Leseprobe

2.1 Rechtliche Grundlagen und Produktionsprozess 31 q 1876 deklarierte ein Gesetz, Fotografien auf Warenverpackungen, Etiketten oder Postkarten als Werk der Industrie und nicht weiter des Fotografen, womit jener jegliche Urheberrechte und viele Verdienstmöglichkeiten verlor.48 Mancher Postkartenverleger machte sich folglich gar nicht die Mühe, Landschaften und Architekturansichten von örtlichem Fotografen gegen Honorar fotografieren zu lassen oder eigene Verlagsfotografen zu beauftragen, sondern kaufte einfach vorhandene Lichtbilder auf.49 Deshalb warnten Fotografenzeitschriften in 1890er Jahren davor, Landschaftsfotografien zu verkaufen.50 Für Fotografen hieß es, selbstständig zu bleiben, um überhaupt vom Postkartenboom profitieren zu können. »Nur da blieb das Ansichtskartengeschäft in den Händen der Fotografen, wo sie sich selbst als Verleger betätigten, Lichtdrucke im Lohnverfahren herstellen ließen oder kleinere Auflagen selbst im Bromsilberdruck kopierten«,51 so Ludwig Hoerner mit Blick auf das Kaiserreich.52 Die Namenlosigkeit der Fotografen entsprach aber auch den Gepflogenheiten in anderen Branchen. So wurden Journalist*innen zur damaligen Zeit häufig nicht genannt, oder nur mit Akronym. Das Produkt – Fotografie oder Medientitel – stand im Fokus, das in seiner Massenhaftigkeit nicht als namentlich zu zeichnende Kunst galt. Zeitschriften für Fotografen, die im ganzen deutschsprachigen Raum gelesen wurden, informierten über juristische Entwicklungen und gaben regelmäßig Hinweise, wie mit Ansichtskarten – trotz der Rechtslage – Geld zu verdienen sei. Praktische Hinweise zur eigenen Herstellung von Postkarten waren zudem nicht selten.53 Auch wenn in der Habsburger Monarchie das Recht nicht so ungünstig für die Fotografen ausfiel, wählten manche diese Option.54 Sie betrieben also einen Selbstverlag.55 Andere verkauften ihre Motive an Schreibwarenhändler, Buchhändler und Trafikanten.56 Doch wie war die Rechtslage genau in Österreich? Das Urhebergesetz vom 26. Dezember 1895 garantierte Fotografen, die ihre Werke signierten und mit Datumsangabe versahen, einen Schutz von zehn Jahren.57 Entsprechend war, so Michael Ponstingl, sowohl den Verlegern als auch den Fotografen daran gelegen, dass auf den Postkarten Angaben zu den Fotografen zu finden waren. Für sie bedeutete dies Reklame und das Ausflaggen der Urheberansprüche. Fehlende Kennzeichnungen könnten entweder mit gewerblicher Naivität, dem Wunsch, kommerzielle Tätigkeit zu verschleiern, oder der Angst vor Strafverfolgung, etwa bei der Anfertigung von Erotica oder Raubkopien, erklärt werden.58 So logisch dies klingt, so fällt bei den überlieferten Ansichtskarten der Bukowina auf, dass Verlage zwar im Großteil der Fälle genannt wurden, die Fotografen aber deutlich seltener namentlich. Ganz selten einmal sind Fotografennamen bei Ansichten von Dörfern, Landschaften oder städtischen Straßenzügen zu finden, mitunter liest sich das aufs erste Mal recht kurios, wenn wir bei einer Ansicht des Ringplatzes von Sereth/Seret/Sireti erfahren, der k.k. Steuerinspektor Weinreb habe dieses Bild gemacht.59 Weinreb war offenbar Amateur, aber ein passionierter Amateur. So war er von Beginn an Mitglied im 1908 gegründeten Czernowitzer Camera-Klub, bei dem er sich als 1. Schriftführer engagierte.60 Kameraclubs Abb. 4 Fotografische Platte eines Czernowitzer Fotografen – T. Bahrynowicz: Czernowitz, o. J.

RkJQdWJsaXNoZXIy MTMyNjA1