Leseprobe

2.1 Rechtliche Grundlagen und Produktionsprozess 29 q ten das Druckereigewerbe sowie die Buchhandlungen zum konzessionierten Gewerbe, für die eine besondere Befähigung nachgewiesen werden musste. Zu den für alle gültigen Voraussetzungen – darunter die Berechtigung, das eigene Vermögen zu verwalten und Vorstrafenfreiheit – traten Verlässlichkeit und Unbescholtenheit bei den konzessionierten Gewerben sowie »genügend allgemeine Bildung« für das Druck- und Papiergewerbe.30 Über die Zulassung entschieden die politischen Verwaltungsbehörden erster Instanz, die Gewerbsbehörden, die auch ein Gewerbsregister führten.31 Für die Buchhändler bedeuteten die Gesetze auch eine Möglichkeit, illegale Konkurrenz auszuschalten. So findet sich in den Akten der Bukowiner Landesregierung ein Fall, in dem mehrere Buchhändler, darunter Romuald Schally, der ein paar Jahre nach dem Brief im Postkartenhandel mitmischen sollte, sich beim Landespräsidium über ein Fräulein Julie Wiedmann beschwerte. Sie würde Schundliteratur in Gasthäusern, sogar in den »Straßen und Gassen der Stadt« feilbieten und habe die Konzession für Buchhandel nicht erhalten.32 Lizenziert war ebenfalls der Verkauf von Zeitungen. Die Interessenten mussten bei der Bukowiner Landesregierung die Konzession erbitten, wozu dann Informationen über ihren politischen und sozialen Hintergrund eingeholt wurden. Schließlich lagen auch Listen der zu verkaufenden Blätter bei, da die Obrigkeit die Stätten der politischen Meinungsbildung im Blick behalten wollte – nicht zuletzt vor dem Hintergrund der sich langsam zuspitzenden ethnischen Konflikte.33 Auffällig ist, dass der Großteil der Verlage in der Bukowina aus Papierwarenhandlungen und/oder Buchhandlungen entstanden war, was auch andernorts der typische Einstieg in die Herstellung und den Handel mit den kleinformatigen Karten war. Als Buch- oder Papierhandlungen bezeichneten sich folgende Verlage: Otto Binder in Suczawa/Suczawa/Suceava, Pachter in Dorna Watra (fast idealtypisch: Verlag der Papier-Galanteriewarenhandlung Pachter), Rosenfeld in Bad Dorna, Hammer in Bad Dorna (Verlag der Papierhandlung Dorna), Verlag Susi Last Papiergeschäft Sereth, Verlag Osias Weschler Buchhandlung Sereth, Verlag’s Buchhandlung Herman Grauer Sereth, Eckhard’sche Buchhandlung Czernowitz, Moritz Gottlieb in Czernowitz, M. Landau und M. Morgenstern in Czernowitz (jeweils als Papierwarenhandlung), Jakob Kunstadt in Radautz/Radiwzi/ Rădăuţ, Herzberg in Radautz (Verlag Buchhandlung). Die Papierhandlung Friedrich Rieber, Czernowitz, entwickelte sich zum Postkartenverlag »Bedien Dich selbst« weiter – im Namen bereits den modernen Gedanken der Selbstbedienung aufgreifend. Bis weit ins 19. Jahrhundert banden Gesetze im Habsburgerreich das Recht, Bücher zu verkaufen, an die technische Möglichkeit, Bücher zu drucken. Buchhändler mussten somit auch Buchverleger sein, womit die Gesamtzahl der Buchhändler überschaubar gehalten werden sollte. Erst 1899 hob der Gesetzgeber dies auf.34 Da die jüdische Bevölkerung in der Bukowina – wie andernorts auch – im Buchhandel und Verlagswesen stark vertreten war,35 hatten auch viele Postkartenverleger in der Bukowina einen jüdischen Hintergrund, worauf noch zurückzukommen sein wird. Das österreichische Gewerbewesen hatte insgesamt einen kleingewerblichen Charakter. Seit den 1870er Jahren formierten sich im Habsburgerreich die Kleingewerbetreibenden, denen es gelang, in den Gewerbeordnungen von 1883 und 1885 wesentliche Verbesserungen ihrer Position durchzusetzen. Der Befähigungsnachweis wurde Pflicht.36 Erst ab 1899 gab es völlige Freiheit bei der Unternehmensgründung,37 was sich auch an den schnelllebigen Firmengründungen im Postkartensektor ablesen lässt. Doch die Gewerbeordnungen des Jahres 1907 führten auch für den Gemischtwarenhandel Befähigungsnachweise ein: Ein Lehrbrief und der Nachweis über mindestens zweijährige Berufstätigkeit wurde nun Pflicht. Wenn die einzelnen Institutionen nicht selbst druckten oder keine Bücher verkauften, fielen sie nicht unter das konzessionierte Gewerbe.38 Doch anmelden mussten die Personen ihre Firmen. Leider konnten die Firmeneintragungen der Papierhandlungen und damit Postkartenfirmen im regionalen Archiv nicht aufgefunden werden, doch aus ähnlichen Akten lässt sich das Prozedere rekonstruieren. Nachdem sich die Firmen gegründet hatten, stellten sie einen Antrag beim Handelsgericht in Czernowitz, das dann in regelmäßigen Abständen Sitzungen abhielt. Bei positivem Bescheid konnte die jeweilige Firma dann in das Register eingetragen werden. Ganz am Ende des Prozederes stand eine amtliche Bekanntmachung in der Czernowitzer Zeitung.39 Produktionsprozess Die Häuser in der Region, von denen ich die wichtigsten noch vorstellen werde, konnten neben den ganz großen Verlagshäusern aus Wien und Prag nicht nur bestehen.40 Vielmehr dominierten sie den Markt und prägten ins-

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