Leseprobe

215 Die Dame im Hamsterpelz ist das letzte voll- endete Porträt von insgesamt etwa 15, die Zwintscher von seiner Gattin Adele malte. Zugleich ist dieses, unmittelbar vor Aus- bruch des Ersten Weltkriegs entstandene Werk in seiner melancholischen Grundstim- mung ein bemerkenswertes Zeitdokument einer zugrunde gehenden Epoche. Dar­ gestellt ist nicht mehr die junge Frau, die er 1898 geheiratet hatte, sondern – dies scheint die Ausstattung mit mondänem (wenngleich um 1914 bereits etwas aus der Mode ge­ kommenem) Hut mit Straußenfeder und extravagantem Hamsterpelz 1 klarzustellen – eine gutsituierte, Anfang 40-jährige Dame mit dem Statusbewusstsein der Gattin eines anerkannten Akademieprofessors. Zur pompös-modischen Aufmachung im Widerspruch steht jedoch der ernste, sorgenvoll in die Ferne gerichtete Blick aus geröteten, glasigen Augen. Durchscheinend mutet die blassfahle, blauädrige Haut der hier fast hager wirkenden Gestalt an, die vom Ornament geradezu erdrückt scheint. Wie auf dem Sprung wirkt Adele hier, zum Ausgehen bereit auf einem Armlehnstuhl sitzend. Mit der rechten Hand am Revers scheint sie in diesem Moment fröstelnd den Mantel noch enger um sich schließen zu wollen. Ist es die Sorge um ihren Mann, der, bereits seit frühester Kindheit von schwa- cher Konstitution, keine zwei Jahre später im Alter von nur 45 Jahren in Dresden-Losch- witz sterben wird? Oder sind es die düste- ren Vorahnungen den »Großen Krieg« betreffend, der in Literatur, Kunst und Wis- senschaft längst präsent war, bevor er wenig Adele Zwintscher im Hamsterpelz OSKAR ZWINTSCHER 1914 Öl auf Leinwand, 89×63 cm The Jack Daulton Collection ÉDOUARD MANET Dame in Rosa (Madame Martin) , 1879/1881 Öl auf Leinwand, 94×75 cm Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Albertinum, Gal.-Nr. 2598 später auf den Schlachtfeldern Europas Wirklichkeit wurde? Doch auch die entbeh- rungsreichen Jahre der nun zurückliegenden jungen Ehe scheinen sich im Gesicht der Adele Zwintscher abzuzeichnen. In seiner altmeisterlichen Auffassung und in seiner detailrealistischen Schonungs- losigkeit spiegelt das Bildnis ein intensiv gelebtes Leben und weist gleichzeitig voraus in die Malerei der Neuen Sachlich- keit. Zwischen den zahllosen Damen »in Weiß«, »in Schwarz« oder »in Rosa« aus der Zeit um 1900 ist das in Brauntönen gehaltene Gemälde ein ganz eigenes Meis- terwerk malerischer Finesse. Die fast foto- grafisch anmutende Wirklichkeitsnähe des Bildnisses kommt nicht von ungefähr; eine entsprechende Vorlage ist jedoch nicht überliefert. Allerdings war Zwintscher offen- bar gut mit dem Lichtbildner Hugo Erfurth bekannt, der sich in Dresden um 1900 als Porträtfotograf einen großen Namen gemacht hatte. Von ihm stammen mehrere Aufnahmen von Adele Zwintscher (vgl. Abb. S. 156, 164 und 183), die er ähnlich male- risch ins Bild setzte, wie ihr Gatte es tat. 2 Lange Zeit galt das Gemälde als ver- schollen, bis es 2018 im Auktionshandel auf- tauchte und von dem US-amerikanischen Sammler Jack Daulton erworben wurde. Im Zuge des am Albertinum angesiedelten Forschungsprojekts zu Oskar Zwintscher gab der leidenschaftliche Symbolismus-­ Kenner das Bild als längerfristige Leihgabe nach Dresden. 1  Das ungewöhnliche Requisit des Hamsterpelzes findet sich bereits auf dem mit Gold und Perl- mutter betitelten Porträt von 1909 (Abb. S. 178), das Adele als Akt auf einer Hamsterpelzdecke liegend zeigt. Zu Mode und Malerei um 1900 vgl. u. a. Ober 2005, Dogramaci 2011, AK Kre- feld 2018. 2  Dehmer 2020 a; s. auch Dehmer/Dalbajewa 2021, S. 100–103. Hilke Wagner, Andreas Dehmer

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