Leseprobe

144 war wie alles im SED-Staat gleichgeschaltet und der Parteiherrschaft unter- worfen. Als Uta einmal in Pausengesprächen ihren Mitschülern von einer Evangelisation in der Annenkirche erzählte, die sie sehr beeindruckt hatte, wurde das durch einen Schülerspitzel sogleich an die Parteileitung gemel- det. Der Schuldirektor, ein gewisser Professor Richter, allgemein »Scharf- richter« genannt, bestellte daraufhin uns Eltern zu sich und erklärte uns, dass unsere Tochter mit ihrem Pausengespräch die Verfassung gebrochen habe, in welcher die Trennung von Schule und Kirche festgeschrieben sei. Wenn solcher »Verstoß gegen unsere Gesetze« noch einmal vorkäme, müsse er Uta von der Schule verweisen. Schlimm erging es auch unserem Sohn Mathis. Sein Klassenlehrer na- mens Schaumkehl war wie der Direktor ein roter Dogmatiker mit sadisti- schen Zügen. Mathis’ bester Freund Ingolf, der den Dienst mit der Waffe verweigert hatte, war hochbegabt, intelligent und dem Lehrer moralisch weit überlegen. Diesen Jungen trieb er mit Drohungen und entehrenden Reden vor der Klasse in den Tod. Er warf sich verzweifelt vor einen Zug. Mathis verteilte in der Schule den in Herrnhut hergestellten Aufnäher »Schwerter zu Pflugscharen« und geriet damit ins Visier der Staatssicher- heit, die ihn später vergeblich für Spitzeldienste zu gewinnen versuchte. Zur härtesten Lebensprüfung aber geriet ihm wohl der sogenannte »Ehren- dienst in der Volksarmee«. Achtzehn Monate war er der ungeliebten Truppe im Standort Bad Salzungen ausgeliefert. Es war auch für uns eine schwere Zeit, denn wir litten mit ihm.

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