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41 durch nichts miteinander verbunden waren als durch einen tiefen Gegensatz. Wie Georg Waitz im allerersten Satz seiner »Kurzen schleswigholsteinischen Landesgeschichte« schreibt, die er aus aktuellem Anlass 1864 herausbrachte: »Der Kampf zwischen Deutschen und Dänen ist hier fast so alt wie unsere Kenntnis der Geschichte.« 3 Das war eine der wenigen Aussagen in seinem Buch, der auch seine dänischen Kollegen uneingeschränkt Beifall zollen konnten. Georg Waitz und seine Kollegen auf beiden Seiten der nationalen Grenze konstruierten eine Geschichte von gegenseitigen Konflikten und schwelendem Hass. Diesen fanden sie in ihrer ei- genen Zeit, mussten aber im Übrigen zum mittelalterlichen Streit zwischen der dänischen Kö- nigsmacht und den holsteinischen Rittern zurückgreifen, um schlagende Argumente für ihre These zu finden. Gerhard der Große (in der dänischen Tradition »den kullede« – der kahle Graf) und der nordjütische Niederadlige Nils Ebbesen aus dem 14. Jahrhundert wurden Symbole für dänischen und holsteinischen Hass und Unversöhnlichkeit. Tatsächlich erfüllte der berühmte Vertrag von Ripen 1460, der den oldenburgischen König von Dänemark zum Herzog über Schleswig und Holstein machte, sein nobles Ziel: Frieden zwischen den Nachbarn auf der kimbrischen Halbinsel zu schaffen. Der Krieg von 1848 bis 1850 war der erste zwischen »Dänen« und »Holsteinern« in knapp 400 Jahren. (Abb. 2) Dies bedeutete nicht, dass nur Frieden und Eintracht herrschten, aber es bestand eine stabile Verbindung zwi- schen dem Königreich und den zwei Herzogtümern, die auf mehr als auf einer ewigen Feind- schaft beruhte. Die nationalen Historiker fanden ihre Kronzeugen im Mittelalter, waren aber im Übrigen sehr selektiv in ihrer Auswahl an Begebenheiten und Zitaten. Selbst mit der modernen Quellen- kritik ausgestattet, sahen sie keinen Grund, Zitate mit abweichenden Auffassungen zu bringen oder ausgewogene Bilder von Nachbarschaft zu zeichnen. Diese Schlagseite prägt historische Darstellungen bis heute, die großen Helden sind immer noch vorrangig Personen, die für provo- zierenden Hass und Ressentiments zwischen den Einwohnern des Gesamtstaates verantwortlich waren. Es ist nicht schwer, auch andere Stimmen zu finden, aber ihre unpassenden Äußerungen im Hinblick auf eine Entwicklung, die später als alternativlos gesehen wurde, müssen verstörend gewirkt haben. So formuliert zum Beispiel der nordjütische Müller Hans Wulff in einem Beitrag im »Itzehoer Wochenblatt« vom Januar 1844 eine Haltung, die wahrscheinlich lange Zeit Konsens in einer sonst schweigenden Mehrheit war: »Meiner Gesinnung nach bin ich so gut Schleswiger oder Holsteiner als Däne […] Wir lebten lange friedlich beisammen, klagten gemeinschaftlich über Druck und schwere Zeiten, aber ohne mißgünstigen Groll; in den späten Jahren aber hat dies Unkraut fruchtbaren Boden gefunden, was allerseits sehr zu bedauern ist, denn nur durch Einig- keit gewinnt man Kraft und Stärke.« 4 Wenn wir Holstein als »das dänische Ende Deutschlands« betrachten, fördert dies eine dänische Geschichte zu Tage, die stärker in Richtung Süden orientiert ist, und eine holsteinische Geschichte, die ihre nördlichen Verbindungen ernst nimmt. Der das 19. Jahrhundert prägende nationale Kon- flikt schnitt wichtige Verbindungslinien ab. Dänen definierten sich danach als ein nordisches Volk – eine Definition, die alle Holsteiner und andere deutsche Landsmannschaften ausschloss. Hol- stein stand im dänischen Bewusstsein lange Zeit nahezu als ein Synonym für Deutschland. Nun verschwand diese Sichtweise gänzlich. Bereits in den Konflikten imGesamtstaat war der Abstand zwischen Dänisch und Holsteinisch gewachsen. Das Herzogtum Schleswig war der Zankapfel und hatte gänzlich die Rolle als Grenzregion eingenommen, die vorher mehr bei Holstein gelegen hatte. Die Dänen fokussierten sich auf die nationalen Gegebenheiten in Schleswig. Seit 1842 war die Festlegung der nationalen Grenze an der Eider das erklärte Ziel des nationalen Lagers, und damit war auch die Aussonderung Holsteins aus dem dänischen Staat verbunden. Immerhin Übergänge statt Grenzen

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