Katalog

46 der Ideologie und nicht nach praktischen Überlegungen richtete. Mit den vielen Dialekten und sprachlichen Mischformen, die in der Monarchie verbreitet waren, war der Abstand zwischen den Sprachen kleiner als zwischen den modernen nationalstaatlichen Standardsprachen. Eine Begründung für die Bezeichnung Holsteins als »das dänische Ende Deutschlands« ist seine Eigenschaft als Übergangsland. Denn Holstein war zu gleicher Zeit Teil des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und gehörte zur oldenburgischen Monarchie, was unver- einbar mit nationalen Ideen war. Darin lag aber ein nicht unbedeutender Vorteil für Holstein. Die Krone verfolgte lange eine Strategie, deren Ziel es war, Holstein durch Schleswig zu ge- winnen, in der Erwartung, dass die gemeinsamen Bande zwischen den Herzogtümern so stark waren, dass Holstein es vorzog, mit Schleswig und damit mit Dänemark zusammenzubleiben, statt sich Deutschland zuzuwenden. Dass es letztendlich Holstein war, das wesentlichen Anteil daran hatte, Schleswig aus der staatlichen Verbindung mit Dänemark zu lösen, wurde im Nach- hinein als logisch betrachtet. Die königliche Strategie, davon waren später alle überzeugt, hätte nie gelingen können. Die Nationalstaaten grenzten nach 1864 auch das Arbeitsgebiet der Historiker ab. Nach der ein- deutigen Niederlage wandten sich die Dänen nach innen und interessierten sich nicht mehr für die Gebiete, die früher Teil des Gesamtstaates gewesen waren. Ebenso verfuhren die Geografen. Die nationalstaatliche Karte von Dänemark zeigte im Großen und Ganzen nichts von der Welt um Dänemark herum. Dicht an der Kante, in einem Rechteck, wurde Bornholm in die oberste rechte Ecke platziert, um nicht auch das Nachbarland auf der Karte abbilden zu müssen. Die überseeischen Reichsteile wurden ganz ausgeblendet. Nur ein kleines Stück von Schleswig deu- tete an, dass die Halbinsel sich tatsächlich nach Süden fortsetzte. Durch das Auslassen der Abbil- dung der anderen Nationalstaaten und des geografischen Ganzen verschwanden die historischen Zusammenhänge und die geografische Logik hinter dem Gesamtstaat. Es ist wichtig, dies festzu- halten, weil die Karte von den Gebieten der oldenburgischen Monarchie für die Zeit nach 1814 noch ganz deutlich diesen Zusammenhang zeigt, wie er vor den Nationalstaaten und ihren Gren- zen existierte. Jahrhundertelang hatte die oldenburgische Krone in Richtung der Elbe als natürlicher Süd- grenze geblickt. Die Karte zeigt, warum. Die kimbrische Halbinsel bildete eine Einheit und war Teil eines zusammenhängenden ökonomisch-kulturellen Raumes. Wie für viele Halbinseln cha- rakteristisch – man denke nur an Italien – hatte auch die kimbrische kein Zentrum. Sie war aber ein wichtiges Bindeglied. Der südliche Teil der Halbinsel – Holstein – hatte große strategische Bedeutung und fungierte als Drehscheibe für Kontakte zwischen Norden und Süden, Osten und Westen. Dies war entscheidend für die Rolle der Region innerhalb der oldenburgischen Monar- chie. Je stärker die Integration und Staatsbildung die Politik der Krone bestimmten, desto wich- tiger wurde die politische Dimension in der Ausbildung der Infrastruktur. Der Ochsenweg war eine uralte Verbindung zwischen den Teilen der Halbinsel, und es war eine Verbindung, die auch im 19. Jahrhundert die kontinentalen Teile des Reiches zusammenband. Ein wichtiger Diskus­ sionspunkt war die Modernisierung der Infrastruktur in Form von Chausseen und Eisenbahnen, die den traditionellen Verbindungen folgen sollten. Dabei ging es inzwischen nicht nur um die Nord-Süd-Verbindung, sondern in hohemMaße auch um eine Ost-West-Perspektive, die die hol- steinische Region einbrachte. Der Bau des Schleswig-Holstein-Kanals in den Jahren von 1776 bis 1784 war eines der bemerkenswertesten Beispiele dafür, wie ökonomische und gesamtstaatliche Interessen zusammenspielten. (Abb. 4) Dieses Zusammenspiel kam später ebenfalls in der An- lage der Chausseen und danach im Bau der Eisenbahn zwischen Kiel und Altona zum Ausdruck. Die frühen Dampfschiffverbindungen zwischen Kiel und Kopenhagen zeigten klar in die Rich- tung dieses Musters. Das Bindeglied wird Peripherie

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