Leseprobe

In den Jahrzehnten um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert begeisterten sich Menschen in zahlreichen Regionen Europas und der Welt für Postkarten. Die Nachfrage nach dem neuen Kommunikationsmittel war so hoch, dass gar ein »Postkartenfieber« konstatiert wurde. Auf den Markt eingeführt wurde das Produkt erst in den 1870er Jahren, danach setzte es sich in unterschiedlichen Regionen unterschiedlich schnell durch. In diesem Kapitel beleuchte ich die Postkartenproduktion in Bezug auf die Bukowina. Dabei geht es zum einen um die Klärung der rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Bildagenten in der Region im Kontext des Habsburgerreiches, was ich darüber hinaus komparativ einbette. Zum anderen geht es um die konkreten Akteure vor Ort, ein Milieu der kleinen (Buch-) Händler, denen ich mich mikrohistorisch nähere, soweit es die Quellen erlauben, um die Träger der Bildmedienerzählung in der Peripherie zu beschreiben. Hier schreibe ich zuvörderst eine Geschichte der Region, deren Befunde aber vergleichbar für andere Bildagenten der Peripherien sein dürften. 2.1 Rechtliche Grundlagen und Produktionsprozess Postkarten, damals Correspondenzkarten genannt, wurden innerhalb weniger Monate erst in Österreich, dann im Norddeutschen Bund freigegeben. Wer das neuartige Korrespondenzmittel erfunden habe, ob ein Deutscher oder ein Österreicher, war eine müßige Auseinandersetzung zuerst in Nationalisten-, dann in Philatelistenkreisen.1 Was aber belegt ist und handfeste wirtschaftliche Folgen nach sich zog, war die frühe Freigabe der Postkartenherstellung für die Privatwirtschaft. Bereits 1872 erlaubte das Deutsche Kaiserreich die Produktion durch private Firmen, weshalb die deutschen Verlage sich schnell eine deutliche Vorrangstellung im internationalen Wettbewerb erarbeiten konnten. Leipzig und Berlin wurden zu Zentren der Postkartenindustrie, aber auch in anderen Städten des Kaiserreichs stiegen findige Gründer in das Geschäft mit den kleinen Karten ein.2 Im Jahr 1899 addierte sich die Postkartenproduktion im Kaiserreich laut Rudolf Jaworski auf satte 88 Millionen Exemplare,3 Herbert Leclerc spricht gar von 750 Millionen produzierten Exemplaren um die Jahrhundertwende,4 die sowohl für den heimischen Markt bestimmt waren als auch in andere Länder verkauft wurden. Laut Deutscher Verkehrszeitung gingen die Exporte der deutschen Postkartenfirmen hauptsächlich in die USA, Großbritannien und an dritter Stelle dann nach ÖsterreichUngarn. Eva Tropper gibt 350 Millionen exportierte Postkarten im ersten Halbjahr 1908 an, womit sie die Größenordnungen bei Leclerc stützt.5 Zum Siegeszug der kleinen Karten trug bei, dass zeitgleich der Weltpostverein gegründet wurde, dem die zentralen Imperien und Nationalstaaten Europas beitraten. Er regelte unter anderem den internationalen Verkehr in Hinblick auf das länderübergreifende Porto, auch die Setzung des Standardformats für Postkarten gehörte zu seinen Aufgaben.6 Die Festlegung entfernungsunabhängiger Tarife habe, so Eva Tropper, die beteiligten Staaten zusammenrücken lassen. Zentren und Peripherien waren nun zumindest in Hinblick auf den Preis gleich weit entfernt.7 Im Habsburgerreich durften erst seit 1885 Ansichtskarten privatwirtschaftlich hergestellt werden.8 Entsprechend verspätet im Vergleich zum wilhelminischen Deutschland traten die dortigen Firmen in den Markt ein, was auch bedeutete, dass Ansichten Cisleithaniens zuerst von Postkartenverlagen und Druckereien im Nachbarland geprägt wurden. Studien zur Produktionsgeschichte konnten zeigen, dass in der ersten Phase, in der Postkarten zum Massenmedium wurden, für die Doppelmonarchie das Verlagshaus mit angeschlossener Druckerei Regel & Krug in Leipzig eine wichtige Rolle spielte.9 Es produzierte zahlreiche topografische Ansichtskarten Cisleithaniens, auch der Bukowina.10 Die einheimischen Verlage entfalteten aber durchaus zunehmende Macht auf dem heimischen Markt. 1900 druckten sie in der österreichischen Reichshälfte der Doppelmonarchie immerhin 16 Millionen, was aber ein Bruchteil der deutschen Produktion blieb.11 1905 begannen sich die Produzenten auf zentraler Ebene zu organisieren: Der Verband der Postkarten-Interessenten formierte sich in der österreichischen Reichshälfte, dessen Anliegen unter anderem war, den Markt durch Preisabsprachen zu stabilisieren.12 Angesichts der drohenden Erhöhung des Ansichtskarten-Portos kam es zu einer ersten Versammlung in Wien, bei der »einmal unter sich des Postkartenmenschen Freud und Leid gründlich zu besprechen waren«.13 Dabei artikulierten die Anwesenden ihren aktuellen Unmut über Schwierigkeiten im Postkartengewerbe, den sie durch eine Interessensvertretung zu beseitigen hofften. Die bereits länger existierende Papier- und Schreibwarenzeitung wurde zum Organ des Verbandes bestimmt, das mit Sicherheit auch von den Postkartenproduzenten in der Habsburger Peripherie gelesen worden ist. Auswärtige Produzenten der Bukowina-Bilder Üblicherweise werden die Jahre 1870 bis 1897 als Jahre der frühen Ansichtskarte benannt, während 1897 bis 1918 dann als »goldenes Zeitalter« gelten. In dieser Phase

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