Ort – sofern sie denn überhaupt wahrgenommen wurden – kommentierte man in Wien häufig in einer Mischung aus wohlwollender Anerkennung und leiser Herablassung. Im sogenannten Kronprinzenwerk, der landeskundlichen Enzyklopädie, die von Rudolf von Österreich-Ungarn selbst mitangeregt wurde, und das der Integration des Reichs dienen sollte, also ein grundlegend wohlwollendes Narrativ verbreitete, beschreibt der 1899 erschienene Band zur Bukowina die Hauptstadt Czernowitz als auf dem Sprung zur Großstadt: »Der überaus rege Verkehr auf Straßen und Plätzen, die luxuriösen Auslagen der

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