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18

Michael Bischoff

zwischen Wissen und Nichtwissen besser verdeutlicht als ein unscharfer Übergang, der den antiken und

mittelalterlichen Vorstellungen vom Ende der Welt als unheimlichem, mythologisch aufgeladenem Ort

eher entsprochen hätte.

Erst mehr als 100 Jahre später führte der französische Kartograph Guillaume Delisle (1675–1726) die

sprichwörtlichen

weißen Flecken auf der Landkarte

ein, indem er unbekannte Gebiete unkartiert ließ und mit

allen zweifelhaften geographischen Informationen wie auch mit den als Flächenfüller eingesetzten deko-

rativen Elementen konsequent aufräumte. Ähnlich griff bereits Ortelius auf seiner Karte der in der Antike

bekannten Welt zum Stilmittel des kartographischen Verschweigens – jedoch mit dem Ziel, einen histori-

schen Kenntnisstand zu visualisieren. Dass man es zu seiner Zeit besser wusste, wird dem Betrachter durch

die kleinen Eckmedaillons vor Augen geführt. Sie zeigen vier Kontinente, neben den drei altbekannten auch

die fast genau 100 Jahre zuvor entdeckte Neue Welt (links unten). Zudem folgen die Umrisse Amerikas,

ebenso wie die von Europa, Asien und Afrika, in den übrigen Medaillons und in der Hauptkarte den aktu-

ellen Erkenntnissen des späten 16. Jahrhunderts.

Was ist das Bemerkenswerte an einer Weltkarte, die ein zu ihrer Entstehungszeit bereits hoffnungslos

veraltetes Wissen abbildet? Es ist das Bewusstsein für historischen Abstand und Zeitgebundenheit mensch-

licher Erkenntnis. Indem sie aus geeigneten Quellen ein Weltbild der Vergangenheit – hier der Antike –

rekonstruiert, erweist sie sich als typisches Erzeugnis der Renaissance. Der Antwerpener Abraham Ortelius

war nicht nur ein erfolgreicher Kartograph, sondern verfügte auch über eine umfassende humanistische

Bildung (Karrow 1998). Neben mehreren modernen europäischen Sprachen beherrschte er Latein und

Griechisch. Sichere Kenntnisse antiker Autoren kamen ihm bei der Anfertigung von Geschichtskarten wie

der vorliegenden zugute.

In einer Zeit, in der Informationsmangel auf Karten als willkommene Gelegenheit für figürliches Bei-

werk – Schiffe, Seeungeheuer, exotische Tiere, ethnographische Szenen – genutzt wurde, mag Ortelius’ leere

Karte als irritierend empfunden worden sein. Doch ist es gerade dieser Effekt, der die Bedeutung der

neuzeitlichen geographischen Entdeckungen bewusst macht: den Aufbruch ins Ungewisse, hinaus über die

Abb. 4

Schöpfergott

, Deckfarben

auf Pergament, Frankreich,

um 1220/30 (Wien, Öster­

reichische Nationalbibliothek)