Leseprobe

q 30 Ein globales Bildmedium, regional geprägt gesamt die Ansichten über die Bukowina. Für sie und ihr Publikum, bestehend aus den eigenen Bewohnern und den Reisenden, hatten die Motive des kleinen Kronlandes die größte Relevanz. 1910 lebten knapp 800 000 Personen in der Bukowina,41 die Reisendenzahlen stiegen langsam, aber sicher an. In der Frühphase musste der Druck der Bukowiner Ansichtskartenproduktion oft noch ausgelagert werden, bis in das im Druckgewerbe starke Deutschland oder sogar nach Agram/Zagreb, wo einige der Bukowina-Postkarten gefertigt wurden. Doch dann produzierten die meisten vor Ort. Hier ist ein deutlicher Unterschied zur Postkartenproduktion des benachbarten Russländischen Reiches festzuhalten. Dort sei, so Lenka Fehrenbach, der technische Vorsprung anderer Länder nicht mehr aufzuholen gewesen. Entsprechend hätten vor allem kleinere Produzenten ihre Karten bis zum Ende des Postkartenfiebers (und des Russländischen Reiches) im Ausland fertigen lassen, vor allem in Deutschland, Frankreich oder Schweden.42 Die zahlreichen Verlage boten ihre Waren in unterschiedlichen Segmenten an: Sowohl qualitativ eher minderwertige Karten als auch sehr hochwertige. Einige Verlage kolorierten per Hand nach, eine zeitintensive und oft unrentable Arbeit. Andere führten Karten mit besonderem Kniff: So gab es etwa mehrteilige Postkarten und Ansichtskarten, die unter dem Hauptmotiv der Bildseite einen ziehharmonikaartig zusammengelegten Papierstreifen versteckten, der weitere Sehenswürdigkeiten zeigte. Insgesamt erlaubten die technischen Verfahren in der Postkartenproduktion enorm hohe Auflagen. Sowohl mittels Chromolithografie als auch mittels Mehrfarbendruckes durch Autotypie gefertigte Karten konnten in einer Auflage von bis zu 60 000 Stück erscheinen.43 Für Verlage ermöglichten aber bereits Auflagen von 2 000 bis 3 000 Exemplaren Gewinne, unter 300 Kopien lohnte sich die Herstellung einer Druckplatte nicht.44 Wie viele Postkarten die Bukowiner Verlage insgesamt auf den Markt brachten, bleibt unklar. Doch angesichts der Vielzahl an Motiven und nummerierten Serien muss sich die bukowinische Postkartenproduktion auf Millionen aufaddiert haben. Mit dem Massencharakter lässt sich erklären, dass bis heute an unterschiedlichen Orten zahlreiche der Kärtchen überliefert sind, obwohl sie als Gebrauchsware oft direkt entsorgt wurden oder später, nachdem die Sammlereuphorie abgebrochen war. Bei den meisten Verlagen lässt sich eine Nummerierung ablesen, doch gab es sowohl unterschiedliche Serien als auch zählten Ansichtskarten, denen dieselbe Fotografie zu Grunde lag, bei etwas veränderter Inszenierung nur einmal. Zumindest der Platzhirsch, Leon König, der im Folgekapitel näher vorgestellt werden wird, handhabte dies so. Der Blick auf die Produktionsdaten, soweit vorhanden, zeigt, dass etwa 1905 die fotografische Vermessung der Bukowina abgeschlossen scheint und vermehrt bereits anderweitig verwendete Bilder in neuem Layout recycelt wurden. Das korrespondiert dabei mit Ergebnissen von Studien zu anderen Postkartenproduzenten, die zeigen konnten, dass Verlage ab etwa 1910 zunehmend auf ihr Fotoarchiv zurückgegriffen haben.45 Wie König und die anderen Bukowiner Verleger die Postkartenproduktion genau organisierten, entzieht sich unserer Kenntnis. Als privatwirtschaftliche Unternehmen verwahrten sie ihre Unterlagen nach eigenem Gutdünken und hatten keinerlei Auflagen, dies an städtische oder staatliche Archive abzugeben. Entsprechend sind Dokumente, die Auskunft über frühere Geschäftspraxen geben könnten, verloren. Chancen haben historisch Interessierte am ehesten, wenn Verlage über Jahrzehnte existierten und sie noch Unterlagen verwahrten, auch wenn sie die Postkartenproduktion nach dem Ende des Postkartenbooms schon längst eingestellt haben sollten. Auf diese Weise konnte die Ethnologin Karin Walter etwas Licht ins Dunkel der Postkartenproduktion bringen, da der Tübinger Traditionsverlag Metz, der eine große Bedeutung in der Postkartenproduktion der Jahrhundertwende hatte, überdauerte und die Archivschränke für sie öffnete.46 Der Verlag der Gebrüder Metz begann als Papierwarenhandlung (wie König und Horowitz in Czernowitz und andere in anderen Orten der Bukowina), bevor das Verlagsgeschäft dazu kam. Für die Postkartenproduktion stellten die Geschäftsinhaber zwei Personengruppen ein: Die Fotografen, in den gekennzeichneten Fällen allesamt Männer, die in ihrem Auftrag neue Motive für Ansichtskarten anfertigten und damit, so sollte man meinen, das Herzstück des Geschäfts bildeten. Doch sie verdienten weniger als eine zweite Gruppe an Angestellten: die Reisenden. Von ihrem Verkaufsgeschick nämlich hing der Umsatz des Verlags ab, und so konnten sie zusätzlich zum Grundgehalt eine Provision erhalten. Die Fotografen blieben im Produktionsprozess zumeist anonym. Hier war der Verlag der Gebrüder Metz kein Einzelfall, weshalb die Postkarte auch als Beispiel für die Akzeptanz der autorenlosen Fotografie gilt.47 Die Rechtslage im Deutschen Reich leistete dem Vorschub.

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