Leseprobe

q 32 Ein globales Bildmedium, regional geprägt gründeten sich in den großen europäischen Städten bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert, wenngleich es aufgrund der Kostspieligkeit lange ein Hobby der Betuchteren bleiben musste. Die Amateurfotografie, so die Volkskundlerin Silke Göttsch, stellte für das Bürgertum eine ideale Freizeitbeschäftigung dar: Sie war leichter zu erlernen als die bildende Kunst, habe durch die teure Ausstattung aber genügend Distinktionspotential zu anderen Schichten geboten.61 Das vermutlich direkte Vorbild für Czernowitz, der Wiener Camera-Club, gründete sich bereits 1897.62 Amateurfotografen spielten in der Bukowina durchaus eine Rolle in der »Inventarisierung der Heimat«, doch blieb sie im Vergleich zu anderen Orten begrenzter.63 Viel häufiger waren es professionelle Fotografen. In Radautz fotografiert ein L. Seliger, in Storozynetz/Storożynec/Storojineţ ein S. Brüll, in Suczawa ein J. Chrzanowski, in Tereblestie/Terebłeszty/ Tereblecea ein Fr. Löffler aus Czernowitz. Portraitaufnahmen von Personen fertigten die Czernowitzer Fotografen CH. A. Meyer, Meier, und Schiller, der seine Postkarten auch selbst verlegte.64 In den Adressbüchern von Czernowitz waren zwischen 1898 bis 1914 allein 77 unterschiedliche Fotografen vermerkt, darunter Bahrynowicz (Abb.4) – und damit deutlich mehr also als an der Postkartenproduktion beteiligt waren. Wie ist der Verzicht auf die Namensnennung zu erklären? Wollten Fotografen ihre kommerzielle Tätigkeit verschleiern? Waren die Fotografien geklaut? Oder die Fotografen in der Bukowina nur wenig geschäftstüchtig? Alle Erklärungen treffen zu. Manche Postkarten waren schlicht abgekupfert und jeglicher Hinweis auf die Urheberschaft musste fehlen. Zwar verbot das Habsburger Gesetz die »Nachbildung auf fotografischem Wege (also auch mittels Lichtdruck) an erschienenen Werken der Photographie [...] ohne Erlaubnis des Urhebers oder Verlegers«.65 Doch dies blieb graue Theorie, denn in der Praxis war der Schutz vor Reproduktionen begrenzt: Raubkopien waren verbreitet, so Eva Tropper mit Blick auf die Postkartenproduktion in Niederösterreich und der Steiermark.66 Die Papier- und Schreibwarenzeitung, das Fachorgan für die Branche, begann nach der Jahrhundertwende, namentlich bekannte Raubkopierer öffentlich zu denunzieren, da »man diesen Herren schon infolge unseres lückenhaften Gesetzes zum Schutze des geistigen Eigentums meistenteils nichts anhaben kann.«67 So bleibe nur die Abschreckung. Für die Plagiatoren fanden sie den schönen Begriff des »Postkartenmarders«. Tatsächlich fehlten in den überlieferten Sammlungen auf etwa einem Fünftel aller Karten Angaben zum Verlag gänzlich. Häufig waren die Motive vertraute, sprich es kann von Plagiaten ausgegangen werden. So dürfte sich im Falle einer Postkarte des Austriaplatzes ein Plagiator bei dem Verlag Romuald Schally bedient haben (Abb. 5 und 6). Leon Königs Ansicht der Rathausstraße fand sich ganz ähnlich, nur etwas anders koloriert, auf einer Postkarte ohne Verlagsangabe wieder (Abb. 7 und 8). Ein Haus zur Linken hatte die Farbe gewechselt, ebenso hatten einige Personen andersfarbige Kleidung an. Die Figurenkonstellationen waren jedoch weitgehend identisch, nur einen Jungen mit Hut hatte der »Postkartenmarder« herausretuschiert. Verschwunden war in der Kopie auch die Fotografensignatur, die bei König noch unten rechts zu finden war.68 Das Abkupfern eröffnete größere Gewinnspannen, da dem Plagiator keine Kosten für die Fotografien entstehen. Gerade in Gegenden, von denen nur wenige Fotografien bestanden hatten, sei dies der Fall gewesen.69 Jens Jäger konstatierte in Bezug auf das Gewerbe der Fotografen, dass die Gerichtsakten bezüglich Patentstreitigkeiten und Urheberrechtsfragen bislang nur punktuell ausgewertet seien.70 So vielversprechend der Quellentypus auf den ersten Blick klingt, so wenig ergiebig war er in der Tat. Denn in der Habsburger Gewerbeordnung von 1859 wurde geregelt, dass Verfahren in Gewerbestraffällen in der Regel mündlich ablaufen und nur die Entscheidungen in einem Protokoll dokumentiert werden sollten.71 Doch selbst derlei Protokolle sind für die Bukowina leider nicht überliefert.72 Aus der Zeitung ist nur bekannt, dass Eduard von Schiller 1906 vor dem Bezirksgericht wegen eines Plagiatsvorwurfes stand, der allerdings nicht seine Postkarten betraf, sondern ein Gemälde, mit dem er den ersten Preis einer Ausschreibung der Czernowitzer Gesellschaft der Kunstfreunde gewonnen hatte.73 Die Verlage versuchten einiges, ihre Motive – und damit ihren Verdienst – zu schützen. »Nachdruck verboten!«74 ergänzten einige neben der Verlagsnennung, andere vermerkten gesetzlichen Schutz. Tatsächlich gab es die Möglichkeit, spezielle Layouts zum Musterschutz anzumelden.75 Besonders der Kunstverlag Schiller machte davon Gebrauch. Mehrere Portraitaufnahmen mit Angehörigen unterschiedlicher Ethnien tragen den Vermerk »deposé« vor der Jahreszahl. Leon König vermerkte ebenfalls »gesetzlich geschützt«: 1899 ließ er sich offenbar eine Ansichtskarte der Residenz-

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