Leseprobe

194 Einstein studiert und eigentlich Erfinder werden wollen. Der Vater wiederummit seinen perfekten, aber nur der Anschauung dienenden Buddelschiffen dürfte in ihm das Interesse am Basteln geweckt haben. Aber es waren am ehesten die Nachbars- und Straßenkinder, die ihm das Bauen von Objekten aus »junk« vormachten.7 In Simbabwe und London aufgewachsen, hat er zunächst Engineering & Systems Control und dann Bildhauerei studiert, bis er sich seit 1979 freischaffend »mit Lötkolben, Schweißbrenner und Druckluft ans Zeugen« machte.8 Im gleichen Jahr hatte er auch seinen ersten Auftritt als Künstler im Rahmen der »Hayward-Annual«-Ausstellung, die ihn neben anderen zeitgenössischen britischen Künstlerinnen und Künstlern vorstellte.9 Seit nunmehr bereits deutlich mehr als 40 Jahren verblüfft er mit seinen beweglichen Skulpturen, Installationen und geisterbahnartigen Maschinentheatern. Als Material dienen ihm allerlei Fundstücke, Sperrmüll und von der Gesellschaft ausgesonderte Gegenstände. Internationale Bekanntheit erlangte Whiting schließlich 1984 mit den Roboterbeinen, die durch Herbie Hancocks Musikvideo »Rockit« tobten – das als eines der besten Musikvideos jemals gilt.10 1987 leistete er einen Beitrag zum avantgardistischen Vergnügungspark »Luna Luna« von André Heller in Hamburg und es folgte unmittelbar das erste Maschinentheater in der Ausstellung »Unnatural Bodies«, welches er mit seinem Team Gleichgesinnter weiterentwickelte und über mehrere Jahre in verschiedenen Großstädten mit Erfolg zeigte. Daraus entwickelte sich schließlich auch die »Bimbo Town«, die von 1992 bis 1994 in Kleinbasel angesiedelt war und dann mit Zwischenstationen in Köln und 1995 in Leipzig aufschlug, wo sie bis 2017 nacheinander drei Standorte besetzte – zuletzt auf dem Gelände der Baumwollspinnerei – und die Klub- wie Kunstszene auf das Ausgefallenste bereicherte (Abb. 1).11 Die »Bimbo Town« war ein anarchisches Party-Areal mit einem Crossover zur Kunstinstallation, ein surreales Maschinentheater »in der schwarzen Romantik der Homunculi«12, eine »lebende 360%-Installation, bei der alle Elemente ständig in Bewegung waren.«13 Es war zudem ein ständiges Work-in-Progress, denn je »mehr Figuren kaputt gehen, desto öfter kann ich sie verbessern […], und die Ausstellung ist doppelt so gut […]«14 Es reizte ihn, etwas zu schaffen, das wiederum etwas Unvorhersehbares und Unerwartetes tut, »[…] its like making a little life.«15 Dabei ist Whiting immer unterhaltsam und amüsant, will das Publikum aber gern auch auf die Folter »spannen, teasen oder erschrecken«.16 »Bimbo Town« ist eine Geisterbahn, ein Wunderland, ein Rausch für alle Sinne und ein Experimentierfeld – eine immersive Erfahrung der noch ganz analogen Art. Als große Vorbilder für seine surrealen mechanischen Erlebnislandschaften benennt Whiting sowohl Hieronymus Bosch als auch den Schweizer Ausnahmekünstler Jean Tinguely. Tinguely selbst bezeichnete JimWhiting einmal als einen »fabelhaften Albtraumfabrikanten« und sah in ihm einen legitimen Nachfolger.17 Dadaistisches Spektakel – Jean Tinguely Jean Tinguely (1925–1991) ist einer der Hauptvertreter der kinetischen Kunst. Mit seinen beweglichen, maschinenähnlichen Skulpturen und raumgreifenden Kunstwerken zählt der Schweizer zu den wichtigen Wegbereitern der Kunst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Beschäftigung mit den Maschinen, deren Funktionen, ihre Bewegung und die von ihnen erzeugten Geräusche sowie deren inhärente sperrige Poesie standen im Mittelpunkt seines Schaffens. Die Idee und das Machen bedeuteten ihm mehr als Fragen nach der künstlerischen Originalität. Bereits in den ausgefallenen Schaufensterausgestaltungen aus Draht, die Tinguely als freischaffender Dekorateur in Basel und Zürich schuf, deutete sich das spätere künstlerische Schaffen an. Mit dem Umzug nach Paris intensivierte sich die Arbeit an kinetischen Reliefs, Skulpturen und Automaten. Er stellte dort unter anderem in »Le Mouvement« aus, der ersten Überblicksausstellung zur kinetischen Kunst, und erfand 1959 seine legendären Zeichenmaschinen, die »Méta-Matics«, die einen Höhepunkt seines sich rasant entwickelten Frühwerks darstellen. Mit ihnen ging die direkte Aufforderung an alle einher, selbst Kunstwerke zu produzieren. Bereits mit diesen »interaktiven Maschinen hinterfragte Tinguely das klassische Verhältnis von schaffendem Künstler, geschaffenem Werk und Betrachterinnen und Betrachtern.«18 Dass es ihm mehr auf die Idee ankam als auf die persönliche künstlerische Handschrift, zeigt sich auch im Kontext des kinetischen Reliefs »Maschinenbild Haus Lange« (Kat.-Nr. 60), das 1960 für die erste museale Einzelausstellung des Künstlers im Haus Lange in Krefeld entstand. Der Mies-van-der-Rohe-Bau diente seit 1955 als Ausstellungsort für zeitgenössische Kunst, an dem sich junge Kunstschaffende mit der Architektur auseinandersetzen und vor Ort Arbeiten realisieren konnten. Jean Tinguely gehörte neben Alexander Calder und Yves Klein zu den ersten Künstlern, die dort ausstellten. Das von ihm neu geschaffene »Maschinenbild« wirkt in der Frontalansicht wie ein konkretes Kunstwerk mit weißen Rechtecken und Streifen unterschiedlicher Länge und Breite auf schwarzem Grund. Diese weißen Bleche unterschiedlicher Größe sind vor der Bildoberfläche beweglich montiert und werden durch die von den Betrachtenden ausgelöste Stromzufuhr in zum Teil gegenläufige Drehbewegungen versetzt. Dadurch entsteht ein bewegliches, sich ständig änderndes zufälliges Bild. Das Bild befindet sich in einem Zustand permanenter Metamorphose.19 Dieses Werk reiht sich ein in die seit 1955 entstehende Werkgruppe der »Peinture cinétique«. Diese sogenannten Méta-Bilder erweitern die abstrakte Malerei in den Raum und schmuggeln die Maschine ins Museum. Der lustvoll verspielte Charakter dieser Objekte wirkt sich wie eine »magische Macht« auf das Publikum und die Kritik aus. 20 Diese Wechselwirkung zeigt sich auch darin, dass das »Maschinenbild Haus Lange« als Multiple angelegt war. Tatsächlich war der Künstler um ein Relief gebeten worden, welches von Gästen,

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