Leseprobe

297 Im Gespräch Motivlage: Ich pack jetzt mal an für Deutsch­ land. Diese Antwort kambei meinen Befragun­ gen so oft, die sollte man ernst nehmen, finde ich. Es gabManager, die sagen heute: Mich hat einzig die superspannende Aufgabe interes­ siert, ich hattemit Schwarz-Rot-Gold nichts am Hut. Und es gab Leute, die fanden es gut, jetzt endlich Schluss machen zu können mit der Planwirtschaft. Die wollten die Marktwirt­ schaft nach Ostdeutschland bringen. Wie bewerten diese Manager im Nachgang das Jonglierenmit der Zukunft vonMillionenMenschen? MB Ambivalent. Auf der einen Seite empfinden sie ihre Treuhandzeit als einen, wenn nicht sogar den Höhepunkt ihrer Berufslaufbahn. Da wa­ ren Sachen möglich, die weder vorher noch danach möglich gewesen wären. Genau das war übrigens später für die jungen Treuhand­ mitarbeiter ein großes Problem. Die waren um die 30 und hatten das Gefühl, beruflich das Beste schon hinter sich zu haben. Und wie bewerten die ostdeutschen Treuhand­ mitarbeiter das Erreichte? MB Die Mehrheit der Treuhandmitarbeiter waren in der Tat ältere Ostdeutsche, meist aus den aufgelösten Plankommissionen und Branchen­ ministerien. Diese Leute warenmeist sehr froh, der im Jahr 1990 drohenden Arbeitslosigkeit entgangen zu sein und beim Umbau ihr Wis­ sen über die Branchen und Betriebe einbrin­ gen zu können. Aber gerade von den Ostmit­ arbeitern werden die massiven sozialen Kon­ sequenzen des scharfen Privatisierungskurses sehr häufig hervorgehoben. Eine richtige Gossip-Frage: Koks und Nutten. Gab es das bei der Treuhand? MB Das gab es, ja. Gerade die jüngeren Nach­ wuchsmanager hatten im Nachwende-Berlin eine gute Zeit. Die haben im Hotel gewohnt, haben sehr viel Geld verdient. Die gingen in die angesagten Clubs, tranken Cocktails und prahlten dort, was sie heute wieder alles bewegt haben. Dieses Yuppie-Klischee ist zwar ein gängiges Vorurteil, aber es hat natürlich eine gewisse Erdung gehabt. Das klingt nach einer sehr männlichen Unterneh- menskultur. MB Die Treuhandanstalt war auch gendermäßig ein total interessantes Gebilde. Die obere und mittlere Ebene war nahezu komplett männlich besetzt, auf der untergeordneten arbeiteten Frauen, ostdeutsche Frauen. Für deren Vorge­ teten, kann ja nicht ausschlaggebend gewesen sein. MB In der polemischen Auseinandersetzung wer­ den natürlich solche Sachen wie die Buschzu­ lage in den Vordergrund gerückt. Und klar, bei manchen jüngerenwestdeutschenNachwuchs­ kräften spielte es eine Rolle, dass man sehr viel Geld bei der Treuhandanstalt verdienen konnte. Konnte man? MB Konnte man durchaus. Als westdeutscher Di­ rektor oder Abteilungsleiter hat man für öffentliche Verhältnisse sehr gut verdient. Der Bundesrechnungshof hat zu dieser Frage di­ verse wütende Gutachten geschrieben. Aber die Treuhand hat immer gesagt: Wenn wir Spitzenpersonal haben wollen, müssen wir auch Spitzenpersonal bezahlen. Und, kam Spitzenpersonal? MB Durchaus. Aber um auf die Motivation zurück­ zukommen: Es gab unter diesen Leuten viele Manager, für die stand nicht das Geld im Vor­ dergrund. Manche hatten eine patriotische

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