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48 Eiderstedt oder einige Gebäude in Rendsburg, die in demselben Stil und mit demselben Material wie die Anlagen auf Slotsholmen in Kopenhagen gebaut sind. Die durch den Architekten Chris- tian F. Hansen errichteten neoklassizistischen Wohn- und Landhäuser in Altona und entlang der Elbe sind trotz ihrer Gemeinsamkeiten mit Bauten in Kopenhagen letztlich eher einem interna- tionalen klassizistischen Stil geschuldet. (Abb. 5) Es gab kein holsteinisches Interesse – allen patriotischen Vereinen und wohlmeinenden Gesamtstaatsdenkern zum Trotz –, sich tiefer mit der dänischen Sprache und Kultur zu beschäftigen. Der politische Einfluss erstreckte sich nie auf die kulturelle Ebene, während der deutsche Einfluss in Dänemark immer sehr groß war. Deutsche Reisepublizisten konnten ihre Leser mit dem Hinweis beruhigen, dass es keine sprachlichen Probleme auf ihrer Reise in die dänischen königlichen Länder geben werde. 13 Während der kurz- zeitigen Annexion von Holstein von 1806 bis 1814 wurde eine umfassende Einführung der däni- schen Sprache als gleichgestellte Sprache vorbereitet, aber diese Politik wurde so wenig wie andere geplante Integrationsmaßnahmen durchgeführt, vor allem weil der Krieg bereits ab 1807 nahezu alle Ressourcen verschlang. Der nicht immer sehr empathische Auftritt von Seiten der Staats- macht gab den holsteinischen Regionalisten reiche Gelegenheit, die Einverleibung Holsteins als Ausdruck für die wirkliche Intention des Königs zu sehen: eine vollständige Dänisierung von Holstein. Holstein spielte eine herausragende Rolle als Bindeglied für den Transfer kultureller Strö- mungen aus dem großen Europa und anderen Teilen Deutschlands. Dieser Kulturtransfer hatte eine lange Tradition. Dabei handelte es sich nicht nur umNeuerungen im Bereich der Politik oder von Kunst und Kultur, sondern auch um praktische Neuerungen. Holsteinische Gutsherren waren verantwortlich für entscheidende Modernisierungen in der dänischen Landwirtschaft, Neuerun- gen, die von der Butterherstellung bis zur Flurbereinigung reichten und das Königreich zu einem der effektivsten Agrarländer überhaupt machten. Abschließend soll noch kurz die politische Situation betrachtet werden. Deutsche Entwicklungen und die Wünsche des dänischen Königs, seinen deutschen Ländern Holstein und Lauenburg eine Ständeversammlung zu geben, wie auf demWiener Kongress 1814 besprochen und in den 1830er Jahren realisiert, führten zur Einführung einer konstitutionellen Monarchie in Dänemark im Jahre 1848. Von 1834 bis 1848 standen vier ratgebende Provinzialstände im Fokus der Bestrebun- gen, um aus den verschiedenen Teilen der Monarchie einen integrierten Gesamtstaat zu machen. Dieses Experiment wird von der Geschichtswissenschaft traditionell ausschließlich im Lichte des Zusammenbruchs des Gesamtstaates gesehen. Es steht außer Frage, dass die Ständeversamm­ lungen von einem Forum für politische Reformdebatten zu einer Bühne für destruktive Kräfte – dänische Nationalisten und schleswig-holsteinische Regionalisten – wurden, die gegen einen gemeinsamen Staat arbeiteten. Es glückte den sehr vorsichtigen und unentschlossenen Gesamt- staatspolitikern nicht, eine gemeinsame politische Öffentlichkeit herzustellen, es wurden in dieser Zeit jedoch gleiche Gesetzesvorschläge für die Staatsbildung in allen Teilen des Reiches diskutiert. Hätte die oldenburgische Krone eine mutigere und offensivere Politik gewagt, zu einem früheren Zeitpunkt volksgewählte Versammlungen als Teil des politischen Prozesses eingeführt und allen Untertanen – Dänen, Schleswigern und Holsteinern – einen föderativen Verfassungs- staat in Aussicht gestellt, wäre dies vielleicht ein gangbarer Weg gewesen. Auch die deutsch-orientierten holsteinischen Regionalisten wie beispielsweise Theodor Olshausen, Redakteur des »Kieler Correspondenz-Blattes«, wussten, dass die Holsteiner in Anbetracht des engen Bandes mit Schleswig und angesichts der vielfältigen Verbindungen mit der dänischen Monarchie im Grunde ihre staatliche Zukunft nicht unbedingt in einer Einheit mit den Deutschen südlich der Elbe sahen. 14 Politische Entwicklungen

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