Leseprobe

57 Dresden galt im frühen 20. Jahrhundert als eine eher konservative, tendenziell sogar rück- wärtsgewandte Stadt. Trotzdemgab es hier in derÄra derWeimarer Republik einige avantgar- distische Kunst- und Architekturströmungen. Denn die Stadt war in den 1920er Jahren auf- grund einer bemerkenswerten Ausstellungs- und Sammlungstätigkeit von diversen kleine- ren Galerien, Privatsammlern und Mäzenen ein Treffpunkt der Künstler und Architekten des sowjetischen Konstruktivismus, der niederländischen De-Stijl-Bewegung und des Bauhauses. 2 Dies zeigte bei den Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Kultureliten dann bis 1932 – laut einer überregionalen Fachzeitschrift – auchWirkung: »Publikumund Presse bewie- sen, daß sie der modernen [abstrakten] Malerei keineswegs mehr so verständnislos gegen- überstehen, wie es von der reaktionären Gegenbewegung erhofft wurde.« 3 Ida Bienert, ihr Salon und ihre Sammlung Eine wichtige Förderin dieser Entwicklung war Ida Bienert, die Ehefrau des Mühlenbesitzers und Brotfabrikanten Erwin Bienert. 4 Sie eignete sich als Gasthörerin an der Technischen Hoch- schule Dresden ein umfassendes kunsthistorisches und -theoretisches Fachwissen an und knüpfte vielfältige Kontakte zur Kunst- und Kulturszene. In ihrem halboffenen Salon in Dres- den-Plauen verkehrten neben dem Kunstkritiker Will Grohmann und dem Architekten Hans Poelzig auch der Bauhaus-Direktor Walter Gropius sowie die Bauhaus-Meister Paul Klee, Wassily Kandinsky und László Moholy-Nagy. 5 Indem sie eine ganze Reihe von Künstlern durch Ankäufe gezielt unterstützte, legte Ida Bienert eine der damals umfangreichsten Privatsamm- lungen moderner Kunst an, unter anderemmit Werken von László Moholy-Nagy, Piet Mond- rian, Kasimir Malewitsch, El Lissitzky, Lyonel Feininger und Kurt Schwitters. VonWassily Kan- dinsky erwarb sie 14, von Paul Klee sogar 51 Arbeiten. 6 Diese machte sie in verschiedenen Ausstellungen der Öffentlichkeit zugänglich. 1 Dieser Beitrag ist die inhaltlich modifi- zierte und teilweise ergänzte Zusammen- führung mehrerer kürzerer Texte, die erschienen sind in: Olaf Thormann (Hg.): Bauhaus Sachsen (Ausstellungskatalog des Grassi-Museums Leipzig), Leipzig/ Stuttgart 2019, S. 129–142. 2 Vgl. Birgit Dalbajewa u.a. (Hg.): Zukunfts- räume. Kandinsky, Mondrian, Lissitzky und die abstrakt-konstruktive Avantgarde in Dresden 1919 bis 1932 (Ausstellungskata- log des Albertinums), Dresden 2019. 3 K.: Dresden – Die Abstrakten, in: Die neue Stadt. Internationale Monatsschrift für Architektur, Planung und städtische Kultur, 6 (1932), H. 8, S. 179. 4 Vgl. Heike Biedermann: Im Netzwerk der Avantgarde – Ida Bienert in Dresden, in: Thormann, Bauhaus Sachsen (wie Anm. 1), S. 121–128; dies.: Aufbruch zur Moderne – Die Sammlungen Oscar Schmitz, Adolf Rothermundt und Ida Bie- nert, in: Dresdner Hefte 15 (1997), H. 1, Dresden 1997, S. 30–38, sowie: Heike Bie- dermann/Ulrich Bischoff/Mathias Wagner (Hg.): Von Monet bis Mondrian. Meister- werke der Moderne aus Dresdner Privat- sammlungen der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts, München/Berlin 2006. 5 Vgl. Dalbajewa, Zukunftsräume (wie Anm. 2), sowie: Tanja Scheffler: Hochkarä- tige abstrakte und konstruktivistische Arbeiten. Auch die Bienert-Villa in der Würzburger Straße 46 war in den 1920er Jahren ein Treffpunkt von Künstlern und Architekten der internationalen Avant- garde, in: Dresdner Universitätsjournal, 30 (2019), Nr. 5, S. 7. 6 Vgl. Heike Biedermann: »Mit Ihnen einmal im Orient zu sein, müßte ein Traum sein.« Die Sammlerin Ida Bienert und Paul Klee, in: Dresdner Hefte 13 (2013) H. 4, Dresden 2013, S. 42–54; sowie: Birgit Dalbajewa/ Heike Biedermann/Mathias Wagner: Zukunftsräume in Dresden? Die Rezeption abstrakt-konstruktiver Kunst von 1919 bis 1932, in: Dresdner Kunstblätter, 63 (2019), H. 1, Dresden 2019, S. 12–21, hier S. 16. Abb. 1 | Dresden, Luftbild des Albertplatzes mit nach Norden abzweigender Königsbrücker Straße, 1932

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